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Müll
Kleine Tücher in der Toilette machen großen Ärger

Da gehören sie nicht hin: Werden Feuchttücher per Klospülung entsorgt, verstopfen sie die Kanalisation.  
Da gehören sie nicht hin: Werden Feuchttücher per Klospülung entsorgt, verstopfen sie die Kanalisation.   FOTO: Friedemann Vetter
Saarburg/Konz/Schweich/Hermeskeil. Feuchttücher gehören nicht in die Toilette, landen aber oft genug darin. Für Klärwerker sind sie derzeit der größte Störfaktor. Sie verstopfen Pumpen und verursachen rund um die Uhr Sondereinsätze. Erfahrungsberichte aus Saarburg zu einem weltweiten Problem.
Marion Maier

Franz Petri kann das Problem mit den Feuchttüchern nicht einfach am Arbeitsplatz zurücklassen. Der Werkleiter der Saarburger Verbandsgemeinde (VG) nimmt es mit in sein Privatleben. Er sagt: „Ich spreche das im Bekanntenkreis immer mal wieder an. Ich lasse auch mal ein Bild einer verstopften Pumpe irgendwo liegen und komme so ins Gespräch.“ Jedes Mal stellt er fest: „Kaum einer weiß davon.“

Dabei hält es die Männer vom Saarburger Klärwerk ständig auf Trab – ob mitten in der Nacht, am Wochenende oder an Heiligabend. „Es ist Störursache Nummer eins – mit Abstand“, sagt Petri.

Mindestens zwei Mal pro Woche, schätzt Abwassermeister Jürgen Becker, müssen er und seine sechs Kollegen ran, wenn verstopfte Abwasserpumpen Alarm auslösen. Das Problem: Feuchttücher zerfallen im Wasser nicht wie gewöhnliches Klopapier. Sie bestehen aus reißfestem Vlies, das  erhalten bleibt. Auf dem Weg zum Klärwerk bleiben die Tücher in den Pumpen hängen, verdrehen sich dort zu festen Zöpfen und legen die Maschinen lahm. Auch zu Motorschäden ist es schon gekommen.

Die Klärwerkmitarbeiter, die eine 24-Stundenbereitschaft stellen, müssen dann umgehend für Abhilfe sorgen. Denn lahmgelegte Pumpen führen entweder dazu, dass die Kanäle überlaufen, das Abwasser in Bächen landet und so die Umwelt geschädigt wird. Oder sie verursachen einen Rückstau, der das Abwasser in die Häuser schwappen lässt.

Die Pumpen von den Tücherzöpfen zu befreien, ist eine aufwendige Sache. Die bis zu 130 Kilogramm schweren Anlagen müssen ausgebaut und zerlegt werden. Dazu sind zwei Mitarbeiter und ein Unimog mit Kran nötig. Die Mitarbeiter fieseln dann mit Hilfe eines Spachtels oder Schraubenziehers die Geräte von den fest gezurrten Tüchern frei und reinigen sie. Zwei Stunden dauert so ein Einsatz laut Becker. 42 Pumpen gibt es in der VG Saarburg.

Doch nicht nur die Pumpen sind anfällig. Petri: „Die Feuchttücher könnnen auch den Hausanschluss verstopfen, wenn sie sich beispielsweise am Rückstauventil festsetzen.“ Im Gegensatz zum Einsatz im Pumpwerk, der von der Allgemeinheit getragen wird, müssen dann die Grundstückseigentümer für die Reinigungskosten aufkommen. Der Werkleiter schätzt, dass da schon mal bis zu 2000 Euro zusammenkommen können. Doch auch die Probleme im allgemeinen Kanalsystem könnten sich bald im Geldbeutel der Verbraucher bemerkbar machen. Petri: „Die Bereitschaftsdienste der Mitarbeiter kosten. Das wird langsam gebührenrelevant.“

Und natürlich ist nicht nur Saarburg betroffen. Petri: „Die Kollegen im Kreis Trier-Saarburg und der Stadt Trier berichten von den gleichen Problemen.“ Deutschlandweit werde es in der Fachpresse diskutiert. Ein Blick ins Internet zeigt: Weltweit kämpfen Klärwerke mit dem gleichen Schlamassel. Zumal Feuchttücher immer beliebter werden. Mittlerweile werden sie für alles und jeden angepriesen, nicht nur für den Toilettengang, sondern auch zur Reinigung des Babypopos, als feuchter Waschlappen, zum Abschminken oder Desinfizieren.

 Hinzu kommt, dass Hersteller die Probleme verharmlosen. So wird laut Petri auf den Verpackungen per Piktogramm oder per Text häufig suggeriert, die Tücher könnten in der Toilette entsorgt werden. Doch dem ist nicht so. Selbst wenn die Verbraucher nur geringe Mengen im  Klo runterspülen, sammeln sich die Tücher laut Petri an den Pumpen. Alternative Fasern, die sich zersetzen würden, seien noch nicht auf dem Markt, sie würden erst erforscht, sagt Petri.

Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) warnt entsprechend: „Vorsicht, Pumpenkiller! Problem Feuchttücher“. Und der Fachverband warnt nicht nur, er ist auch mit den Herstellern im Gespräch. Doch die Sache scheint nicht einfach zu sein. Vonseiten des Verbands heißt es, das Problem sei inzwischen so groß, dass die DWA gemeinsam mit anderen Verbänden und Vertretern aus Industrie und Wissenschaft eine Expertengruppe ins Leben gerufen habe. Sie solle sich des Themas jetzt auf europäischer Ebene annehmen.

Kommentar

Einfache Lösung

Die Lösung des Feuchttuchproblems ist denkbar einfach: Wer ein solches nutzt, wirft es anschließend nicht in die Toilette, sondern in den Mülleimer. Nur: Die Verbraucher müssen das wissen. Sie müssen darauf hingewiesen werden, dass sie ansonsten riesige Probleme in der Kanalisation verursachen, die Mensch, Umwelt, das eigene Heim oder irgendwann dann auch den eigenen Geldbeutel belasten können. Irreführende Bildchen oder Texte auf den Verpackungen, die anderes suggerieren, sind vollkommen fehl am Platz. Es ist verantwortungslos, wenn Hersteller sie weiter verbreiten. Um so mehr sind mündige Bürger gefragt, die die Aussagen der Industrie einmal mehr kritisch hinterfragen. Marion Maier m.maier@volksfreund.de