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"Wir dürfen keine Treibjagd auf den Schützen machen"

"Wir dürfen keine Treibjagd auf den Schützen machen"

Selten stehen die Jäger derart im Fokus wie in dieser Woche. Der Hauptgrund: Ein Kölner Waidmann hatte den vor zwei Monaten erstmals gesichteten und einzigen rheinland-pfälzischen Wolf erlegt. Über den Wolf und den Langzeitstreik der Jäger sprach Volksfreund-Redakteur Rolf Seydewitz mit Landesjagdpräsident Kurt Alexander Michael.

Seit eineinhalb Jahren entsorgen die meisten rheinland-pfälzischen Jäger kein totes Unfallwild mehr: Was hat der Streik bislang bewirkt?
Michael: Der Streik hat bewirkt, dass es in zwei Kreisen und in vier kreisfreien Städten keine Jagdsteuer mehr gibt. Und in einem Kreis wurde die Steuer reduziert. Das ist ein Stück auf unserem Weg, ein großes Stück fehlt aber noch, vor allem bei uns im Norden.
Wie zuversichtlich sind Sie, dass weitere Kommunen ebenfalls die Jagdsteuer abschaffen werden?
Michael: Ich bin trotz der prekären finanziellen Situation der meisten Kommunen zuversichtlich. Und deshalb werden wir bei unserer Weigerung, das tote Unfallwild zu entsorgen, bleiben.
Der Landesjagdverband war diese Woche in den Schlagzeilen, weil er eine harte Bestrafung des "Wolfsmörders" gefordert und eine Belohnung ausgesetzt hat. Jetzt steht fest: Der Schütze war ein Jäger. Wie soll er denn bestraft werden?
Michael: Rechtlich muss sich die Justiz darum kümmern. Wenn es ein Wolf war, werden dem Schützen wohl zumindest Waffen- und Jagdschein entzogen. Disziplinarrechtlich wird sich der nordrhein-westfälische Verband mit dem Fall befassen. Gut möglich, dass der 71-Jährige aus dem Verband ausgeschlossen wird.
Was ist, wenn sich bei der Untersuchung herausstellen sollte, dass der Wolf nun doch kein Wolf, sondern ein streunender Hund war?
Michael: Dann passiert strafrechtlich gar nichts. Wenn es ein Hund war, der Wild gejagt haben sollte, ist der Jäger zur Gefahrenabwehr berechtigt. Er durfte den Hund dann zur Strecke bringen.

Ist der ganze Hype um den Wolf nicht überzogen?
Michael: Ja. Wenn der zuständige Kriminalkommissar im Westerwald sagt, so etwas hätte er in seiner 30-jährigen Karriere noch nicht erlebt, spricht das Bände. Auch der Presserummel war überzogen. Wir dürfen nach dem mutmaßlichen Fehlabschuss doch keine Treibjagd auf den Schützen machen. Es gab in den vergangenen Tagen sogar Morddrohungen gegen mich und andere Jäger.
Was haben Sie unternommen?
Michael: Wir haben bei der Mainzer Staatsanwaltschaft Strafanzeige gestellt.
Was halten die Jäger von der Ankündigung der Mainzer Forstministerin Höfken, einen Wolf-Management-Plan zu erstellen?
Michael: Es ist eigentlich eine Idee von uns. Sie ist richtig und wichtig. Wir müssen die Bevölkerung und die Jäger darauf vorbereiten, dass sie Luchse oder Wölfe bei uns antreffen können.
Ist das nicht übertrieben angesichts der Tatsache, dass es der erst Wolf seit über 120 Jahren ist, der im Westerwald gesichtet wurde?
Michael: Ich glaube nicht, dass es noch einmal 120 Jahre dauert, bis wieder ein Wolf in Rheinland-Pfalz gesichtet wird. In Ostdeutschland haben wir heute einen Wolfsbestand von geschätzt zwischen 50 und 100 Tieren. Die Vermehrungsquote liegt bei 100 Prozent im Jahr, heißt: Der Bestand verdoppelt sich. Von denen werden einige totgefahren, und die übrigen suchen sich neue Lebensräume. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis auch bei uns wieder ein oder mehrere Wölfe auftauchen.
Es wird ja auch über die Ansiedlung von Luchsen nachgedacht: Wie ist Ihre Position?
Michael: Meine Position ist, dass wir mit der Auswilderung von Luchsen vorsichtig sein sollten. Die Bevölkerung akzeptiert zugewanderte Tiere. Aber für ausgewilderte Tiere gilt dies nicht unbedingt.
Abschließende Frage: Wie sind die Grünröcke mit einer erstmals grünen Forstministerin zufrieden?
Michael: Die Grünröcke haben mit einer grünen Forstministerin und einer grünen Politik natürlich schon hier und da ihre Probleme. Wir haben das Gespräch mit Ministerin Höfken gesucht und auch heute auf unserem Jägertag den Mainzer Staatssekretär Thomas Griese zu Gast. Dass die Positionen der Grünen und der Grünröcke manchmal anders sind, ist völlig klar. Da muss man dann für seine Interessen ganz, ganz deutlich kämpfen; gerade vor dem Hintergrund, dass neue Jagdgesetze in Deutschland gemacht werden. sey
Extra

Kurt Alexander Michael (63, Foto: privat) ist seit 1998 Präsident des rheinland-pfälzischen Jägerverbands und damit Interessenvertreter von 18 000 Jägern.Extra

Treffen der Jäger: Die im Landesjagdverband organisierten Grünröcke treffen sich heute in Neuwied zu ihrem Landesjägertag. Ein Thema: das Aufstellen von Windrädern im Wald. Die rheinland-pfälzischen Jäger sind davon wenig begeistert. "Die ungelenkte Anlage von Windkraftanlagen im Wald betrachten wir aus Jagd- und Naturschutzsicht mit großer Sorge", sagt Präsident Kurt Alexander Michael. Sein Verband fordert, die Standorte müssten mit größter Sorgfalt ausgesucht werden. Zudem müssten mögliche Auswirkungen der Windräder auf das heimische Wild untersucht werden. sey