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"Wir müssen uns mehr um die Studierenden kümmern"

"Wir müssen uns mehr um die Studierenden kümmern"

Als Lehrerschmiede ist die Universität Trier 1970 neu gegründet worden. Deutsch und Englisch gehören bis heute zu den wichtigsten Studienfächern. Doch gerade die Rückgänge in den Lehramtsstudien erfordern Handlungsbedarf. Wie kann die Uni Trier auch in Zukunft bestehen?

Trier. Das Orchester der Universität Trier ist am Donnerstag nach Xiamen gereist. Die beiden Gastspiele der mehr als 30 Musiker zum 95-jährigen Bestehen der Universität in der chinesischen Partnerstadt Triers sind nicht nur eine Geste der Freundschaft. Wie der zwei Wochen zurückliegende Besuch von Uni-Präsident Michael Jäckel in der befreundeten Hochschule in Taipeh (Taiwan) stehen sie auch symbolisch für die Zukunft der Bildungseinrichtung auf dem Trierer Petrisberg. Denn die stärkere Betonung der Internationalität ist einer der Kernpunkte in dem 15-seitigen Positionspapier, mit dem Jäckel die Diskussion über notwendige Veränderungen beleben will.

Der Anlass: Hochschulen und Forschungsinstitute konkurrieren auf Landes- und Bundesebene zunehmend um die knappen finanziellen Mittel. "Wir haben trotz bester Voraussetzungen einen millionenschweren Forschungsauftrag nicht bekommen", sagt Unipräsident Jäckel. "Das war letztlich der Anlass für mich, ein solches Papier zu erarbeiten." Es sei dringend erforderlich, Ziele und Strategie von Lehre und Forschung deutlicher zu formulieren, um bestehen zu können.

Die Situation: Als die Universität Trier vor 46 Jahren wegen des besonderen Bedarfs im Bereich Lehrerausbildung wiedergegründet wurde, erlebte sie ein enormes Wachstum und entwickelte sich zu einer Hochschule mit geisteswissenschaftlicher Ausrichtung mit bis zu 15 000 Studierenden, die durch diverse umwelt- und naturwissenschaftliche Fächer sowie Mathematik und Informatikwissenschaften ergänzt wurde. Der Bereich Rechtswissenschaft ist heute das mit Abstand beliebteste Fach (Grafik unten). Doch ist die Zeit der stets übervollen Hörsäle vorbei. Vor allem die Bologna-Reform - die europaweite Harmonisierung von Studiengängen und Abschlüssen - hat Folgen. Seit der Einführung von Grundstudium (Bachelor) und weiterführendem Studium (Master) sorgen vor allem rückläufige Zahlen in Masterstudiengängen für Sorgen. Dennoch geht es auf dem Petrisberg eng zu. Michael Jäckel: "Insgesamt haben sich die räumlichen Probleme bei den Vorlesungen beruhigt. Allerdings gibt es großen Raumbedarf für die Mitarbeiter."

Die Lehre: Nach den Vorstellungen des Unipräsidenten müssen alle Studiengänge auf Inhalte und didaktische Vermittlung überprüft werden. Eine deutliche Verbesserung der Beratungs- und Betreuungssituation hält er für zwingend notwendig. "Wir müssen uns mehr um die Studierenden kümmern."
Stärker profilieren soll sich vor allem der Bereich Lehrerbildung. Als kurzfristiges Ziel nennt Jäckel beispielhaft die Einführung des Fachs "Deutsch als Zweitsprache." Es soll mehr Lehrangebote in englischer Sprache geben.
Grundsätzlich steht auch hier Bologna im Mittelpunkt. "Master führt sehr stark zu einer Spezialisierung. Das muss wieder breiter werden, vor allem aber klarer für die Studierenden." Ein Vorbild dafür könnten praxisorientierte Studiengänge wie die Klinische Pflege sein, die in Zusammenarbeit mit Trierer Krankenhäusern als duales Studium angeboten wird. Entsprechende Konzeptionen seien in den Bereichen Erziehungswissenschaften, Kunstgeschichte, Archäologie und Alte Geschichte in Vorbereitung.

Die Forschung: Grundsätzlich soll das gesamte Studienangebot selbstkritisch betrachtet werden. Einzelne Fächer infrage stellen will der Unipräsident aber nicht. "Auch exotisch anmutende Bereiche wie die Papyrologie haben eine Berechtigung, weil sie Teil eines wichtigen Bereiches sind." So sei das Zentrum für Altertumswissenschaften, zu dem die Papyrologie gehöre, zum Beispiel ein Aushängeschild der Universität Trier. "Die Herausforderung ist es, aus der Nische etwas zu gewinnen, ohne ein großes Fach zu schädigen."
Die Universität Trier kann im Bereich Forschung nach Meinung von Jäckel bis zum Jahr 2020 in mehreren Bereichen auch international eine wichtige Rolle spielen. Als Vorbild sieht er dabei den Bereich Angewandte Mathematik/Statistik/Simulation, mit dem die Hochschule bereits jetzt über ein internationales Alleinstellungsmerkmal verfüge. Die stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit sei in vielen Bereichen zwingend erforderlich.

