1. Region
  2. Rheinland-Pfalz

"Wir wollen die Wahrheit erfahren”

"Wir wollen die Wahrheit erfahren”

Die Eltern einer 19-Jährigen, die vor vier Jahren nach einer Behandlung im Hermeskeiler Krankenhaus gestorben ist, kämpfen seit Jahren darum, dass die Ursache für den Tod der Tochter aufgeklärt wird. Die Staatsanwaltschaft hatte Ermittlungen zunächst eingestellt.

Gerechtigkeit. Das ist das, was Carina Anell will. Doch für den Schicksalsschlag, den sie und ihr Mann Bernd hinnehmen mussten, kann es keine Gerechtigkeit geben. Vor vier Jahren, kurz vor Weihnachten, ist ihre 19-jährige Tochter Laura gestorben - durch einen Behandlungsfehler eines Arztes im Hermeskeiler Krankenhaus. Davon jedenfalls ist mittlerweile die Trierer Staatsanwaltschaft überzeugt. Sie hat den 48-jährigen Arzt, der in einer anderen Klinik angestellt ist und damals Bereitschaftsdienste im Krankenhaus Hermeskeil gemacht hat, wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.

Vor drei Jahren noch hat die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren eingestellt. Zwar habe der Arzt gegen ärztliche Leitlinien verstoßen. Doch, so die Staatsanwaltschaft damals, reichten die Verstöße nicht aus, um den Arzt wegen fahrlässiger Tötung anzuklagen. Die damaligen Gutachten hätten nicht belegen können, dass ein Behandlungsfehler zum Tod der 19-Jährigen geführt habe, sagt der Leitende Trierer Oberstaatsanwalt Peter Fritzen.

Die Eltern der jungen Frau, die damals kurz vor dem Abitur gestanden hat, haben über ihren Rechtsanwalt Beschwerde gegen die Einstellung des Ermittlungsverfahrens eingelegt. Daraufhin habe man den Fall noch einmal geprüft und schließlich die Ermittlungen wieder aufgenommen, sagt Fritzen. Zwei neue Gutachten sind in Auftrag gegeben worden. Und beide kommen zum Schluss, dass der Tod Laura Anells vermeidbar gewesen war. Es bestehe "der hinreichende Verdacht", sagt Fritzen, "dass der Tod der Verstorbenen auf eine fehlerhafte ärztliche Behandlung zurückzuführen ist".
"Ich kann nicht damit leben, dass meine Tochter nicht mehr da ist", sagt Carina Anell. In ihrem Wohnzimmer in dem Einfamilienhaus am Rande von Hermeskeil erinnert noch immer viel an die 19-Jährige. Auf der Fensterbank stehen Bilder, die die lebensfrohe junge Frau zeigen. An der Wand hängt ein großes Schwarz-Weiß-Porträt von Laura. "Wir werden nie vergessen, was damals passiert ist", sagt ihr Vater Bernd.

Damals, das war im Dezember 2012. Freitags, am 14. Dezember, ist sie mit ihrer Mutter zum ersten Mal ins Hermeskeiler Krankenhaus gegangen. Seit zwei Wochen hatte sie eine schlimme Bronchitis, keines der Medikamente, die ihr Hausarzt ihr verschrieben hat, hat richtig gewirkt. An diesem Tag hat sich dann der Zustand der 19-Jährigen deutlich verschlechtert. Ihr Arzt hat sie daraufhin in die Notaufnahme des Krankenhauses geschickt mit Verdacht auf Herzmuskelentzündung. Doch die Diagnose bestätigt sich nicht. Der diensthabende Arzt - ein anderer, der nun angeklagt ist - stellt eine akute Bronchitis fest und schickt Laura und ihre Mutter nach Hause. Sie sollen am nächsten Tag noch einmal kommen. Laura soll am nächsten Tag noch einmal kommen. Dann soll endgültig eine Herzerkrankung ausgeschlossen werden.

Die Worte des Arztes, der Laura an dem Samstagmorgen untersucht hat, weiß Carina Anell heute noch. Und sie klingt verbittert, verärgert, wütend, wenn sie wiederholt. "Was wollen Sie hier? Ihre Tochter ist doch kerngesund, sie hat nur eine Erkältung", habe der Arzt ihr gesagt. Aber Laura ist zu dem Zeitpunkt nicht kerngesund gewesen. Wieder zu Hause geht es ihr plötzlich richtig schlecht. Sie hat eine Schwellung am Hals, kann schlecht atmen. Die Eltern bringen sie am späten Abend ins Krankenhaus. Der nun angeklagte Internist hat an diesem Abend aushilfsweise Dienst in Hermeskeil. Er stellt nach dem Röntgen die Diagnose: Pneumothorax. Dabei handelt sich um eine Luftansammlung im Brustkorb, dies führt zu einer unzureichenden Atemfunktion der Lunge. Es droht ein Lungen- oder Herzversagen. Der Arzt, der nach TV-Informationen zunächst Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie war, bevor er 2012 Facharzt für Innere Medizin wurde, legt eine sogenannte Thoraxdrainage. Durch einen kleinen Schnitt an den Rippen wird ein Schlauch eingeführt. Dadurch soll die Luft aus dem Brustkorb entweichen.

