Wo Greifvögel mit Windrädern leben können

Wo Greifvögel mit Windrädern leben können

Die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) hat in einem nach ihrer Auskunft bislang bundesweit einmaligen Gutachten untersuchen lassen, wo Windräder das Leben von Fledermäusen und Vögeln bedrohen. Höfkens Fazit: "Naturschutz und Windkraft sind vereinbar."

Mainz. Der Rotmilan ist ein Greifvogel, der in keinem Land der Welt so oft seine Kreise zieht wie in Deutschland. Über die Hälfte des Gesamtbestandes dieser Art brütet hierzulande. Vor allem in den Höhen der Vulkaneifel oder zwischen Wittlich und Cochem schwebt er durch die Lüfte. Doch Windräder mit ihren großen Rotoren können zum jähen Ende des Vogels führen, wenn sie nicht in mindestens 1500 Meter Abstand zu seinen Brutstätten platziert sind.
Welche Flächen in Rheinland-Pfalz tabu und welche unbedenklich sind, wenn es um das Kriterium bedrohte Fledermaus- und Vogelarten geht, können Planer neuer Windkraftanlagen ab sofort auf den ersten Blick sehen. In einem Gutachten der Staatlichen Vogelschutzwarte und des Landesamtes für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht sind auf einer Karte hellgrüne, dunkelgrüne und rote Flächen eingezeichnet. Rot heißt: Das Gefährdungspotenzial ist zu hoch.
Umweltministerin Ulrike Höfken will die gestern präsentierte Studie als "Leitfaden für Kommunen und andere Planer" verstanden wissen, "um Konflikte bei der Entwicklung von Windkraft-Standorten zu vermeiden und zu lösen". Abweichungen von den Empfehlungen des Gutachtens "werden schwer zu begründen sein", sagt Höfken.
Klaus Richarz, Leiter der Staatlichen Vogelschutzwarte, zeigt auf, dass in der Studie die Windkraftempfindlichkeit einzelner Fledermaus- und Vogelarten in Steckbriefen detailliert herausgearbeitet wurde. Wo es ein "Kollisionsrisiko" gebe, werde das genau beschrieben.
Außerdem würden Kompensationsmöglichkeiten dargelegt, etwa durch das Einhalten von Mindestabständen oder das Abschalten der Anlagen in warmen Hauptzugnächten von Fledermäusen. Richarz ist überzeugt, dass "ein Mehr an Windkraft nicht zu einem Weniger an Arten führt, wenn man die Ergebnisse des Gutachtens berücksichtigt".
Genau darum geht es der Umweltministerin. "Man kommt mit der Energiewende nur voran, wenn man Entscheidungsgrundlagen schafft und Konflikte klar benennt", sagt Höfken. Die Landesregierung plant, die Stromerzeugung aus Windkraft bis 2020 zu verfünffachen. Der Ausbau soll im Einklang mit den Naturschutzverbänden erfolgen.
Das neue Gutachten wird ein Bestandteil bei den Fachprüfungen von Genehmigungsverfahren für neue Windräder sein. Besonders sensible Bereiche wie Naturschutzgebiete, Kernzonen von Biosphärenreservaten und der künftige Nationalpark sind für die Anlagen tabu. In FFH- und Vogelschutzgebieten sowie in Kernzonen von Naturparken werde deren Naturverträglichkeit sehr genau geprüft, wobei das neue Gutachten Klarheit schaffe, sagt die Ministerin.
Die zehn in Rheinland-Pfalz anerkannten Naturschutzverbände sind skeptisch. "Das Gutachten ist nicht ausreichend, um die Energiewende natur- und menschenverträglich zu gestalten", heißt es in einer Pressemitteilung. Nur 1,9 Prozent der Landesfläche würden für die Windenergie ausgeschlossen.
Grundsätzlich hält Ulrike Höfken die Energiewende "aus Naturschutz- und Umweltsicht für elementar wichtig". Fossile Brennträger wie Kohle müssten ersetzt werden, die Atomkraft ebenso, denn 72 Prozent der Bäume in Rheinland-Pfalz seien bereits durch Luftschadstoffe geschädigt. "Der Strom kommt eben nicht unschuldig aus der Steckdose", sagt die Grüne.
Dass Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) zu mehr Geduld und einem langsameren Vorgehen bei der Energiewende mahnt, kann Höfken nicht nachvollziehen. "Er liegt falsch, wenn er sagt, gebt mal Ruhe!" Altmaier solle "in sein eigenes Bundesnaturschutzgesetz gucken", empfiehlt die Grüne. Dieses sehe erneuerbare Energien ausdrücklich als Instrument vor.