Wie sich Rheinland-Pfalz mit Regierungsbunker für Atomkrieg wappnete

Geschichte mit Gruselfaktor : Oben Schulsport, unten Kalter Krieg

Was, wenn es im Clinch der Supermächte zum Ernstfall gekommen wäre? Dann hätte sich die Landesregierung nach Alzey geflüchtet – in einen Bunker an einem ungewöhnlichen Ort. Wie sicher sie dort gewesen wäre, ist zweifelhaft. Der Komplex sei eine „halbherzige“ Lösung gewesen, sagt ein Experte.

An einem Dienstag vor Ostern ziehen sich in einer Turnhalle in Alzey Sportler vor einer Trainingseinheit um. Ein Stockwerk und 18 Stufen tiefer springt unter lautem Getöse eine Lüftung an. Gleich beim ersten Versuch, und das knapp 40 Jahre nach Inbetriebnahme. Damals, in den 1980er Jahren, hätte sie die Landesregierung von Rheinland-Pfalz mit frischer, gefilterter Atemluft versorgen sollen, wenn der Albtraum des Westens wahr geworden wäre und die Armeen des Warschauer Pakts bei einem überraschenden Angriff massiv Kernwaffen eingesetzt hätten.

Das Spitzenpersonal des Landes wäre dann hierher, in einen Bunker unter der Schulturnhalle des Aufbaugymnasiums Alzey, gebracht worden, erzählt der Bunkerexperte Jörg Diester, der die Lüftung für eine Vorführung eingeschaltet hat.

„Hier wäre im Spannungs- und Verteidigungsfall die Schaltzentrale für Rheinland-Pfalz gewesen“, sagt Diester. Vertreter der Landesregierung und aller Ministerien sowie ziviler Einrichtungen wie Landeszentralbank, Autobahnmeistereien und Wasser- und Schifffahrtsdirektionen wären im Ernstfall nach Alzey evakuiert worden. Im Kriegsfall wären hier dann die Meldungen aus dem Land zusammengelaufen: Gibt es Bevölkerungsbewegungen? Sind Straßen, Brücken oder Gleise nicht mehr befahrbar?

Zwei Wochen lang hätten 200 Menschen auf zwei Stockwerken mit der Grundfläche einer Turnhalle schlafen, essen, arbeiten und überleben können. Ein großer Teil der Ausstattung für die autarke Versorgung ist heute noch intakt und erinnert an vergangene Zeiten: Ein kleiner Diesel-Schiffsmotor hätte für Strom gesorgt, in einer eigenen Küche wären eingelagerte Lebensmittel zubereitet worden, Außenluft wäre durch einen Sandkasten und einen Aktivkohlefilter geleitet und so gereinigt worden. In einem kleinen Raum stehen noch immer die Fernschreiber aufgereiht, mit dem Telefonanschluss habe man bis vor kurzem noch telefonieren können, erzählt Diester. Und an einer Wand im Versorgungsbereich des Bunkers zeichnet auch nach 40 Jahren ein Geigerzähler Strahlung auf und erinnert so an die ständige Bedrohung im Kalten Krieg.

Bei der Nato sei man in den 1950er und 60er Jahren davon ausgegangen, dass der Feind nicht nach einer formalen Kriegserklärung, sondern überraschend direkt in den Vorstoß übergehe – und zwar unter dem massiven Einsatz von Atombomben, sagt Diester. Rheinland-Pfalz hätte es angesichts seiner Lage in der Mitte der Bundesrepublik wohl schlimm erwischt: Im Rahmen der „Fallex“-Übung 1966 spielte die Nato das Verhalten in einem solchen Fall durch – und rechnete in dem Planspiel mit rund 100 über Rheinland-Pfalz abgeworfenen Kernwaffen.

Das Bundesinnenministerium wies 1958 angesichts dieser Bedrohung die Länder an, befestigte Ausweichsitze einzurichten. Die Bundesregierung selbst wappnete sich mit dem Bau des – ebenfalls in Rheinland-Pfalz gelegenen – Regierungsbunkers in Bad Neuenahr-Ahrweiler für den Ernstfall. Mit dem Bundesbankbunker in Cochem beherbergte das Land in Zeiten des Kalten Krieges einen weiteren Ausweichsitz. Rheinland-Pfalz habe bis spätestens 1980 den Bunker in Alzey fertiggestellt, sagt Diester. Zuvor habe es zwei unbefestigte, oberirdische Ausweichsitze in Bad Sobernheim (Kreis Bad Kreuznach) und im Schloss Burg an der Mosel (Kreis Bernkastel-Wittlich) gegeben. Für den Standort Alzey habe damals die gute Anbindung von und nach Mainz gesprochen. „Und Alzey hat einen geografischen Vorteil: Es liegt in einem Kessel“, erklärt Diester. Das hätte einen gewissen Schutz geboten vor den Druckwellen, die nach der Explosion einer Atombombe übers Feld jagen.

Mit dem Ausweichsitz in Alzey habe sich das Land aber für eine „halbherzige“ Lösung entschieden. Denn der Bunker unter der Schulturnhalle habe – anders als vorgeschrieben – keinen Tiefbrunnen, sondern hätte sich im Ernstfall mit Wasser aus Tanks versorgen sollen. Auch die Außenwände sind mit 40 Zentimetern weit weniger dick als die vorgegebenen drei Meter. „Das ist der einzige Bunker, den ich kenne, aus dem man mit einem Handy telefonieren kann“, sagt Diester. Andererseits hätten aber auch nach Vorschrift gebaute Bunker einem direkten Angriff mit einer Atombombe nicht standgehalten. Entscheidend sei deshalb, ob die andere Seite von dem Standort gewusst hätte. „Und der Bunker war bekannt“, erklärt er. Man wisse aus einer Stasiakte, dass das Objekt erfasst worden sei.

In den 80er Jahren nahm das Land laut Diester mindestens zweimal an Nato-Übungen teil und probte das Ausweichen in den Bunker. „Die Übungen waren bei den Mitarbeitern nicht sehr populär“, sagt er. „Wer mitmusste, hat in den sauren Apfel gebissen.“ Schließlich habe man eine Woche lang auf engstem Raum ausharren müssen.

1993 wurde der Bunker in Alzey aufgegeben. „Mit dem Wegfall der Ost-West-Konfrontation wandelte sich die Sicherheitslage für die Staaten der Nato komplett. Bund und Länder gaben das Konzept von Ausweichsitzen für die Regierungen und Verfassungsorgane auf“, teilte eine Sprecherin des rheinland-pfälzischen Innenministeriums mit. Beispielsweise bei Hochwasser oder anderen Naturkatastrophen würde die Landesregierung je nach Lage auf andere Dienstgebäude ausweichen. Es sei sichergestellt, dass sie jederzeit handlungsfähig sei.

(dpa)
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