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Analphabetismus
Richtig lesen und schreiben lernen: Bund fördert Modellprojekt in Trier

FOTO: Uwe Anspach
Trier. Jeder siebte erwerbsfähige Deutsche leidet unter Analphabetismus. Die Betroffenen schämen sich oft und sind deshalb schwer zu erreichen. In unserer Region sieht das ganz anders aus. Von Björn Pazen

Wie kann Berlin-Neukölln von Trier lernen? Warum ist Trier bundesweites Vorzeigeprojekt im Kampf für Alphabetisierung und Grundbildung? Die Antworten auf diese Fragen gehen sechs Jahre zurück. Da bekamen das Bündnis für Grundbildung Trier, das Bildungs- und Medienzentrum und die Initiative „Lernen vor Ort“ den Zuschlag vom Bundesbildungsministerium für ein großangelegtes Projekt mit Namen „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“, kurz APAG. Dieses Projekt wird jetzt wegen des großen Erfolgs fortgeführt und vom Bund mit 900 000 Euro gefördert.

Durch das zunächst auf drei Jahre ausgelegte Projekt, das 2015 um weitere drei Jahre verlängert wurde, konnten in Trier mehrere Stellen geschaffen werden, die sich mit dem Thema intensiv befassten. Es wurden Lerncafés in mehreren Trierer Stadtteilen eingerichtet, in der Stadtbücherei Walderdorff entstand ein Lerntreff, viele ehrenamtliche Lernbegleiter wurden geschult, es wurden Materialien erstellt, die nun bundesweit im Einsatz sind – alles mit dem Ziel, die Zahl der funktionalen Analphabeten zu reduzieren.

14 Prozent aller Deutschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 16 und 65 Jahren leiden unter diesem Problem. „Und es ist überall schwer, sie zu erreichen. Einen unserer Kurse zu besuchen, bedeutet für die Betroffenen eine hohe Hürde“, sagt Susanne Barth vom APAG-Projekt.

Ziel von APAG war es speziell, die Betroffenen am Arbeitsplatz zu erreichen. Dafür wurden Berufsschulen oder Ausbilder, aber auch  Mitarbeiter der Rentenversicherung oder der Agentur für Arbeit sensibilisiert, denen die Rechtschreibprobleme auffielen. „60 Prozent der funktionalen Analphabeten sind erwerbstätig. Bei vielen fällt das Problem auf, wenn sie zum Beispiel neue Aufgaben bekommen oder befördert werden sollen“, sagt Barth. In der zweiten Projektphase von APAG wurde daher in einer Kooperation mit der Handwerkskammer Trier ein Lerntreff in der HWK-Lehrwerkstatt in Kenn eingerichtet, speziell für Azubis mit Lese- und Rechtschreibschwächen, die dort während ihrer überbetrieblichen Ausbildung an Kursen teilnehmen konnten.

Der Bund fördert nun ein neues Drei-Jahres-Projekt mit über 900 000 Euro, das sich „Knotenpunkte der Grundbildung“ nennt. „Es geht darum, die durch APAG aufgebauten Strukturen zu professionalisieren, die Materialien weiterzuentwickeln und neue Schwerpunkte zu setzen“, sagt Annelie Cremer-Freis.

Lag von 2012 bis 2018 ein Fokus auf der Arbeitswelt, sind nun vor allem junge Familien die Zielgruppe. „Es geht nicht um die Kinder, sondern um die Eltern“, betont Cremer-Freis. Dazu wurden Kooperationen mit dem Palais e.V., dem Familienzentrum Fidibus und dem Jugendamt geschlossen, über das Thema Lesen und Schreiben hinaus geht es dabei um „Fit in Finanzen“ und „Gesund leben lernen“. Ziel ist es, „alternative Lernorte“ zu finden und Netzwerke zu bilden.

Weitere Informationen im Internet unter www.grundbildung.trier.de

Hintergrund: Nur Mut!