Zum Dank fürs Überleben

Der Zweite Weltkrieg lag fast in den letzten, immer noch tödlichen Zügen, als er auch die Menschen in Oberlauch heimsuchte. Und damals legten sie ein Gelübde ab: Wenn Dorf und Bürger alles heil überstehen, machen sie jedes Jahr eine Prozession. Sie hielten Wort - und am Sonntag tun sie das zum 70. Mal.

Oberlauch. Oberlauch im September vor 70 Jahren: ein kleines Eifeldorf mit vielleicht 80 Einwohnern. Die Kriegsfront im Westen rückt immer näher, der Ort gerät unter Beschuss der alliierten Verbände. Zum ersten Mal droht das Bombardement am 14. September. Eine im Dorf einquartierte SS-Einheit befiehlt die Evakuierung, die Bürger packen ihre Habseligkeiten.
Nicht nur Einheimische bevölkern zu diesem Zeitpunkt den Ort. Hinzu kommen etwa 1000 Menschen aus osteuropäischen Ländern, die das nationalsozialistische Regime als Zwangsarbeiter in die Eifel hat verschleppen lassen. Ihre Aufgabe: in der Nähe von Pronsfeld Panzersperren zu errichten und Schützengräben auszuheben. "Sie übernachteten in Scheunen, Ställen und Schuppen", sagt Oberlauchs Ortsbürgermeister Richard Meyer. Die Männer in ihren Häusern aufzunehmen oder zu verpflegen, sei den Einwohnern streng untersagt gewesen.
Dann kommen die Jagdbomber - und die verzweifelten Zwangsarbeiter machen auf sich aufmerksam, indem sie mit Tüchern winken. Die Flieger drehen ab.
Von diesem Tag an beten die Oberlaucher jeden Abend vor der Statue der Mutter Gottes im Dorf den Rosenkranz. Sie beten für ihre Väter, Söhne und Brüder an der Front, für deren Heimkehr, bitten darum, dass sie von weiterem Unheil verschont bleiben.Tv-Serie Der zweite Weltkrieg


Meyer hat sich vor einigen Tagen mit einigen alteingesessenen Oberlauchern zusammengesetzt und mit ihnen über jene letzten Kriegsmonate gesprochen. Auch über den Tag, als Oberlauch dann doch beschossen wurde - und neun Zwangsarbeiter ums Leben kamen, als sie gerade vor dem Dorf auf der Suche nach etwas Essbarem waren. Die Bürger beerdigten die Toten auf einer nahen Wiese, weil ihnen eine christliche Bestattung auf dem Friedhof in Niederlauch nicht genehmigt wurde. Junge Frauen aus dem Dorf pflegten später die Gräber bis zur Umbettung der Verstorbenen auf den Ehrenfriedhof in Ormont. Kurz vor Weihnachten 1944 droht erneut die Evakuierung: Weiter im Westen sind schon viele auf der Flucht und führen auch ihr Vieh mit. Dann aber wird bei einigen Tieren die Maul- und Klauenseuche festgestellt. Die Behörden verfügen, dass kein Bauer und kein Vieh den Hof mehr verlassen dürfen. Das bedeutet aber auch, dass die Evakuierung hinfällig ist - und die Oberlaucher sind seitdem davon überzeugt, dass das tägliche Beten sie davor bewahrt hat, ihr Heimatdorf verlassen zu müssen.
Die Bürger, darunter Katharina Cremer, Barbara Schifferings, Maria Cremer und Katharina Wolf, die auch schon das tägliche Beten angeregt hatten, legten damals ein Gelübde ab: Wenn sie den Krieg heil überstünden, würden sie eine jährliche Bittprozession abhalten. Und das tun sie seit 1945: Sie führt, immer am Sonntag nach dem 15. September (diesmal also am 21. September) von der Pfarrkirche in Niederlauch hinüber zur Oberlaucher Mutter-Gottes-Statue (siehe Extra). Viele Gläubige aus den Nachbardörfern nehmen ebenfalls daran teil. Begleitet und musikalisch umrahmt wird die Prozession vom Musikverein und dem Kirchenchor.
Am Sonntag beginnt die Messe mit Pfarrer Siegfried May um 14 Uhr, danach folgt die Prozession.Extra

Eine Kirche oder Kapelle gibt es in Oberlauch nicht mehr. Früher war das noch anders, seit dem 18. Jahrhundert stand eine Kapelle auf dem Grundstück einer Bauernfamilie, aus der mehrere Priester hervorgegangen waren. Und weil diese Geistlichen, auch wenn sie keine Pfarrei hatten, täglich eine Messe lesen mussten, baute die Familie ihnen die Kapelle, die aber im Lauf des 19. Jahrhunderts verfiel. Stattdessen beteten die Oberlaucher mittlerweile an der Marien-Statue, die dort 1935 errichtet wurde. Die Figur und die kleine Anlage, auf der sie steht, werden seit vielen Jahrzehnten von den Nachbarn gepflegt. Agnes Kockelmann und Margarete Schifferings taten das 38 Jahre lang - und erhielten dafür die Auszeichnung "Bürgersinn" von der Verbandsgemeinde Prüm. Zurzeit betreuen Elisabeth Bormann und die Familie von Rita Kockelmann die Anlage. Spender zahlen für Kerzen und Blumenschmuck. Unter ihnen war viele Jahre lang auch ein ehemaliger deutscherSoldat, der im Krieg mit seinem Pferdegespann zur Versorgung der Truppen oft an der Mutter Gottes vorbeifuhr und dort betete - er spendete jedes Jahr Geld aus Dank für seine glückliche Heimkehr aus dem Krieg. fpl