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Das Wildtierzentrum Wiltingen/Saarburg ist voll: Tiere, die jetzt verunglücken, haben Pech gehabt

Ein Nest mit diesen Singdrosseln wurde Anfang Mai 2016 entdeckt. Kaum zwei Wochen später sitzen die Piepmätze fröhlich auf der Stange und freuen sich ihres Lebens. Foto: privat
Ein Nest mit diesen Singdrosseln wurde Anfang Mai 2016 entdeckt. Kaum zwei Wochen später sitzen die Piepmätze fröhlich auf der Stange und freuen sich ihres Lebens. Foto: privat FOTO: Herbert Thormeyer (doth) ("TV-Upload Thormeyer"
Wiltingen/Saarburg. Das Wildtierzentrum Wiltingen/Saarburg nimmt keine Neuzugänge mehr auf - und die Hochsaison beginnt bald. Was nun? Es sieht schwierig aus mit Hilfe von offiziellen Stellen. Marion Maier

Wiltingen/Saarburg Es war lange genug angekündigt. Nun machen Jürgen und Maria Meyer vom Verein Wildtierzentrum Ernst.

Die aktuelle Lage Seit Anfang April haben sie aufgehört, neue Tiere aufzunehmen. Sie haben das Wildtierzentrum, das sich großteils in ihren eigenen vier Wänden befindet und das für die gesamte Region Trier zuständig ist, für Neuaufnahmen geschlossen. Das Paar pflegt nur noch die 40 Tiere, die schon vorher da waren. Dazu gehören kleine Eichhörnchen, ein junger Waldkauz, ein Schwan und ein Turmfalke. Ansonsten lässt sich das Ehepaar nur noch Bilder von Wildtieren zuschicken, die gefunden wurden, und gibt Tipps, wie die Finder am besten helfen können.
Jürgen Meyer sagt: "Es fällt schwer, die Leute am Telefon abzuwimmeln. Das wird noch schwieriger, wenn sie an der Tür stehen. Schließlich haben wir das 30 Jahre lang gemacht." Maria Meyer sagt: "Noch geht das mit den Bildern auf dem Handy. Aber im Mai beginnt die Hauptsaison mit 250 Tieren pro Monat. Im April muss etwas passieren!"
30 Jahre lang haben Jürgen und Maria Meyer mit Unterstützung des 130 Mitglieder zählenden Vereins Wildtierzentrum verletzte und geschwächte Tiere teils rund um die Uhr gepflegt. Jährlich bis zu 1300 Lebewesen fanden in ihrem Haus oder im zweiten Standort des Wildtierzentrums in Saarburg vorübergehend Platz. Laut Jürgen Meyer waren 90 Prozent von ihnen durch menschliches Verschulden in eine Notlage geraten. Für ihn ist die Pflege der Tiere moralische Verpflichtung und ein zweiter, unbezahlter Vollzeitjob neben seiner Arbeit als Lackierer. Sie hat deshalb nie einen Job angenommen. Urlaub ist für beide ein Fremdwort.
Nun können die Meyers (53 und 57 Jahre alt) nicht mehr. Sie sind gesundheitlich angeschlagen. Zudem fehlt das Geld. Etwa 30 000 Euro pro Jahr fallen an für Futter, Pflege, Tierarzt. Tendenz steigend. Das Land übernimmt bislang lediglich 30 Prozent dieser Kosten. Nun sind die Behörden gefragt. Bereits vor einem Jahr hatte der Verein laut Meyer schon einmal Alarm geschlagen. Tierschützer, Politiker, Behörden waren eingeladen. Meyers Fazit: "Passiert ist danach nichts." Das Problem: Bei Haustieren, die gefunden werden, sind die Kommunen verpflichtet, sich zu kümmern. Bei Wildtieren gibt es diese Pflicht nicht.
Der TV hat beim Umweltministerium, beim Landkreis Trier-Saarburg und bei den Verbandsgemeinden (siehe Text unten) nachgefragt, was sie tun wollen, um das Wildtierzentrum zu retten. Die Antworten reichen von null Engagement über etwas mehr Hilfe bis hin zu guten Ideen, die aber noch fiktiv und nicht kurzfristig umsetzbar sind.

