| 19:50 Uhr

Umwelt
Winzer halten Hubschrauber in Steillagen für unverzichtbar

Ein Hubschrauberpilot sprüht chemische Mittel zur Schädlingsbekämpfung über Weinbergen an der Mosel. Ein solche Aktion bei Saarburg hat Fragen aufgeworfen.
Ein Hubschrauberpilot sprüht chemische Mittel zur Schädlingsbekämpfung über Weinbergen an der Mosel. Ein solche Aktion bei Saarburg hat Fragen aufgeworfen. FOTO: picture-alliance / dpa / Harald_Tittel
Saarburg. Bei einer Spritzung aus der Luft bei Saarburg sollen auch Menschen besprüht worden sein. Der TV hat nachgehört, was tatsächlich passiert ist und wie der Einsatz von Helikoptern im Weinberg geregelt ist.
Marion Maier

Ein sonniger Julimorgen, 9 Uhr. Über der Weinlage Fuchs bei Saarburg fliegt ein Hubschrauberpilot und spritzt die Weinreben. Ein Mann beobachtet das Geschehen zufällig und erschrickt. Da sind Menschen in unmittelbarer Nähe des Fluggeräts. Er zückt sein Handy und filmt die Szene. Für ihn sieht es so aus, als würden die Menschen mit dem Spritzmittel besprüht. Das Video schickt er an die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD). Sie soll die Sache überprüfen. Weil der Saarburger sich nicht sicher ist, ob die Behörde reagiert, schickt er den Film auch an den TV. Im Video ist zu sehen, dass der Spritzhubschrauber den Menschen, die in der Nachbarparzelle arbeiten, recht nahe kommt. Der TV hört nach. Was sagt die Behörde? Waren es Mitarbeiter eines Saarburger Winzers, die sich im Weinberg aufgehalten haben?

„Personen vor Ort nicht getroffen“ Weinreben vom Helikopter aus zu spritzen, ist grundsätzlich verboten. Ausnahmen genehmigt die ADD laut eigener Homepage nur, wenn es um „pilzliche Schaderreger in Steil- und Steilstlagen des Weinbaus“ geht. Auf die TV-Anfrage zum Zwischenfall teilt Pressesprecherin Eveline Dziendziol mit: „Unmittelbar nach Eingang des Hinweises ist ein Mitarbeiter zum angegebenen Standort gefahren. Vor Ort wurden die Personen befragt, die sich zu dem Zeitpunkt in den Weinbergen befanden. Sie haben angegeben, dass in ihrem direkten Aufenthaltsbereich keine Spritzung stattfand und dass sie nicht von Spritzbrühe getroffen wurden. Es konnten keine Unregelmäßigkeiten festgestellt werden.“ Die Spritzung sei ganz regulär für die Spritzgemeinschaft Saar beantragt und genehmigt worden.

Saarburger Winzer nicht betroffen Der TV hätte gerne selbst mit den Menschen, die im Weinberg gearbeitet haben, geredet. Doch Namen fallen unter den Datenschutz. Eine Umfrage bei drei Saarburger Winzern ergibt: Nur Armin Appel bewirtschaftet Parzellen in der Weinlage Fuchs. Er ist sich sicher, dass seine Mitarbeiter nicht betroffen waren. Er sagt: „Unsere Leute wissen Bescheid, wann wo gespritzt wird. Sie gehen dann in der Regel in andere Parzellen.“ Generell würden die Mitarbeiter über Spritzungen informiert, Fußgänger mit Hilfe von Schildern gewarnt.

Die vorgeschriebenen Abstände Wie viel Abstand muss so ein Hubschrauber von Menschen einhalten? Dziendziols Antwort: „Genehmigungen werden unter der Auflage erteilt, dass bei Aufenthalt von Menschen im Behandlungsbereich nicht gespritzt werden darf.“ Würden Pflanzenschutzmittel im Weinberg gesprüht, müssten fünf Meter Abstand zu Anwohnern und Umstehenden eingehalten werden, teilt die Pressesprecherin weiter mit. Und wie sieht es mit dem Abstand zu Häusern und Gärten aus? Flächen, die von Unbeteiligten genutzt würden, dürften nicht vom Sprühnebel getroffen werden, teilt Dziendziol mit. Sie ergänzt: „Diese Auflage bietet eine größtmögliche Sicherheit – mehr als ein in Metern festgelegter Abstand, der je nach äußeren Bedingungen auch mal zu gering sein könnte.“

Die eingesetzten Mittel Fünf Meter Abstand zu Menschen – das klingt nicht gerade viel. Insbesondere, wenn man das Sicherheitsdatenblatt mit Daten und Umgangsempfehlungen zu Orvego durchliest, einem der Mittel, das laut ADD an jenem Julimorgen eingesetzt wurde. Dort steht: „gesundheitsschädlich bei Verschlucken“ und „sehr giftig für Wasserorganismen“. Die weiteren Mittel, die gesprüht wurden, sind laut ADD Dynali (ebenfalls sehr giftig für Wasserorganismen) und Netzschwefel (ohne Gefahrenhinweis).

