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"Tatort hat nichts mit der Realität zu tun" - Saarburger Kriminalhauptkommissar über die Arbeit seiner Fernseh-Kollegen

 Tatort-Leichen sehen schöner aus als die echten, meint Kriminalhauptkommissar Armin Wacht (kleines Foto Mitte). Was seine Fernsehkollegen Axel Prahl (großes Foto, links) als Hauptkommissar Frank Thiel und Jan Josef Liefers (rechts) als Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne vielleicht gar nicht wissen. Fernseh-Kommisarin Lena Odenthal (Bild oben rechts) mit falscher Waffenhaltung. Bild rechts unten: Zubehör im Kofferraum: Kästen mit Material zur Sicherung von DNA und anderen Spuren. TV-Fotos: Marion Maier (3); Fotos: dpa (2)
Tatort-Leichen sehen schöner aus als die echten, meint Kriminalhauptkommissar Armin Wacht (kleines Foto Mitte). Was seine Fernsehkollegen Axel Prahl (großes Foto, links) als Hauptkommissar Frank Thiel und Jan Josef Liefers (rechts) als Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne vielleicht gar nicht wissen. Fernseh-Kommisarin Lena Odenthal (Bild oben rechts) mit falscher Waffenhaltung. Bild rechts unten: Zubehör im Kofferraum: Kästen mit Material zur Sicherung von DNA und anderen Spuren. TV-Fotos: Marion Maier (3); Fotos: dpa (2) FOTO: ARRAY(0xc097cf8)
Saarburg. Falsch gehaltene Waffen, unrealistisch hilfreiche Zeugenhinweise, Kommissare, die alleine vorpreschen: "Was da im ,Tatort’ gezeigt wird, hat nichts mit der Realität zu tun", sagt Armin Wacht. Der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Saarburg erklärt, wie seine Wirklichkeit aussieht und warum er glaubt, dass bei den Zeugenhinweisen mehr möglich wäre als derzeit. Marion Maier

Saarburg. Für viele Fernsehzuschauer ist es ein Ritual, den ,Tatort' am Sonntagabend im Ersten zu schauen. In den dritten Programmen laufen fast täglich Wiederholungen, über die Feiertage war das Tatort-Angebot besonders intensiv.. Seit 1970 existiert die Serie. Sie ist die am längsten laufende und beliebteste Krimireihe im deutschen Sprachraum.
Kriminalhauptkommissar Armin Wacht schaut den ,Tatort' eher "notgedrungen", wie er sagt. Seine Frau sieht sich die Serie regelmäßig an und da wolle er sich nicht ausklinken, sagt der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Saarburg. Dabei kam Wacht Schauspielerin Ulrike Folkerts (Kommissarin Lena Odenthal) schon ziemlich nahe.Als Komparse bereits dabei



Als Komparse hat er mal im ,Tatort' mitgespielt. Vor fast 30 Jahren. Damals war er bei der Ludwigshafener Polizei, bei der das Tatort-Team für Statisten nachsuchte. Seine Rolle bestand darin, Kommissarin Odenthal irgendwo in einem Flur entgegenzukommen und sie anzurempeln. Amüsiert meint Wacht: "Das war lustig. Die Szene musste drei, vier Mal gedreht werden. Mal war das Rempeln zu hart, mal nicht hart genug."
Zum Tatort-Fan hat ihn seine Kamera-Erfahrung trotzdem nicht gemacht. Der Grund: "Was da gezeigt wird, hat nichts mit der Realität zu tun." Viele Kollegen würden das so sehen, sagt Wacht. Er hat zwar Verständnis dafür, dass ein Fernsehkrimi spannend sein muss, doch stimmt es ihn auch nachdenklich, dass "die Bürger in die Irre geführt werden." Der Polizist nennt eine Menge Beispiele für unrealistische Tatort-Perspektiven.

Top-Zeugenaussagen: Die Zeugen, die im Tatort zu Hauf überaus nützliche Hinweise geben, wünscht sich Armin Wacht auch in der Realität. Oft kämen jedoch überhaupt keine Hinweise, sagt der Kriminalhauptkommissar. Wacht ist sich jedoch sicher, dass mehr möglich wäre. Denn manchmal kämen Informationen bei anderer Gelegenheit zur Sprache und dann sei es oft zu spät - so wie kürzlich, als Männer, die sich verdächtig umschauten, samt Fahrzeug an der Obermosel gesichtet wurden. Sie wurden just in der Zeit beobachtet, als es in der Gegend Einbrüche gab, und hätten die Täter sein können. Doch als die Polizei den Hinweis bei einer anderen Befragung erhielt, konnte sie das Kennzeichen, das der Beobachter notiert hatte, nicht mehr zuzuordnen. Wacht ermuntert die Menschen, lieber einmal etwas zu viel als zu wenig zu melden. Die Daten würden nach einer Weile auch wieder gelöscht, wenn nichts passiere.

