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„Zentrale Abiturprüfungen bringen keinen Mehrwert“

„Zentrale Abiturprüfungen bringen keinen Mehrwert“

In Rheinland-Pfalz wird es auch weiterhin kein Zentralabitur mit einheitlichen Prüfungen an allen Gymnasien geben. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) erklärt im TV-Interview die Auswirkungen der neuen Bildungsstandards für Gymnasien.

Die Kultusminister der Länder haben sich kürzlich auf einheitliche Abiturstandards geeinigt. Ziel ist es, eine Vergleichbarkeit der Abschlüsse herzustellen und das Bildungsniveau in den Ländern anzuheben oder zu halten. Bislang fallen die Abi-Aufgaben länderspezifisch aus. Darüber sprach unser Redakteur Bernd Wientjes mit der rheinland-pfälzischen Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD).

Was wird sich mit den nun beschlossenen einheitlichen Standards für die rheinland-pfälzischen Abiturienten ändern?
Ahnen: Mit der Einführung der Bildungsstandards werden sich die Abituraufgabenstellungen verändern. Nehmen Sie beispielsweise die Fremdsprachen. Da werden die Fähigkeiten beim Hören, Verstehen und Sprechen eine größere Rolle spielen als bisher.

Wird das Abitur schwerer werden?
Ahnen: Es geht nicht um die Frage, ob das Abitur leichter oder schwerer wird, es geht um eine bessere Vergleichbarkeit der Aufgabenstellungen bundesweit. Das Abitur in Rheinland-Pfalz war schon immer anspruchsvoll. Bei den Vergleichen von Abiturarbeiten zwischen den Bundesländern, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden, haben die rheinland-pfälzischen Aufgaben hinsichtlich des Niveaus immer gut abgeschnitten. Und ich bin sicher, dass die rheinland-pfälzischen Schülerinnen und Schüler sehr gut auf die neuen Anforderungen vorbereitet werden.

Warum konnten sich die Bildungsminister nicht gleich auf ein bundesweit einheitliches Abitur einigen?
Ahnen: Ein bundesweit einheitliches Abitur heißt vor allem: bundesweit einheitliche Anforderungen. Und das wird mit den nun verabschiedeten Bildungsstandards erreicht. Der geplante Pool von Aufgabenstellungen wird darüber hinaus Maßstäbe dafür setzen, wie Abituraufgaben auszusehen haben. Das ist aus meiner Sicht ein sehr gutes Ergebnis, das einen wichtigen Beitrag zur Qualitätsentwicklung von Schule leistet und die Vergleichbarkeit des Abiturs über alle Bundesländer hinweg gewährleistet.

Hängt die Ablehnung eines bundesweiten Zentralabiturs vielleicht auch damit zusammen, dass sich die Länder die Hoheit über die Schulpolitik nicht aus der Hand nehmen lassen wollen?
Ahnen: Ein bundesweit einheitliches Abitur nach Ihrer Fragestellung würde bedeuten, dass alle Abiturienten am gleichen Tag dieselben Aufgaben bearbeiten müssten. Einen "Mehrwert" kann ich da nicht erkennen, wohl aber eine ganze Reihe organisatorischer Probleme.

Rheinland-Pfalz ist das einzige Bundesland, in dem es kein Zentralabitur gibt. Wo liegen Ihre Vorbehalte gegen ein solches Abi?
Ahnen: Ich habe bereits betont, wie wichtig mir die Qualitätssicherung und die Vergleichbarkeit von Abschlussprüfungen sind. Ich habe keine grundsätzlichen Vorbehalte gegenüber zentralen Abschlussprüfungen, aber es gibt keinen Beleg dafür, dass sie wirklich zu besserer Qualität in der schulischen Bildung führen.

Wie wird in Rheinland-Pfalz ohne Zentralabi dann eine vergleichbare Qualtiät geschaffen?
Ahnen: Hinter dem Begriff "Zentralabitur" verbergen sich in den Ländern sehr unterschiedliche Verfahren. Bei uns werden seit jeher landesweit die in den Schulen erarbeiteten Abituraufgaben von Abiturauswahlkommissionen vor dem Einsatz überprüft. Es gibt also sehr wohl eine zentrale Qualitätssicherung. Mit Blick auf die neuen Bildungsstandards und den Aufgabenpool werden wir das bisherige Verfahren überprüfen und weiterentwickeln.

Ein großes Thema an den weiterführenden Schulen ist noch immer der Stundenausfall. Konkret: Was nützen einheitliche Abi-Standards, wenn die Stunden, in denen die Schüler aufs Abitur vorbereitet werden sollen, ausfallen und die Lehrer fehlen?
Ahnen: Wir bemühen uns in jedem Schuljahr, an allen Schulen die Unterrichtsversorgung so gut wie möglich zu gestalten, das heißt so nahe wie irgend möglich an eine 100-Prozent-Versorgung heranzukommen. Gerade in den Gymnasien haben wir im laufenden Schuljahr nachgesteuert und eine deutliche Verbesserung erreichen können. Im Übrigen hat Rheinland-Pfalz im bundesweiten Vergleich einen besonders hohen Stundenansatz bis zum Abitur.

Wird sich oder muss sich aus Ihrer Sicht am Gymnasialunterricht grundsätzlich etwas ändern? Man hat den Eindruck, dass die Bildungsreformen der vergangenen Jahre an den Gymnasien weitgehend spurlos vorbeigegangen sind.
Ahnen: Da haben Sie einen falschen Eindruck. Die Lehrkräfte in den Gymnasien landesweit haben beispielsweise in den letzten Jahren neue Unterrichtsformen und gute Konzepte zur Stärkung von Mathematik, Naturwissenschaft und Technik - also des sogenannten Mint-Bereichs - entwickelt und in den Schulen umgesetzt.

Gibt es weitere Reformansätze?
Ahnen: Ein großes Thema, mit dem sich die Gymnasien zurzeit intensiv beschäftigen, ist - um ein anderes Beispiel zu nennen - der Umgang mit der Heterogenität oder anders ausgedrückt die Umsetzung einer möglichst wirksamen individuellen Förderung und nicht zuletzt ein guter Umgang mit der Anforderung, mehr junge Menschen zu höheren Bildungsabschlüssen zu führen.
Und das ist sehr wichtig, weil die Übergangsquote ins Gymnasium erfreulich gestiegen ist. Derzeit wechseln im Landesschnitt gut 39 Prozent der Grundschulabgänger ins Gymnasium - fast zehn Prozent mehr als vor zehn Jahren.

In den Grundschulen gibt es ja bereits bundesweite Bildungsstandards. Rheinland-Pfalz hat aber in den jüngsten Vergleichen im Grundschulbereich nicht so gut abgeschnitten. Woran liegt das?
Ahnen: Die Überprüfung der Bildungsstandards in der Grundschule war der erste Schulleistungsvergleich seit langem, in dem die rheinland-pfälzischen Schulen nur nah beim bundesdeutschen Mittelwert lagen. Die Ergebnisse zeigten neben vielem anderem, dass Bildungsstandards generell anspruchsvolle Zielsetzungen sind und dass die Unterrichtskonzepte sowie der Unterrichtsalltag in unseren Grundschulen noch stärker auf diese relativ neuen Zielbeschreibungen ausgerichtet werden müssen. Wie das weiter vorangetrieben werden kann, wollen wir gemeinsam mit den Lehrkräften in den Grundschulen, Lehrer- und Elternvertretungen und Lehrergewerkschaften besprechen.