Das Umweltministerium Der Verein Wildtierzentrum hat bei der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord beantragt, die Stelle des Zentrumsleiters mit 40 000 Euro jährlich zu finanzieren. Wildtierexperte Jürgen Meyer hat sich bereiterklärt, dafür Gehaltseinbußen im Vergleich zu seinem bisherigen Beruf hinzunehmen. Josephine Keller, Sprecherin des Landesumweltministeriums: "Vonseiten des Ministeriums wurde eine Förderung in Höhe von 30 Prozent in Aussicht gestellt." Voraussetzung sei, dass die Gesamtfinanzierung durch den Verein gesichert sei. Die Förderung beziehe sich auch auf die Personalkosten, heißt es. Dazu sagt Ute Marx, Schriftführerin des Vereins: "Das ist schon etwas, aber es reicht nicht. Wir können den Rest auf Dauer nicht über Mitgliedsbeiträge und Spenden auftreiben."

Der Landkreis Trier-Saarburg Landrat Günter Schartz: "Zur Finanzierung der Wildtierstation wird der Kreis einen Antrag an die Stiftung Natur und Umwelt des Landes Rheinland-Pfalz stellen und um eine dauerhafte Unterstützung der Einrichtung bitten." Notfalls müsse die Stiftung die Fördergrundsätze ändern, damit sie für solche Einrichtungen die laufenden Personal- und Sachkosten finanzieren könne. Wildtiere zu pflegen und wieder freizulassen genieße laut Schartz den gleichen Stellenwert wie die Anlage von Feuchtbiotopen und Trockenmauern oder die Pflege von Orchideenwiesen. Schartz: "Der Stiftung stehen erhebliche Mittel aus Ausgleichszahlungen im ganzen Land zur Verfügung, die unbedingt auch für den Wildtierschutz" aufgewandt werden müssten.KommentarMeinung

Selbst das Saarland zahlt
Aufgrund von Baumfällarbeiten werden fünf junge Waldkäuze obdachlos. Vier Gartenschläfer werden beim Winterschlaf in einem Kohlensack gestört. Ein Kernbeißer fliegt gegen eine Scheibe und verletzt sich. Es sind solche Tiere, die im Wildtierzentrum Wiltingen/Saarburg landen. 30 Jahre lang hatten sie einfach Glück, dass die Meyers sich aufopferungsvoll um sie gekümmert haben. Doch das kann es auf Dauer nicht sein! Die meisten der Tiere sind durch menschliche Eingriffe in Not geraten. Menschen müssen ihnen da auch wieder raushelfen - und zwar nicht privat finanziert, sondern öffentlich. Das arme Saarland macht es vor. Dort kommt das Umweltministerium für die Wildtierauffangstation in Eppelborn auf - komplett. Eine Finanzierung des Wildtierzentrums Wiltingen/Saarburg über die Stiftung Natur und Umwelt wäre eine gute Lösung. Geld scheint es dort zu geben. Beim Wildtierzentrum ließe sich der Wissensschatz von Jürgen Meyer - wie vom Verein vorgeschlagen - zudem für Bildung von Kindern und Jugendlichen nutzen. Das wäre ein Gewinn. Aber die Verantwortlichen müssen nun schnell handeln. Sie haben die Dinge lange genug laufen lassen. m.maier@volksfreund.deExtra: WEIT UND BREIT EINZIGES WILDTIERZENTRUM


Das Wildtierzentrum Wiltingen/Saarburg ist für die gesamte Region Trier zuständig. Die nächsten vom Land anerkannten Pflegestationen sind in Kirchwald bei Koblenz und in Neuwied.