Die Infrastruktur: Zahlreiche Bautätigkeiten zeugen vom Sanierungsbedarf auf dem Campus. Versorgungsleitungen und Toiletten werden erneuert, Brandschutzvorschriften erfordern hohe Investitionen. Einen zusätzlichen Forschungsbau hält der Unipräsident ebenso für notwendig wie einen weiteren großen Multifunktionsraum, der gemeinsam mit dem Studierendenwerk realisiert werden soll. Die Sportanlagen müssten weiter modernisiert und angepasst werden, auch um ein Gesundheitsmanagement-Konzept für die 1200 Mitarbeiter möglich zu machen.
Für die Zukunft der Universität Trier unverzichtbar ist laut Jäckel aber besonders der zeitgemäße Ausbau der Informationstechnologien: "Der nachhaltige digitale Wandel an Hochschulen erfordert ein Infrastrukturprogramm Lehre." Alleine für das Zentrum für Information, Medien und Kommunikation (ZIMK) bestehe jährlich ein Investitionsbedarf von einer Million Euro. Ziel ist es, die Universitätsbibliothek für neue Formen des Studierens fit zu machen. Sie soll noch stärker zu einem zen tralen Ort des Lernens und Forschens werden. Es geht dabei auch um schnelle Netze und Datenschutz. "Lehrende und Lernende nutzen ihre eigenen mobilen Endgeräte auf dem Campus und benötigen Schnittstellen zu den zentralen Server-Einrichtungen. Die Service-Anforderungen steigen, während die zuständige Einheit kaum mitwächst."

Die Regionalität: Für die Stadt Trier und die gesamte Region hat die Universität eine enorme Bedeutung. Die Verbundenheit dokumentiert sich in der 2014 gegründeten Wissenschaftsallianz, in der die Universität gemeinsam mit der befreundeten Hochschule Trier (ehemals Fachhochschule) die enge Zusammenarbeit mit wichtigen Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Kultur vereinbart hat. "Wir sind der Region ebenso verbunden wie unseren nationalen und internationalen Partnern", sagt Michael Jäckel. Dennoch müsse es gelingen, die Außendarstellung der Universität gemeinsam mit der Stadt Trier zu verbessern. "Die Stadt muss sich auf die Studierenden freuen."
Während die beiden Trierer Hochschulen inzwischen eine enge Freundschaft verbindet, blickt Unipräsident Jäckel nicht nur mit Freude auf die neue Universität Luxemburg (Extra rechts). Die sei Partner und Konkurrent zugleich. Das gelte vor allem mit Blick auf das Personal. "Eine solche Einrichtung in Luxemburg ist natürlich ein attraktiver Arbeitgeber."

Die weitere Diskussion: Unipräsident Michael Jäckel will mit seinem Positionierungsvorschlag die aktive Diskussion über die Zukunft der Universität Trier anstoßen. Der Hochschulrat habe das Papier bereits befürwortet, sagt Jäckel. Im Senat, der über alle Angelegenheiten bestimmt, die die gesamte Hochschule betreffen, werde nun darüber gesprochen. Zahlreiche Rückmeldungen gebe es aus den Fachbereichen. Aufmerksam registriert wurde das Papier auch bereits im Wissenschaftsministerium der Landesregierung. Das war beabsichtigt, denn in nicht allzu langer Zeit laufen auch zentrale Bausteine der Programmfinanzierung aus. Deren Verlängerung ist offen.
uni-trier.de Extra

Trotz der Absicht, in Zukunft noch stärker auch internationale Akzente zu setzen, ist die Universität weiterhin stark mit der Stadt Trier verbunden. "Die Stadt Trier ist stolz auf ihre Universität und wird auch in Zukunft, wo immer es geht, die Hochschulen tatkräftig unterstützen", sagt Oberbürgermeister Wolfram Leibe. "Die Universität Trier ist eine der wichtigsten Einrichtungen in unserer Stadt und als einer unserer größten Arbeitgeber, der hochqualifizierte Menschen aus dem In- und Ausland beschäftigt und ausbildet, ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Die Universität gibt kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Impulse nicht nur in die Stadt, sondern in die ganze Region. Deshalb prägt sie auch maßgeblich das Image und die Wahrnehmung unserer Stadt." r.n.Extra

"Wir müssen uns mehr um die Studierenden kümmern"
Foto: Friedemann Vetter (ClickMe)
"Wir müssen uns mehr um die Studierenden kümmern"
Foto: Birigit Keiser

Die Universität Luxemburg zählte Ende 2015 genau 6172 Studierende aus 115 Ländern. In jedem Jahr melden sich 2000 neue Studienanfänger an. Romain Martin, Vizerektor der Universität Luxemburg, ist überzeugt, dass sich die Hochschulen der Großregion in erster Linie nicht als Konkurrenten sehen. "Wir arbeiten in einem Verbund zusammen nach dem Motto ,Gemeinsam sind wir stärker'. Die Profile der Universität Luxemburg und der Universität Trier sind durchaus verschieden - und damit aber auch wiederum komplementär, was nicht zuletzt belegt wird durch zahlreiche Kooperationen in der Forschung und zum Teil auch in der Lehre." Natürlich versuchten beide Universitäten, die klügsten Köpfe zu sich zu holen. "Aber auch aus einer solchen Konkurrenzsituation erwachsen oft Kooperationsmöglichkeiten, weil im Falle eines Wechsels von wissenschaftlichem Personal ein Zugehörigkeitsgefühl zu beiden Universitäten entsteht, das möglicherweise neue Wege der Zusammenarbeit eröffnet." Die beliebtesten Fachbereiche an der Universität Luxemburg sind die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (48 Prozent). Bei Masterstudium folgt der Bereich Naturwissenschaften, Mathematik und Computerwissenschaften (17 Prozent). Beim Grundstudium (Bachelor) sind es die Erziehungswissenschaften (16 Prozent). r.n.