Zum großen Gewinn fehlt oft nur ein Tor

Zum großen Gewinn fehlt oft nur ein Tor

70 000 Euro hat Christian J. innerhalb weniger Jahre verspielt. Der 30-Jährige will am eigenen Beispiel dokumentieren, warum Internet-Wetten für jeden selbst ernannten Sportexperten zur Sucht werden können.

Trier. 15,5 Millionen Euro haben Menschen in Rheinland-Pfalz alleine im vergangenen Jahr bei Lotto Rheinland-Pfalz für Sportwetten ausgegeben. Das waren 2,4 Millionen Euro mehr als 2013. Das Geschäft mit den Wetten auf Fußballergebnisse boomt. Die Sportwette Oddset hat mit Spieleinsätzen von 13,1 Millionen Euro das klassische Tippspiel Toto (2 Millionen) längst weit hinter sich gelassen.
Auch für Christian J. (Name von der Redaktion geändert) aus einem Ort bei Bitburg war ein kleiner Tippschein der als besonders seriös geltenden Sport-Kombiwette Oddset vor 15 Jahren der erste Kontakt zu Sportwetten. "Aus dem Einsatz von fünf Mark wurde schnell ein Systemschein für 25 Mark. Und danach sind die Beträge immer höher geworden", erinnert sich der 30-Jährige, der bis heute nach eigener Einschätzung rund 70 000 Euro in Sportwetten gesteckt hat. Den größten Teil dieses Betrages hat er verspielt, seit immer mehr Wettanbieter mit ihren Angeboten im Internet locken.
"Ich hab' da reingeschaut und die höheren Quoten gesehen. Am Anfang blieb auch von dem eingesetzten Geld etwas übrig, das ich wieder eingesetzt habe. Aber irgendwann musste ich Geld nachschießen bei dem Versuch, wieder das Verlorene reinzuholen."
Für Andreas Stamm, dem Leiter der Suchtberatungsstelle Die Tür, ist Christian J. geradezu ein Musterbeispiel für einen Wettspielsüchtigen: "In der Regel sind das Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, die Geld haben, im Beruf stehen und gesellschaftlich integriert sind. Sehr häufig sind oder waren sie auch in einem Sportverein aktiv und sehen sich dadurch zum Beispiel als Fußballexperten."
Auch das trifft auf den 30-jährigen J. zu, der in seiner Jugend aktiver Fußballspieler war. "Dieser Sport hat mich immer interessiert", sagt er und analysiert seine Wettsuchtvergangenheit sachlich: "Ich habe schon vor zehn Jahren gemerkt, dass ich ein Problem habe. Aber damals wusste ich noch nicht, wo ich Hilfe bekommen kann." Er sei der Tücke Kreditkarte erlegen. "Man wettet online und sieht erst am Monatsende, welche Summen weg sind." Zwei Kredite über mehrere Tausend Euro musste Christian J. deshalb aufnehmen. Dann setzte er 5000 Euro auf eine vermeintlich todsichere Live-Wette: Im Spiel zwischen 1860 München und Greuther Fürth musste nur ein Tor fallen. Das Spiel endete 0:0.
All das war schmerzhaft genug, um nach zwei Gesprächen bei der Suchtberatung für drei Jahre mit dem Wetten aufzuhören und die Kredite abzuzahlen. Er glaubte, auf Dauer von der Sucht wegkommen zu können. Das gelang - bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014. "Sportliche Großereignisse sind für Leute wie mich unglaublich reizvoll", sagt der Büroangestellte. "Bei mir ist das Wetten sofort wieder ausgeartet." Wieder gingen Tausende Euro verloren. Christian J. bekam Depressionen, soziale Kontakte nahmen ab. "Ich musste ja ständig verfolgen, wie das Spiel ausgeht, auf das ich gerade gewettet habe." Auch die Beziehung mit seiner Freundin ging in die Brüche.Wettseiten ständig erreichbar


Im Oktober 2014 suchte er schließlich erneut Hilfe bei der Suchtberatungsstelle, die eine deutliche Zunahme von wettspielsüchtigen Hilfesuchenden registriert. Andreas Stamm: "Vor allem spielt sich das im Internet ab. Smartphones haben dazu geführt, dass Wettseiten ständig erreichbar sind. Hohe Einsätze bei Einzelwetten sind oft typisch." Der Suchtexperte spricht auch von einem Tabuthema in Sportvereinen. "Oft sind die Wettanbieter schließlich die Sponsoren für Trikots und andere Dinge." Er ist deshalb für ein Werbeverbot für Wettspielanbieter.
Um dieses Tabu aufzubrechen, hatte die Landeszentrale für Suchtgefahren (LZG) im September den Aktionstag Glücksspielsucht dem Schwerpunkt Sportwetten gewidmet. Es war der Auftakt zu der Informationskampagne "Ins Abseits gespielt?", an der sich auch der Fußballverband Rheinland (FVR) und der Südwestdeutsche Fußballverband beteiligen. Deren Vereine erhalten bei Interesse Infobroschüren, die auf die Gefahren von Sportwetten aufmerksam machen. Auch Infoveranstaltungen, etwa durch Mitarbeiter der Suchtberatungsstelle Die Tür, sind möglich.
"Leider hat sich bei uns bislang kein Verein aus der Region gemeldet", bedauert Stamm. Der FVR sieht darin noch kein Signal für mangelndes Interesse. FVR-Sprecher Frank Jelinek: "Die Kampagne ist erst punktuell gestartet. Die Vereine sind bislang noch nicht über die Angebote der LZG informiert worden." Einige Vereine im Land hätten dennoch bereits Interesse angemeldet. "Von einem offensichtlichen Desinteresse kann also sicher nicht gesprochen werden."
Christian J. führt inzwischen zwei- bis dreimal wöchentlich Gespräche mit einer Psychologin der Beratungsstelle. "Die Spielsucht hat mich abgestumpft", sagt er und gibt zu, er sei auf der Suche nach einem ähnlich positiven Erlebnis wie einen Wetterfolg noch nicht fündig geworden. Er ist realistisch: "Mein Suchtverhalten ist ein Prozess. Ich weiß, dass sich die Waagschale immer wieder auf die falsche Seite neigen kann."
Suchtberatungsstelle Die Tür, Oerenstraße 15, Trier; Telefon 0651/170360; info@die-tuer-trier.de ; www.suchtpraevention-trier.deExtra

Livewetten über das Internet bergen ein besonderes Suchtrisiko. Sie können während eines laufenden Sportereignisses abgeschlossen werden: Zu jeder Zeit kann auf alles getippt werden, was im Spiel passieren kann: auf das nächste Tor, die nächste Ecke oder die nächste Rote Karte. Zwar geben lediglich drei Prozent der Bevölkerung an, sich an Sportwetten zu beteiligen, aber in Zusammenhang mit der Mitgliedschaft in einem Fußballverein steigt diese Zahl auf über 50 Prozent. Gerade junge Menschen finden leicht den Einstieg in die Wetten. Erste Gewinne schaffen Erfolgserlebnisse und führen zur Selbstüberschätzung, die Gewinnchancen beeinflussen zu können. Dann folgen Verluste, die durch weitere Spielaktionen ausgeglichen werden müssen - der Teufelskreis ist geschlossen. (red)/Quelle: LZGLotto Rheinland-Pfalz

Extra

370 Millionen Euro sind im Jahr 2014 bei der Lotto Rheinland-Pfalz eingesetzt worden, 15,5 Millionen Euro davon auf Wettspiele. Wie die Lottogesellschaft in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für Gesundheitsförderung Glücksspielsucht vermeiden will, lesen sie hier .

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