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Zu Nutzen und Risiken fragen Sie Ihren Arzt

Zu Nutzen und Risiken fragen Sie Ihren Arzt

Sterben weniger Frauen an Brustkrebs, seit die Möglichkeit besteht, sich regelmäßig untersuchen zu lassen? Einen wissenschaftlichen Nachweis dafür gibt es bislang nicht. Trotzdem sei das sogenannte Mammografie-Screening wichtig, sagt etwa der Trierer Brustkrebsexperte Günther Sigmund.

Trier. 1122. Bei so vielen Frauen in der Region wurde seit 2007 bei Untersuchungen in Trier und Wittlich die niederschmetternde Diagnose gestellt: Brustkrebs. Sie haben an dem seit sieben Jahren bestehenden Mammografie-Screening teilgenommen. Frauen ab 50 werden dazu alle zwei Jahre eingeladen, um sich auf Brustkrebs untersuchen zu lassen.
In der Region beteiligen sich das Trierer Mutterhaus und das Wittlicher Krankenhaus an diesen von der Kasse bezahlten Untersuchungen. Bei 184 Frauen sei an beiden Standorten im vergangenen Jahr Brustkrebs festgestellt worden, sagt Günther Sigmund. Er leitet das Screening in Trier. In dem Trierer Brustzentrum wurden im vergangenen Jahr 15 205 Frauen untersucht. Bei 81 wurde tatsächlich Brustkrebs entdeckt - ein Anteil von 5,3 Promille. Trotzdem spricht Sigmund von einer "hohen Entdeckungsrate".
Doch genau dieser vergleichsweise geringe Anteil von Frauen, bei denen Brustkrebs nachgewiesen wird, ist es, den Kritiker gegen das Mammografie-Screening ins Feld führen. Einer dieser Kritiker ist der Pirmasenser Allgemeinmediziner Stefan Sachtleben. Er gehört den sogenannten evidenzbasierten Medizinern an. Überspitzt formuliert, sind das Ärzte, die nur an das glauben, was wissenschaftlich nachgewiesen ist. Die über 800 in dem Netzwerk zusammengeschlossenen Ärzte stehen den Informationen der Pharmaindustrie kritisch gegenüber.Kritische Mediziner


Sie wollen ihre Patienten vor schlecht erprobten Heilmethoden schützen, sie hinterfragen die Arzneimittelforschung und den von den Herstellern oft wortreich angepriesenen Nutzen von Medikamenten. Und eben von bestimmten Krebsvorsorgeuntersuchungen, wie etwa dem Mammografie-Screening. 2000 Frauen müssten untersucht werden, damit eine Frau vor dem Tod durch Brustkrebs gerettet werden kann, sagt Sachtleben. Er fordert einen kritischeren Umgang der Patienten mit den Vorsorgeuntersuchungen. Sie sollten ihren Arzt fragen, welchen Nutzen sie davon haben, auch welches Risiko bestehe. Denn, so Sachtleben, bei den Untersuchungen komme es immer wieder zu falschen Diagnosen, dass also Krebs vermutet werde und sich später dann herausstelle, dass der Befund negativ war. Schlimmstenfalls komme es, so Kritiker, auch zu unnötigen Operationen.
Nachdem Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery kürzlich gefordert hat, den Nutzen der Krebsvorsorge zu überprüfen, wird über die Sinnhaftigkeit solcher Untersuchungen diskutiert. Das von einigen Kritikern ins Feld geführte Argument, dass es bei den Vorsorgeuntersuchungen vorrangig um wirtschaftliche Interessen der Ärzte gehe, greife zu kurz, sagt Günther Matheis. Er ist Vorsitzender der Trierer Bezirksärztekammer.
Allerdings müsse eben Nutzen und Risiko von bestimmten Vorsorgeuntersuchungen wissenschaftlich nachgewiesen werden, sagt Matheis. Ein solcher Nachweis fehlt seiner Ansicht nach beim Mammografie-Screening. Bislang stehe nicht fest, dass dadurch die Sterblichkeit deutlich zurückgegangen sei.
Derzeit könne es einen solchen Nachweis auch gar nicht geben, sagt Sigmund. Erst nach zehn bis 15 Jahren könnten verlässliche Aussagen darüber getroffen werden, also etwa ab 2017, so der Brustkrebsexperte. Doch erst wenn man solche "harten Daten" habe, könne über den Nutzen des Screenings gesprochen und dieser auch kritisch hinterfragt werden. Ein vorheriger Abbruch des Programms sei nicht ein Gesetzesverstoß, weil der Anspruch der Frauen auf die Brustkrebsvorsorge gesetzlich festgeschrieben ist, sondern auch unseriös, sagt Sigmund.Weitere Diskussion


Sachtleben ist nicht nur gegenüber dem Mammografie-Screening kritisch eingestellt, sondern auch gegen die Prostatakrebsvorsorge. Sie bringe kaum was, sagt der Arzt. Wissenschaftler in den USA haben herausgefunden, dass weder durch eine Blutuntersuchung noch das Abtasten der Prostata oder eine Ultraschall-Untersuchung Leben gerettet werden können.
Ähnlich wie beim Mammografie-Screening müssen bei der Prostatakrebsvorsorge 1400 Männer untersucht werden, um einen Todesfall zu verhindern, und das Risiko einer falschen Diagnose ist ebenso hoch.
Während Matheis die Diskussion etwa über die Brustkrebsvorsorge nachvollziehen kann, gebe es bei einer Form der Voruntersuchungen keinerlei Diskussion: die sogenannten U-Untersuchungen bei Kindern und Jugendlichen. "Die sind unverzichtbar", macht Matheis klar.Extra

Screening bedeutet, dass allen Menschen einer Altersgruppe ohne, dass bei ihnen ein Krankheitsverdacht besteht, eine bestimmte Untersuchung angeboten wird. Ziel ist es, eine Krankheit so frühzeitig zu erkennen, dass sie gut zu behandeln ist. So übernehmen die Krankenkassen seit 2008 die Kosten für das sogenannte Hautkrebsscreening. Personen ab 35 Jahre sollen alle zwei Jahre ihre Haut auf Auffälligkeiten, die auf Krebs hindeuten können, untersuchen lassen. Frauen zwischen 50 und 69 Jahre habe alle zwei Jahre Anspruch auf eine Mammografie-Untersuchung zur Früherkennung von Brustkrebs. Bei der Mammografie wird die weibliche Brust geröntgt. Die Kassen übernehmen die Kosten. Eine Entstehung von Brustkrebs kann dadurch nicht verhindert werden.