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Wohnen
Stadtforscher: Das können Dörfer gegen Leerstände tun

Leerstehendes Haus in Hermeskeil
Leerstehendes Haus in Hermeskeil FOTO: Benedikt Laubert
Saarburg/Hermeskeil/Konz. Bis zu 20 Prozent der Wohnungen in Mehrfamilienhäusern im Kreis könnten in einigen Jahren leer stehen. Ein Stadtforscher gibt Kommunen deshalb Tipps und diskutiert mit Politikern über Lösungen. Ein Überblick. Von Benedikt Laubert
Benedikt Laubert

Wer heute durch Hermeskeil, Saarburg, Konz oder Ruwer fährt, braucht schon viel Fantasie, um sich das Szenario vorzustellen: Zehn bis 20 Prozent der Wohnungen in Mehrfamilienhäusern stehen leer; nur noch wenige Menschen leben in den Dorfkernen.

Doch Zahlen des Bundesamts für Bauwesen zeigen schon länger: Das wird hier wohl in  rund zehn Jahren Realität sein. Vor allem die kleinen Gemeinden dürfte es treffen – in ihnen könnten in einigen Jahren noch deutlich mehr Wohnungen leer werden – und leer bleiben.

Professor Holger Schmidt zeigt, was Kommunen gegen den drohenden Wohnungsleerstand tun können.
Professor Holger Schmidt zeigt, was Kommunen gegen den drohenden Wohnungsleerstand tun können.

Auch Stadtforscher Holger Schmidt und seine Kollegen von der Technischen Universität Kaiserslautern warnen vor dem drohenden Leerstand. Schmidt hat sich deshalb mit Bürgermeistern, Architekten und Bürgern im Hermeskeiler Feuerwehrmuseum getroffen, um Lösungen gegen den drohenden Wohnungsleerstand in der Region zu präsentieren.

Wen es trifft Bislang ist wenig zu spüren von den drohenden Wohnungsleerständen: Die Verwaltungen in den Verbandsgemeinden (VG) Konz, Ruwer, Schweich und Trier-Land sehen Wohnungsleerstände aktuell als kein großes Problem an. Nahe Luxemburg und Trier profitieren viele Gemeinden noch von den Pendlern und spüren weniger von der Landflucht. In Saarburg heißt es, die VG habe keine Kenntnis darüber, wie viele private Wohnungen leer stünden. In den Verbandsgemeinden Kell am See und Hermeskeil sind dagegen Leerstände in fast allen Orten zu sehen, wie auch die Verwaltungen bestätigen. Aktuelle Zahlen zum Leerstand gibt es nicht; die neueste Studie ist der bundesweite Zensus von 2011.

Damals standen im Kreis rund vier Prozent der Wohnungen leer. Während der Diskussion in Hermeskeil ergänzt ein Bürger aus Welschbillig: Nicht nur leerstehende Wohnungen würden mehr und mehr zum Problem. Immer häufiger gebe es große Wohnungen, in denen nur ein Mensch lebe, nachdem die Kinder ausgezogen seien. Auch das mache die Dörfer leerer.

Stadtforscher Schmidt sagt: „Künftig wird es vor allem kleinere Gemeinden treffen und solche, die diese bundesweite Entwicklung verschlafen, weil sie nichts tun.“ Gründe für den künftigen Leerstand seien, dass immer weniger Kinder zur Welt kommen und dass junge Menschen immer häufiger in die Städte zögen.

Tabu brechen Laut Schmidt erkennen viele Verantwortliche in den Gemeinden das künftige Problem der Leerstände nicht. Oft gebe es ein Tabu, das Thema richtig anzugehen. Frank Böhme, Vizepräsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, diskutiert mit und ergänzt: „Kleine Verwaltungen sind oft überfordert mit so einem speziellen Thema.“ Er regt an, dass sich Gemeinden zusammentun und so ihre Expertise bündeln.

Ohne Konzept geht nichts In diesem Punkt driften die Gemeinden und Verbandsgemeinden weit auseinander. Die Bürgermeisterin der VG Ruwer Stephanie Nickels sagt etwa auf TV-Anfrage: „Der Gebäudeleerstand bezieht sich nur punktuell auf einzelne Immobilien und bedarf keines besonderen Handlungsansatzes.“ Die Stadt Hermeskeil und Ortsgemeinden wie Grimburg, Greimerath und Kell am See dagegen haben mit Fachbüros Sanierungsgebiete ausgearbeitet.

Wer in diesen Gebieten saniert, bekommt Fördermittel vom Land und kann seine Aufwendungen von der Steuer absetzen. Solche Sanierungsgebiete sind laut Schmidt ein sinnvolles Instrument gegen künftigen Leerstand. Denn Gemeinden müssten eine Abwärtsspirale durchbrechen: Viele ziehen in die Städte, dadurch sinken Nachfrage und Mietpreise auf dem Land. Und dadurch wiederum lohne es sich für viele Eigentümer nicht zu sanieren – wodurch die Wohnungen noch unattraktiver für potenzielle Mieter würden.

Das Umfeld muss stimmen Die schönste Wohnung bleibt leer, wenn es in der Nähe keinen Supermarkt und keinen Arzt gibt. In diesem Punkt dient die Gemeinde Schön­ecken (Eifelkreis Bitburg-Prüm) als Vorbild. Sanierungsplaner Michael Frey arbeitet mit der Gemeinde zusammen und diskutiert mit. Er sagt: „Alles hängt an einem lebenswerten Umfeld.“

Die Gemeinde habe verfallene Gebäude aufgekauft und abgerissen, sie habe Parkplätze und Grünflächen geschaffen sowie ein neues Gemeindezentrum gebaut. Danach hätten zahlreiche Geschäftsinhaber und Hausbesitzer von sich aus investiert und somit weiter zu einer schöneren Gemeinde beigetragen. Seitdem sei auch die Nachfrage nach bisher leeren Wohnungen gestiegen.

Wer soll das bezahlen? Viele Projekte gegen Wohnungsleerstand zahlen Land und Bund zu sehr hohen Anteilen. Arnold Schmitt, Landtagsabgeordneter für Trier/Schweich, ist auch dabei und sagt: „Das Problem ist aber: Kein Mensch blickt bei den ganzen Förderprogrammen durch.“ Außerdem seien die Gutachten und Pläne, die für einen Förderantrag gebraucht werden, so teuer, dass viele Gemeinden vor der Investition zurückschreckten.

Um den Überblick über seine vielen Förderprogramme für Kommunen zu erleichtern, hat das Land einen eigenen Förderlotsen beauftragt: Klaus Roderich. Er diskutiert mit über den drohenden Leerstand und sagt: „Durch Wohnungsleerstand entstehen Probleme, die oft nur mit finanzieller Hilfe von außen zu lösen sind.“

Alles hängt an Menschen vor Ort Karl-Heinz Frieden, Konzer Ex-Bürgermeister und Vorstand des Gemeinde- und Städtebunds Rheinland-Pfalz, betont: „Gemeinden können des Problems nur Herr werden, wenn sich die Akteure vor Ort engagieren.“

Sanierungsplaner Michael Frey sieht das auch so. Ein Bürgermeister müsse mit Hausbesitzern über Sanierungen verhandeln, selbst wenn er sie privat gut kenne. Und die Bürger müssten bei einer Dorferneuerung mitziehen.