„Wir haben schon genug Bürokratie“ - Ärztechef lehnt Einrichtung von Servicestellen für Patienten ab

„Wir haben schon genug Bürokratie“ - Ärztechef lehnt Einrichtung von Servicestellen für Patienten ab

Heftige Kritik an der Bundesregierung übte der Vorsitzende der Bezirksärztekammer, Günther Matheis. Beim Neujahrsempfang der Kammer in Trier lehnte er die Einrichtung von Servicestellen für die schnelle Terminvergabe ebenso ab wie das geplante Tarifeinheitsgesetz.

Länger als vier Wochen sollen Patienten nicht auf einen Termin beim Arzt warten. Das sieht das sogenannte Versorgungsstärkungsgesetz vor. Um einen Termin zu bekommen, sollen sich die Patienten an eine Servicestelle ihrer Krankenkasse wenden. Wenn ein gesetzlicher Versicherter ein Überweisung von seinem Hausarzt hat, muss die Servicestelle ihm binnen einer Woche einen Behandlungstermin bei einem Facharzt verschaffen. Länger als vier Wochen soll die Wartezeit für einen Termin nicht sein. Gelingt das nicht, muss die Servicestelle dem Versicherten einen ambulanten Behandlungstermin in einem Krankenhaus anbieten.

Für den Vorsitzenden der Bezirksärztekammer, Günther Matheis, sind solche Servicestellen "eine Art Telefonseelsorge". "Wir haben schon genug Bürokratie", begründet Matheis beim Neujahrsempfang der Kammer seine Ablehnung. Seiner Meinung nach müssten die meisten Patienten nicht länger als vier Wochen auf einen Facharzttermin warten. Die Ärzte seien sehr wohl in der Lage zwischen Notfällen, die bei Bedarf ins Krankenhaus überwiesen würden, einer dringlichen und weniger dringlichen Behandlung zu unterscheiden. Laut Matheis kostet die Einrichtung solcher Servicestellen allein in Rheinland-Pfalz pro Jahr mehr als eine Million Euro. Auch der nun gesetzlich verankerten Möglichkeit, nach der Patienten grundsätzlich eine zweite Meinung eines Arztes einholen können, gewinnt Matheis wenig Positives ab. Diese Möglichkeit bestehe schon, sagt der Kammervorsitzende. Patienten könnten bereits jetzt "relativ unkompliziert und unbürokratisch" Zweitmeinungen einholen.

Deutliche Kritik übt Matheis, der auch Mitglied der Ärztegewerkschaft Marburger Bund ist, an den Plänen von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), dass künftig nur noch eine Gewerkschaft pro Betrieb oder Branche Tarifverträge abschließen darf. Der Kammerchef sieht in dem Tarifeinheitsgesetz einen Verstoß gegen die Freiheitsrechte und einen Verstoß gegen die grundgesetzlich verbürgte Koalitionsfreiheit. Nahles hatte den Gesetzentwurf nach den Streiks von Lokführern und Piloten vorgelegt. Für Matheis rechtfertigt aber der Ausfall von Zügen oder Flügen aber nicht das Aushebeln von Grundrechten. Angestellte Ärzte müssten auch weiterhin entscheiden dürfen, wer für sie Arbeitsbedingungen und Gehälter verhandele, sagte er vor den rund 200 geladenen Gästen im Trierer Ärztehaus. Matheis warnt: Die Mediziner wüssten sich zu wehren, wenn "verbriefte Rechte sehenden Auges geschleift werden." wie

Extra: Goldene Doktorurkunde

Die goldene Doktorurkunde erhalten Mediziner 50 Jahre nachdem sie ihren Doktortitel erhalten haben. Traditionsgemäß ehrt die Bezirksärztekammer bei ihrem Neujahrsempfang die jeweiligen Ärzte. In diesem Jahr waren das Ursula Laubach aus Neuerburg (Eifelkreis Bitburg-Prüm), Klaus Steck (Trier), Ellinor Asshoff (Trier), Bernd Ellerhorst (Trier), Eva Hoffmann (Trier), Gabriele Nadimi (Stadtkyll, Vulkaneifel) und Manfred Sulik (Bullay, Cochem-Zell). wie

Extra:Simon-Reichwein-Plakette

Die Simon-Reichwein-Plakette verleiht die Ärztekammer regelmäßig Personen, die sich um die Medizin und die Ärzteschaft verdient gemacht haben. In diesem Jahr zeichnet die Kammer damit die Trierer Ärztin Christine Langenkamp und Bruder Elias Brück, Pfleger im Trierer Brüderkrankenhaus, aus. Die beiden arbeiten ehrenamtlich in der Obdachlosenambulanz der Klinik, wo Menschen, "die am Rande der Gesellschaft" leben, so Matheis, kostenlos behandelt werden. Darüber hinaus engagiert sich Langenkamp bei medizinischen Hilfseinsätzen in der Dritten Welt. Mit der Plakette erinnert die Ärztekammer an den Trierer Arzt Simon Reichwein. Der 1501 in Montabaur Geborene kam 1533 nach Trier, nachdem er im belgischen Löwen eine Triererin geheiratet hatte. Reichwein war Leibarzt mehrerer Kurfürsten. wie

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