Fünf Meter Abstand sind für Walter Clüsserath, Winzer aus Pölich und Vorsitzender des Bauern- und Winzerverbands im Kreis Trier-Saarburg, gar nicht so wenig. Er sagt: „Ich selbst habe bis vor fünf Jahren in Steillagen gearbeitet und dort im Spritznebel gestanden. Und?“ Ihm gehe es gut. Er weist daraufhin, dass offensichtlich auch seinen Berufskollegen die Spritzmittel nicht schadeten. Clüsserath: „Landwirte und Winzer sind laut einer Studie nach den Pastoren die Berufsgruppe, die am ältesten wird.“ Tatsächlich finden sich im Netz Hinweise darauf, dass selbständige Landwirte im Vergleich recht alt werden (siehe www.demografische-forschung.org). Ob das ein Indiz ist?

Was wäre ohne Hubschrauberspritzung? Mit dem Hubschrauber wird laut Clüsserath allein gegen zwei Pilzsorten gespritzt: Echter und Falscher Mehltau. Dort, wo gegen diese Pilze nicht vorgegangen werde, falle die Ernte total aus, sagt Clüsserath. Also müsse gespritzt werden – weltweit. Clüsserath: „Aber nirgendwo wird so stark darüber diskutiert wie in Deutschland.“ Der Winzer hält die Deutschen für ganz besonders vorsichtig, wenn es um Gesundheitsgefahren geht. Er hingegen sieht das Thema gelassen – vielleicht auch, weil er eine gewisse Zeitspanne überblickt. Clüsserath: „Heute werden nur noch wenige Flächen per Hubschrauber gespritzt. Bis in die 70er/80er Jahre gab es diese Spritzungen auch in den flachen Bereichen.“ Der 58-Jährige ist sich sicher: „Ohne die Hubschrauberspritzung würden viele Steillagen brachliegen.“ Die Bewirtschaftung sei zu anstrengend. Er selbst habe früher in den steilen Hängen einen meterlangen Schlauch hinter sich hergezogen. Clüsserath ergänzt: „Heute werden auch keine Gifte mehr eingesetzt wie beispielsweise E 605.“ In der EU ist das sogenannte Schwiegermuttergift, das für Morde und Selbstmorde missbraucht wurde, verboten – allerdings auch erst seit 2001.

Wie machen es die Bio-Winzer? Einer, der ohne die konventionellen Spritzmittel auskommt, ist Harald Steffens aus Reil (Kreis Bernkastel-Wittlich). Er ist Vorsitzender des Bio-Winzer-Vereins Ecovin Mosel-Saar-Ahr. Er ist sich mit dem Bauernverbandschef in einigen Punkten erstaunlich einig. Auch er spricht sich für Hubschrauberspritzungen in der Steillage aus, wenn es dort keine Zuwegung gibt und der Winzer mit Schlauch unterwegs sein müsste („eine Tortur“). Der Reiler überrascht mit dem Hinweis, dass auch Bio-Winzer an der Zeller Moselschleife den Helikopter einsetzten. Ansonsten sei die Bodenspritzung wirksamer, da komme mehr vom Mittel an, sagt Steffens. Er ist ebenfalls der Meinung, dass die Menschen sehr viel vorsichtiger geworden seien. Steffens: „Die Gesellschaft ist hypersensibilisiert, und gerade Leute aus der Stadt haben oft keine Ahnung.“ Was das von Bio-Winzern eingesetzte Mittel gegen Pilze angeht, liegt er mit Clüsserath über Kreuz. Der Pölicher sieht das Schwermetall Kupfer sehr kritisch. Der Bio-Winzer hingegen verweist darauf, dass es ein Mikronährstoff sei, der heute in viel geringeren Dosen angewendet werde als früher und dessen häufig zitierte Schädlichkeit für Bodenorganismen nicht eindeutig nachgewiesen sei.