Wie Rheinland-Pfalz den Tourismus neu erfinden will

Tourismus : Wie Rheinland-Pfalz den Tourismus neu erfinden will

Nur Thüringen schneidet beim Gäste-Wachstum noch schlechter ab als Rheinland-Pfalz. Auf den Schrecken folgt ein Ruck. Mit Ideen, um künftig mehr Besucher anzulocken.

Was hat Rheinland-Pfalz mit Thüringen gemeinsam? Nirgendwo wächst die Zahl von Gäste-Besuchen und Übernachtungen langsamer in Deutschland. Im Bundesland, wo das Moseltal, der Saar-Hunsrück-Steig, die Porta Nigra, die Loreley oder der Kaiserdom in Speyer liegen, hat das einen Schrecken entfacht, aber auch ein Aufbäumen. Parteien, Wirtschaft, Tourismus, Kommunen und Werber arbeiten zusammen, um neue Ideen für Rheinland-Pfalz zu entwickeln - in einer Enquete-Kommission im Landtag. Doch wie lässt sich Tourismus neu erfinden?

MEHR GELD Die Förderung des Tourismus wird mehr kosten. „Wir wissen, dass wir im Vergleich zu anderen Bundesländern zu wenig Geld in den Tourismus geben“, sagt Ellen Demuth, CDU-Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der Enquete-Kommission. Die Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH bekam im vergangenen Jahr 2,8 Millionen Euro aus Landesmitteln, 2010 waren es noch 3,8 Millionen. Nach Gereon Haumann, Landesvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, sind in den vergangenen Jahren auch Marketing-Ausgaben von 700 000 auf 250 000 Euro gesunken. Es fehle so an Mitteln, für Rheinland-Pfalz zu werben - und mehr Menschen zu locken.

NEUE GÄSTE Eines der Ziele werde künftig mit Sicherheit sein, die zahlungskräftigen Gäste gezielter anzusprechen, sagt Stefan Zindler, Geschäftsführer von Rheinland-Pfalz Tourismus. „Alle Gäste sind bei uns willkommen, aber das Marketing wird fokussiert auf Gäste, die im Land Wertschöpfung auslösen.“ Bislang kommen vor allem Menschen mit Zelt, Wohnwagen und Wohnmobil gerne an Mosel und Rhein. In den vergangenen zehn Jahren legten die Camping- und Reisemobilplätze besonders stark zu. Das Problem dabei, so sagt Demuth: „Campingurlauber bringen kaum Kaufkraft in die Regionen.“ Staatssekretärin Daniela Schmitt (FDP) meint, künftig solle eher der Wein- und Genusstourismus ausgebaut werden, zusammen mit dem Städte- und Kulturtourismus, sowie das Thema Tagungen: „Wirtschaftlich erfolgreich kann Tourismus nur sein, wenn die Gäste Geld in die Region bringen, zum Beispiel in die Gastronomie, beim Einkauf, beim Konsum regionaler Produkte.“

FRISCHE UNTERNEHMER Finanzierungsstau und fehlende Nachfolger – die Probleme plagen Gastronomie- und Hotelbetriebe. Denkbar sind sowohl Zuschüsse als auch günstige Kredite, um ihnen unter die Arme zu greifen, sagt Demuth. Gereon Haumann kennt die Probleme, die Besitzer nach einer Übergabe haben: Mit einem Eigentümerwechsel erlischt die Konzession. Um aber ein Gasthaus oder Hotel auf den aktuellen Stand der Vorschriften und Regelungen zu bringen, sind oft sechsstellige Investitionssummen nötig, die der Neue oft nicht hat, sagt er. Haumann wünscht sich flexiblere Übergänge. Sein Plan: Ein neuer Betreiber sollte nicht zu einem bestimmten Stichtag alle Ansprüche erfüllen, sondern drei bis fünf Jahre Zeit haben, in der sich das Geschäft vielleicht schon trägt und eine Bank leichter Kredit gewährt. Zehn Millionen Euro pro Jahr solle das Land beisteuern, um je zur Hälfte Investitionen in einen Betrieb zu fördern. Haumann sagt auch, dass Unternehmer mehr Gewinne schreiben könnten, wenn Tourismus gleichberechtigt zum Weinbau und der Landwirtschaft sei. Mitarbeiter könnten dann in der Saison sechs Tage in der Woche und zwölf Stunden am Tag arbeiten, Überstunden in der besuchsarmen Zeit abbauen. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten lehnt das ab. „Welcher Mitarbeiter würde solche Zeiten denn mitmachen?“, fragt Klaus Schu, Geschäftsführer in Trier. Regeln zu Überstunden in der Hochsaison seien ohnehin gelockert worden, nicht jeder Betrieb nehme dies in Anspruch. „Daher halten wir das für ausreichend.“

STARKE ZUGPFERDE Überlegt wird in der Kommission auch, bei der Werbung für Rheinland-Pfalz auf wenige starke Zugpferde zu setzen. „Diese könnten zusätzlich aufgeladen werden, damit sie überregional ausstrahlen“, sagt Albrecht Ehses von der Industrie- und Handelskammer in Trier. Dabei denkt er auch an das Mosel-Musikfestival. „Das könnte man als Marketing-Basis nutzen im internationalen wie nationalen Markt.“ Ohnehin ist eine übergeordnete Rheinland-Pfalz-Marke eine Idee, die von der SPD-Landtagsabgeordneten Nina Klinkel kam.

Zindler von Rheinland-Pfalz Tourismus sagt, das Marketing habe sich durch die Digitalisierung „massiv verändert“. „Die Menschen stellen sich heute ihre Reise selber zusammen, denn es ist alles online verfügbar. Sie werden selbst zum Reisebüro. Darauf müssen wir uns einstellen, damit wir auffindbar sind.“ Künftig ginge es beispielsweise darum, dass rheinland-pfälzische Angebote auch über Assistenzsystem wie Siri und Alexa gefunden werden. Wirtschaftsstaatssekretärin Schmitt hebt auch das Projekt der Uni Trier hervor, das antike Bauwerke in der Region virtuell wieder sichtbar machen soll. Zugleich sind Betriebe durch den digitalen Wandel gefordert: Nach Sabine Winkhaus-Robert (Mosel-Touristik) werde es immer wichtiger, in den digitalen Vertrieb einzusteigen und W-Lan in Häusern anzubieten. Klaus Schäfer (Eifel Tourismus) sagt, es gebe Tourismus in Echtzeit, bei dem jedes Essen weltweit im Netz verglichen werde. Jörn Winkhaus (Hunsrück-Touristik) will jedoch nicht nur die digitale Infrastruktur gefördert sehen, sondern eben auch die echten Wege, auf denen Gäste wandern und radfahren. „Der barrierefreie Ausbau wird immer wichtiger, auch für ältere Besucher oder Eltern mit Kinderwagen“, sagt er.

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