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Wie viel Familie verträgt die Arbeit?

Wie viel Familie verträgt die Arbeit?

TRIER. Dass ein Ehepartner zurücksteckt, wenn Kinder kommen, gehört immer noch zur Normalität im deutschen Erwerbsleben. Mit dem Projekt "ZeitZeichen" zielt das Institut für Mittelstandsökonomie an der Universität Trier auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – und damit auf die tatsächliche Gleichstellung von Männern und Frauen.

"Beim Thema familiengerechte Arbeitszeit liegen Theorie und Praxis noch weit auseinander", sagt Martina Josten vom "Institut für Mittelstandsökonomie" an der Universität Trier (Inmit). Eine Studie der Mainzer Gutenberg-Universität hat es kürzlich belegt. Mehr als die Hälfte aller befragten Arbeitgeber betrachtet Familienfreundlichkeit als wichtiges Thema. Fast 88 Prozent meinen, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Wirtschaft große Bedeutung hat, und 87 Prozent halten familienfreundliche Personalpolitik für eine wichtige Arbeitgeber-Aufgabe. Kommt die Rede auf den eigenen Betrieb, ändert sich das Bild drastisch. Nur 48 Prozent sind der Auffassung, dass familienfreundliche Maßnahmen auch für das eigene Unternehmen wichtig seien. "Insgesamt", resümiert die Studie, "scheinen die Einsichten in die Bedeutung von Familienfreundlichkeit für die Wirtschaft bisher noch zu wenig handlungsrelevant zu sein." Im Klartext: Familienfreundlichkeit ist gut in der Theorie, taugt aber wenig für die Praxis. Aber auch die Arbeitnehmer, vor allem Führungskräfte, nähern sich trotz grundsätzlich positiver Grundeinstellung dem Thema nur zögernd. Sie befürchten, so die Studie, "dass die Nutzung von Teilzeitarbeit oder Elternzeit berufliche Nachteile mit sich bringt". Das Inmit will diese Lücke zwischen Theorie und Praxis schließen und hat auf Initiative und im Auftrag des Landes Rheinland-Pfalz das Projekt "ZeitZeichen" gestartet. "ZeitZeichen" im Doppelsinn: Es geht um familienfreundliche Arbeitszeitgestaltung, aber auch um ein Signal. Angesichts der absehbaren wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung ist die Zeit für neue Ideen reif. "ZeitZeichen" beschränkt sich auf einen begrenzten Ausschnitt: innovative Arbeitszeitmodelle für mittelständische Unternehmen - im Interesse von Familienfreundlichkeit und Chancengleichheit zwischen Mann und Frau. Die Informationsstelle, die das Inmit gemeinsam mit dem "Büro für Dienstleistungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich"(DiWiSo) betreibt, bündelt vier unterschiedliche Aufgaben: Anlaufstelle zur Information Motivation zu einer familienfreundlichen Unternehmenskultur Sensibilisierung der Arbeitnehmer für familienfreundliche Arbeitszeitmodelle ein Beitrag, damit sich Partner aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft für eine familienbewusstere Arbeitswelt einsetzen. "Es gibt Bedarf", sagt Uta Hemmerich-Bukowski vom DiWiSo, die mit Markus Kowalik das Projekt betreut. Darum bietet "ZeitZeichen" nicht nur detaillierte Informationen für Organisationen, Unternehmen und Beschäftigte an, sondern will auch auf seiner im Aufbau begriffenen Internet-Plattform Arbeitszeitmodelle vorstellen. "Good Practice" heißt das im Fachdeutsch - von den Besten lernen, die Einsichten der anderen umformen und auf den eigenen Betrieb anwenden. Schließlich soll "ZeitZeichen" auch die zahlreichen Institutionen, Organisationen und Initiativen zu Arbeitszeitmodellen vernetzen und einen Expertenpool aufbauen. Die Ziele? Martina Josten formuliert mit aller Vorsicht: Es sei ein Erfolg, wenn die Balance Familie-Arbeitswelt zu den Selbstverständlichkeiten bei der Arbeitszeitgestaltung von Unternehmern und Arbeitnehmern gehörte, bei Männern und Frauen. "Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist nicht nur Frauensache", sagt sie. Sowohl Männer als auch Frauen müssten ihren Berufserfolg ganz selbstverständlich mit den häuslichen Aufgaben verbinden können - als Eltern sowie selbst als Kinder der ganz Alten. Das ist nämlich ein weiterer, wichtiger Gesichtspunkt. Familienfreundlichkeit wird in Zukunft nicht nur heißen: kinderfreundlich. Mit wachsender Veränderung der Altersstruktur müssen Menschen im Berufsleben die Möglichkeit erhalten, ihre alten Angehörigen selber zu betreuen. Um familiengerechte Arbeitszeitmodelle und das Projekt "ZeitZeichen" wird es auch bei der Regionalkonferenz der Initiative Region Trier am Donnerstag, 20. Oktober, 17 Uhr, im Veranstaltungszentrum Prüm gehen.