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Zu viel Klopapier: Kuriose Höhepunkte aus 75 Jahre Landtag Rheinland-Pfalz

Anekdoten : Viel zu viel Klopapier und der Max Mustermann der Parlamentarier: Die kuriosen Höhepunkte aus 75 Jahren Mainzer Landtag

Welcher rheinland-pfälzische Politiker hatte das beste Sitzfleisch? Und warum bestellte die Landtagsverwaltung einst Klopapier für ein ganzes Jahrzehnt? Auf diese und andere wichtige Fragen gibt es jetzt endlich Antworten.

Es gab Zeiten, da wussten die Verantwortlichen des Mainzer Landtags vor lauter Toilettenpapier nicht mehr, wohin mit all den Rollen. Vor 51 Jahren hatte eine Firma aus Karlsruhe dem rheinland-pfälzischen Parlament per Bahnfracht wie bestellt 4800 Rollen Klopapier zu je 1000 Blatt angeliefert. Ein Hausmeister rechnete damals vor, dass das bei einem durchschnittlichen Verbrauch von sechs bis zehn Rollen wöchentlich ausreichend Klopapier für die nächsten zehn Jahre sei. Immerhin schaffte es der Mainzer Landtag mit der Mammutbestellung seinerzeit in den Hohlspiegel, wie die wöchentliche Ausrutscher-Kolumne im Spiegel heißt.

Kuriose Anekdoten wie diese, aber auch Interessantes, Wissenswertes und Unnützes sind in einer 21-seitigen Broschüre zu finden, die das rheinland-pfälzische Parlament jetzt aus Anlass des 75-jährigen Bestehens veröffentlicht hat. Daneben gibt‘s einige der kernigsten und amüsantesten Zitate von Abgeordneten zu lesen. Etwa von dem erst Anfang des Jahres verstorbenen Eifeler CDU-Politiker Michael Billen, der zwei rheinland-pfälzische Landwirtschaftsminister mit einander verglich: „ Herr Minister Brüderle hat alle Weinköniginnen geküsst. Herr Minister Bauckhage beißt die Winzer.“

Landtag Rheinland-Pfalz: Wer am längsten amtierte

Ein anderes stammt von dem gebürtigen Trierer SPD-Urgestein Joachim Mertes. Der einstige Landtagspräsident ist zwar auch schon fünf Jahre tot, doch sein in der Jubiläumsbroschüre abgedrucktes Zitat hat zum Leidwesen der CDU weiter Gültigkeit: „Meine Damen und Herren, wer nach Ihren Vorschlägen glaubt, dass die Opposition von heute die Regierung von morgen ist, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.“

Doch Spökes beiseite. In 75 Jahren Mainzer Landtag gab‘s auch viel Seriosität und Interessantes. „Früher“ durften Männlein und Weiblein erst ab einem Alter von 25 Jahren Parlamentarier werden. Erst 1979 wurde die Grenze für das passive Wahlrecht auf 18 Jahre gesenkt. Fast doppelt so lange – 35 Jahre – gehörte der am längsten amtierende rheinland-pfälzische Parlamentarier dem Landtag an. Es war der Westerwälder CDU-Abgeordnete Paul Wingendorf.

War für seine kernigen Rden bekannt: der Eifeler CDU-Parlamentarierer  Michael Billen.
War für seine kernigen Rden bekannt: der Eifeler CDU-Parlamentarierer  Michael Billen. Foto: Fritz-Peter Linden

Landtag RLP: Viele Männer, wenige Frauen

Ebenfalls ein CDU-Mann wurde am 9. Juli 1947 einstimmig zum Ministerpräsidenten gewählt: Peter Altmeier, der regierte, bis er 22 Jahre später vom späteren Bundeskanzler Helmut Kohl abgelöst wurde. Erst unter Kohls Nachfolger Bernhard Vogel gab es im Dezember 1976 mit Hanna-Renate Laurien erstmals eine Ministerin am rheinland-pfälzischen Kabinettstisch. Apropos Politikerinnen: Mitte der 60er Jahre saßen gerade mal vier Frauen im Mainzer Landtag, 50 Jahre später waren es immerhin 42.

Apropos Abgeordnete: Wie sieht eigentlich der typische Abgeordnete aus, also der Max Mustermann unter den Parlamentariern? Auch diese Infos haben die Landtagsarchivare in ihrer Jubiläumsbroschüre zusammengestellt: Er wäre männlich, katholisch, 49 Jahre alt, hätte Abitur, gehörte der CDU-Fraktion an und bliebe neun Jahre im Landtag.

Apropos Zeit: Die kürzeste Landtagssitzung dauerte gerade mal zwei Minuten, die längste 20 Stunden und 51 Minuten. Da brauchten die Abgeordneten im Dezember 1985 eine gehörige Portion Sitzfleisch.

Apropos Fleisch. Manchmal ging‘s auch um Konfitüre. Am 7. Februar 1948 debattierten die rheinland-pfälzischen Parlamentarier beispielsweise über die Wiederbelebung der Marmeladenherstellung. Hintergrund war die schlechte Ernährungslage in den ersten Nachkriegsjahren. Der damals von der CDU-Fraktion gestellte Antrag wurde übrigens einstimmig angenommen.

Über derartige Fragen dürfte heute niemand mehr im Landtag streiten wollen. Andere Themen dagegen wiederholen sich. Das wusste auch der Speyerer CDU-Parlamentarier Reinhard Oelbermann. Er begann einst eine Rede mit den Worten: „Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen. Ich weiß nicht, ob Sie noch Lust haben. So viel anders als die Rede meines Vorgängers wird meine nicht.“ An dieser Stelle dürften wohl die meisten seiner Zuhörer abgeschaltet haben oder einfach gegangen sein.

Bleibt zum Schluss noch eine Antwort auf die Frage, was aus dem Zehn-Jahresvorrat Klopapier geworden ist. Wie es seinerzeit hieß, sollten die überzähligen Rollen an die Staatskanzlei und die Ministerien verteilt werden.

Die kostenlose Broschüre „Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit“ kann auf der Internetseite des Landtags heruntergeladen werden.