Mit der Waffe durch das Haus: Laut Wacht halten Tatort-Kommissare die Waffe meist falsch, wenn sie ein Haus nach Verdächtigen durchforsten. "Man hält die Waffe nicht am ausgestreckten Arm vor sich, sondern nah am Körper", sagt er.
Anders verrate sich der Polizist zu früh, wenn er beispielsweise um eine Ecke spähen wolle. Er sei zudem wendiger mit der Pistole am Körper.
Allein in die Gefahr: Nicht nur Schimanski und Odenthal preschen im ,Tatort' schon mal alleine vor, vergessen die Eigensicherung und begeben sich so in Gefahr. Es ist fast die Regel, dass die Fernsehkommissare so agieren. Wacht sagt dazu: "Das würde bei uns keiner machen." In der Regel fordere ein Polizist Unterstützung an, wenn er sich in eine möglicherweise brenzlige Situation begebe. Generell seien Polizisten in der Regel im Team unterwegs.

Der venezianische Spiegel: Die Vernehmungen, die im Fernsehen meist in einem speziellen Raum mit venezianischem Spiegel (also einer Glasscheibe, die nur in einer Richtung zu durchschauen ist) vorgenommen und von Kollegen beobachtet werden, sind für Wacht reine Fiktion. "Wenn ich jemanden vernehme, dann sind wir in der Regel zu zweit in meinem Büro und ich nehme alles mit dem Diktafon auf", sagt der Polizist.
In der Saarburger Inspektion gebe es zwar auch einen Raum mit venezianischem Spiegel, doch der werde anders genutzt, beispielsweise für Gegenüberstellungen, bei denen der Zeuge nicht erkannt werden soll.

Staatsanwälte brauchen länger: Schnell mal einen Durchsuchungsbefehl beim Staatsanwalt anfordern - das ist laut Wacht ein unrealistisches Szenario. Außer bei Gefahr im Verzug, einem sehr seltenen Fall, würden grundsätzlich Richter über eine Durchsuchung entscheiden - und das dauere: acht bis zehn Tage.

"Ruf doch mal die KTU": Auch die kriminaltechnische Untersuchung (KTU) von DNA-Spuren dauert laut Wacht in der Regel länger als im ,Tatort'. Selbst in dringenden Fällen wie Mord müsse aus technischen Gründen mindestens einen Tag bis anderthalb Tage auf die Ergebnisse gewartet werden. Und der schnelle Ruf nach der KTU wie im ,Tatort' ist in der Wirklichkeit auch nicht die Regel. Denn die Kripobeamten in Saarburg sichern auch selbst Spuren. Sie haben beispielsweise Material im Kofferraum, um DNA und Fasern sicherzustellen.

Zu schöne Leichen: Viel schöner als die Wirklichkeit - optisch wie vom Geruch her - sind für Wacht die obduzierten Leichen im ,Tatort`. Wacht: "Im Fernsehen sind die Leichen wieder zugenäht. Doch in der Regel ist ein ermittelnder Polizist bei der Obduktion dabei." Auch bei Verkehrsunfällen werde häufig obduziert, um festzustellen, ob beispielsweise ein Herzinfarkt Anlass für einen Unfall war.

Fehlende Schreibarbeit: Was Wacht im ,Tatort ' fehlt, ist die viele Schreibarbeit, die einen großen Teil der polizeilichen Arbeit ausmache. Das reiche vom Ermittlungsbericht über den Tatortbericht bis hin zum Vernehmungsprotokoll.Extra

Polizeiinspektion Saarburg Die Polizeiinspektion Saarburg ist zuständig für die Verbandsgemeinden Saarburg, Konz und Teile von Kell am See. Neben den Kripobeamten arbeiten dort unter anderem Polizisten im Wechselschichtdienst, die Bezirksbeamten, die für einen bestimmten Bereich zuständig sind und ein Jugendsachbearbeiter. mai

FOTO: (h_sab )
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