Ein Routineeingriff, habe der Arzt gesagt, erinnert sich Carina Anell. Zunächst ist es ihrer Tochter auch wieder deutlich besser gegangen.

Sowohl die Diagnose als auch die Thoraxdrainage seien in der konkreten Situation medizinisch angebracht gewesen, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt. Doch dem Arzt werde zur Last gelegt, "bei der Behandlung mehrere Fehler gemacht zu haben". Etwa bei der Diagnose der Ursache für die Schwellung des Halses und bei der Art und Weise der Anlage der Thoraxdrainage. Später dann, am frühen Sonntagmorgen soll es laut Fritzen zu einem weiteren Fehler gekommen sein bei der versuchten Reanimation der dann leblosen 19-Jährigen.

Denn im Laufe der Nacht entschied sich der Arzt, eine neue Drainage zu legen, weil die erste seiner Ansicht nach nicht den erhofften Erfolg gehabt haben soll. Anders wie ein paar Stunden zuvor soll er dabei aber auf ein erneutes Röntgen verzichtet haben. Als Carina Anell Sonntagsmorgens um sechs im Krankenhaus anruft, sagt ihr eine Krankenpflegerin, dass es ihrer Tochter gut gehe.

Doch kurz darauf kämpft die 19-Jährige in ihrem Krankenzimmer auf der Intensivstation mit dem Tod. Sie wird zunächst bewusstlos. Die Reanimation bleibt erfolglos. Um 7.25 Uhr am 16. Dezember 2012 stirbt Laura Anell. Sie ist verblutet. Durch das Anlegen der zweiten Drainage sei es offensichtlich zu einer Verletzung einer Vene gekommen, sagt Rainer Jansen, Rechtsanwalt der Eltern.

Der Arzt habe beim zweiten Eingriff nicht mittels Röntgen kontrolliert, ob die Drainage richtig sitzt. "Er hat eine einsame, für seine Patientin möglicherweise tödliche Entscheidung getroffen", sagt Jansen. Ein mögliches Gerichtsverfahren müsse die endgültigen Umstände klären. Laut dem Leitenden Oberstaatsanwalt habe der Arzt ausgesagt, dass er die Behandlung sachgerecht durchgeführt habe. Fritzen: "Er stellt in Abrede, den Tod der Patientin durch eine fehlerhafte Behandlung verursacht zu haben."

Carina Anell ist wütend: "Der Arzt hat nicht alles richtig gemacht, sonst würde unsere Tochter noch leben." Sie und ihr Mann hoffen, dass bei einem möglichen Prozess vor dem Trierer Landgericht der Tod ihrer Tochter aufgeklärt wird. "Wir wollen die Wahrheit erfahren. Es darf doch nicht alles unter den Teppich gekehrt werden", sagt die verzweifelte Mutter.
Seit über vier Jahren kämpfen sie nun für diese Wahrheit. Ein Kampf, der die Eltern viel Kraft, aber auch Geld gekostet hat. Sie haben sich nicht einschüchtern lassen. Auch nicht davon, dass die Staatsanwaltschaft zunächst die Ermittlungen eingestellt hat. Immer wieder haben Carina und Bernd Anell die mittlerweile unzähligen Seiten der Gutachten gewälzt, Wort für Wort gelesen. Auch wenn die Details, wie ihre Tochter gestorben ist, schmerzhaft zu lesen sind. "Dann ist alles wieder hoch gekommen, was damals passiert ist", sagt der Vater. Nun hoffen die Eltern bei einem Prozess auf ein gerechtes Urteil. Ein Urteil, das aus ihrer Sicht nur lauten kann: schuldig. Schuldig am Tod ihrer Tochter.

Was sie fast genauso belastet, ist die Nicht-Reaktion des Krankenhauses. Keiner der Verantwortlichen habe sich seitdem bei ihnen persönlich gemeldet. "Das tut weh", sagt Carina Anell.ANKLAGE BEDEUTET KEINEN SCHULDSPRUCH

"Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage, wenn sie aufgrund der durchgeführten Ermittlungen zu dem Ergebnis gelangt, dass eine Verurteilung des Angeschuldigten wahrscheinlicher ist als ein Freispruch", erklärt der Leitende Trierer Oberstaatsanwalt Peter Fritzen. Mit der Erhebung der Anklage sei allerdings weder ein Schuldspruch noch eine Vorverurteilung des Betroffenen verbunden. In dem Fall der verstorbenen 19-Jährige habe das Landgericht Trier noch nicht entschieden, ob es zu einem Hauptverfahren kommt. Bis zu einer etwaigen Verurteilung gelte die Unschuldsvermutung.