Ziemlich kopflos

Höchst verwundert waren die Mainzer Abgeordneten diese Woche, als sie auf dem Weg in den Plenarsaal merkwürdige "Kollegen" in der Landtags-Lobby antrafen: Lebensgroße menschliche Figuren, aus Baustahl, Holzwolle und Gips zusammengesetzt, hatten sich da versammelt. Sie gaben reichlich Raum für Assoziationen zu der Parlamentsarbeit. Nachdenklich-grübelnd und in sich versunken saßen einige auf dem Stuhl und erinnerten an ratlose Politiker. Ein anderer lag offenbar der Verzweiflung nahe gekrümmt am Boden. Mehrere kopflose Gestalten waren so stilisiert, dass sie zwar reichlich Gesprächsstoff über die symbolträchtige Platzierung im Haus der Volksvertreter abgaben, aber - gottlob - in ihrer Schlichtheit keiner Fraktion gezielt zugeordnet werden konnten. Beim Sinnieren über Bedeutung und Ausdruck der von Bildhauerin Elfie Clement geschaffenen Kunstwerke imponierte den Abgeordneten Günter Rösch (Bernkastel-Kues) und Norbert Stretz (Pirmasens) vor allem ein Kopfloser mit aufgesetzten überlangen Tierhörnern. "Der Abgeordnete im Jahr 2050 - allein auf Kampf reduziert", so Röschs gewagte Auslegung. *

Dass offenbar auch in der Bürokratie häufig kopflos agiert wird, erfuhr der Abgeordnete Dieter Schmitt (Fisch/Saargau), der in heimatlichen Gefilden den Amtsschimmel laut wiehern hörte. Dort hatte Georg Ohs vom Haus der Fischerei in Oberbillig bei der zuständigen Genehmigungsdirektion Nord (SGD Nord) in Koblenz gebeten, knapp gewordene Erlaubnisschein-Blöcke für Angler ordern zu dürfen. Die Erlaubnis kam mit der Auflage, Vergleichsangebote von Druckereien einzuholen. Die günstigste Offerte belief sich auf 612,48 Euro (abzüglich zwei Prozent Skonto bei umgehender Bezahlung, was dann auf einen Endbetrag von 600 Euro hinausläuft).

Rund drei Monate später war nach Lieferung der Blöcke die Rechnung gerade wenige Tage nach Koblenz abgeschickt, als ein überraschendes Schreiben der SGD Nord kam, dass nur 600 Euro bewilligt worden seien und Georg Ohs doch bitte kurzfristig mit der Druckerei über eine entsprechende Verringerung des Auftrags verhandeln möge. Schließlich galt es, den reinen Angebotspreis von 612,48 Euro zu unterschreiten. Kaum war man im Haus der Fischerei aus dem ungläubigen Kopfschütteln und Fluchen herausgekommen war, flatterte am nächsten Tag ein neues Schreiben der SGD ins Haus. Plötzlich waren doch noch Euro zugewiesen worden, und man bat, das Schreiben vom Vortag als gegenstandslos zu betrachten. Die Bestellung, die bereits längst abgewickelt war, könne "im bisherigen Umfang erfolgen". St. Bürokratius lässt grüßen, kann Dieter Schmitt da nur feststellen. Er will nun durch eine nicht ganz ernst gemeinte Parlamentsanfrage klären lassen, was diese kopflose Staatsaktion nach dem Motto "Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln" eigentlich an Personalkosten verschlungen hat.

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