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Mit Hubschraubern auf Strahlensuche

Palzem/Tawern/Merzig. Das Bundesamt für Strahlenschutz hat zwei Tage lang mit drei Messteams und zwei Hubschraubern die Radioaktivität in der Region gemessen. Die Daten bilden die Grundlage dafür, die Behörden auf einen denkbaren Gau am Kernkraftwerk Cattenom vorzubereiten. Alexander Schumitz

Palzem/Tawern/Merzig. Angenommen, im französischen Atomkraftwerk Cattenom käme es zu einem Gau, einem sogenannten größten anzunehmenden Unfall, bei dem Radioaktivität austritt.
Was ist dann von den Behörden zu unternehmen, welche Daten werden als Grundlage für Entscheidungen zurate gezogen? Das sind zwei der Fragen, die in der Region immer wieder durchgespielt werden. So hatte die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier etwa Ende 2012 Bereiche definiert, die im Falle eines Nuklearunfalls zu evakuieren oder die mit Jodtabletten zu versorgen sind.
Noch vor dreieinhalb Monaten wurde grenzüberschreitend simuliert, was zu machen ist, wenn in der Region eine Radioaktivität auftritt, wie sie 1986 nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in Deutschland gemessen wurde. Dieses Katastrophen-Szenario sah vor, dass wegen der Verstrahlung Obst und Gemüse vernichtet oder Weidevieh notgeschlachtet werden müssen (der TV berichtete).
Um die datentechnische Grundlage für solche Szenarien kümmert sich das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das in den vergangenen Tagen gemeinsam mit der Bundespolizei in der Region eine Übung gemacht hat. Solche Übungen für den Notfall finden regelmäßig statt. In diesem Jahr haben drei Messteams des BfS am Boden und zwei Hubschrauber-Crews aus BfS und Bundespolizei zwischen Idar-Oberstein, Merzig und Trier Daten zur Radioaktivität ermittelt.
"Dazu haben wir ein Raster über die Region gelegt", erklärt Günter Brauer, Techniker beim BfS-Messnetzknoten-Team Salzgitter (Niedersachsen). "Und jetzt gleichen wir die so gewonnenen Messergebnisse ab." Während der Übung schaue man vor allem darauf, ob die unterschiedlichen Messsysteme, die das BfS und die Bundespolizei einsetzen, zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Ein weiteres Ziel sei es, die Besonderheiten der Topografie kennenzulernen. "Aber es treten auch ganz praktische Probleme auf", fährt Brauer fort. "So kommen wir am Boden beispielsweise nicht zu jedem Messpunkt, den wir ansteuern wollen, etwa weil ein Waldweg nicht befahrbar ist." Es gehe auch darum, gezielt Fehlerquellen zu identifizieren und zu überlegen, wie man sie umgehen kann. "So ist uns bei dieser Übung aufgefallen, dass die Bordstromnetze unserer Einsatzfahrzeuge nicht auf die zunehmende Anzahl elektrischer Geräte eingestellt sind", sagt Brauer.
Die während der Übung ermittelten Daten fließen in die Katastrophenschutzplanung des Bundes und des Landkreises ein. Dabei geht es laut Brauer nicht nur um die Höhe der Radioaktivität. "Für sich genommen, sagt dieser Wert wenig aus", erläutert Brauer. "Entscheidend ist es, zu wissen, wie sie sich zusammensetzt, also welche Isotope nachweisbar sind."
So ist etwa in Tschernobyl eine größere Menge des Caesium-137-Isotops freigesetzt worden, das nach Aufnahme zur Strahlenkrankheit führen kann. Dieses radioaktive Zerfallsprodukt ist 27 Jahre nach dem katastrophalen Unfall in der Ukraine nach wie vor nachweisbar. Deshalb wird etwa immer noch vor dem übermäßigen Verzehr von Wild und Pilzen aus dem Bayerischen Wald und dem Hochwald gewarnt.
Andere radioaktive Spurenelemente, die vom BfS-Trupp gemessen werden, sind Jod oder Strontium. "Auf Grundlage der von uns ermittelten Daten können die Behörden im Katastrophenfall beispielsweise besser entscheiden, wo sie Jodtabletten verabreichen und wo das nicht nötig ist", erklärt der BfS-Experte. Zwar kenne radioaktive Strahlung keine Grenzen, aber sie verteile sich auch nicht gleichmäßig. Hier spielten Topografie und Wind sowie Wetterverhältnisse im Katastrophenfall eine wichtige Rolle.
"Mit den Daten, die wir bei dieser Übung zusätzlich ermitteln, können wir Szenarien besser simulieren und die Behörden auch auf einen für Cattenom nicht auszuschließenden Reaktorunfall besser vorbereiten", betont Brauer. Allein mit den festen Messpunkten in der Region ließe sich ein so differenziertes Bild nicht zeichnen.Extra

Bundesweit unterhält das Bundesamt für Strahlenschutz etwa 1800 Messstationen, die im Zweistundentakt melden, wie hoch die Radioaktivität - die sogenannte Gamma-Ortsdosisleistung - an den Messpunkten ist. In der Region gibt es solche Stationen etwa in Palzem, Wincheringen, Perl-Borg, Mettlach-Orscholz, Saarburg, Tawern, Mettlach, Zerf, Osburg, Speicher und Trier. Abgerufen werden können die Ergebnisse über http://odlinfo.bfs.de. Die von den Messstationen übermittelten Daten spiegeln die natürliche Strahlung wider, die von Ort zu Ort und je nach Wetterlage abweichen kann. Kommt es zu auffälligen Abweichungen, macht sich das BfS auf die Suche nach den Gründen hierfür. Das können wetterbedingte Schwankungen und Fehler bei der Messung sein sowie erhöht auftretende Radioaktivität etwa durch einen Störfall . itz