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Vermisstenfall
Vier Freunde retten verwirrten Mann in Wincheringen

 Diese Vier haben sich nachts bei strömendem Regen auf die Suche nach einem 88-Jährigen gemacht und ihn gefunden.
Diese Vier haben sich nachts bei strömendem Regen auf die Suche nach einem 88-Jährigen gemacht und ihn gefunden. FOTO: TV / Marion Maier
Wincheringen/Onsdorf . Eine orientierungslose Frau (79) aus Wincheringen taucht unterkühlt in Onsdorf auf. Vier junge Leute suchen spontan nach dem vermissten Ehemann (88) – und finden ihn gerade noch rechtzeitig. Von Marion Maier
Marion Maier

Ein Samstagabend im Dezember. Es stürmt und schüttet wie aus Eimern. Die vier Freunde Michael und Johannes Gries, Anna Koch sowie Sascha Pütz (alle zwischen 20 und 23 Jahren alt) treffen sich in Wincheringen, um auszugehen. Doch es kommt anders.

 

Ehefrau gefunden, Mann vermisst  Eine englischsprachige Frau hat die 79 Jahre alte Nachbarin von Familie Gries durchnässt, unterkühlt und voll Schlamm in Onsdorf gefunden und bringt sie gegen 19.30 Uhr zu den Griesens. Die Seniorin wollte eigentlich nach Hause, doch sie hat keinen Haustürschlüssel, und ihr 88 Jahre alter Mann reagiert auch nicht – weder auf Klingeln, noch auf Klopfen oder spätere Anrufe von Michaela Gries, der Mutter von Michael und Johannes. Sie gibt der Seniorin trockene Kleider, etwas Heißes zu trinken und etwas zu essen.

Doch wie sie zwischenzeitlich im benachbarten Onsdorf gelandet ist, kann die ältere Frau nicht erklären. Gries weiß durch den losen Kontakt mit den zurückgezogen lebenden Nachbarn, dass sie keine näheren Verwandten haben. Sie weiß auch, dass das Paar an diesem Tag eigentlich zum Einkaufen nach Saarburg fahren wollte. Sie ruft schließlich die Polizei.

Polizei eingeschaltet Streifen- und Krankenwagen fahren bald darauf vor. Ein Polizist befragt die Seniorin, doch sie ist ziemlich durcheinander. Sie sagt, sie sei spazieren gewesen. Als die Polizei das Nachbargrundstück inspiziert, findet sie kein Auto. Michaela Gries ist sofort klar: Da ist etwas passiert. Denn die Nachbarn seien sonst nie im Dunklen mit dem Wagen unterwegs, sagt sie. Die Polizei reagiert ihrer Meinung nach verhalten. Armin Görgen, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Saarburg sagt: „Wir sind von einem Verkehrsunfall ausgegangen und haben deshalb zunächst die Hauptverkehrsstraßen mit zwei Streifenwagen abgesucht.“

 

Spontane Suche Doch vielleicht ist der Nachbar auf einem Feldweg gelandet? Anna Koch sagt: „Wir dachten, dass er eine Alternativroute gesucht hat. Er war Landwirt und kennt die Wirtschaftswege.“ Spontan setzen sich die vier Freunde in ihren Ausgehklamotten in ein Auto und machen sich ebenfalls auf die Suche. Sie fahren zwischen Onsdorf und Söst in jeden befahrbaren Feldweg hinein. Sascha Pütz sagt: „Wir dachten: Er kann mit seinem Auto nicht weiter fahren als wir.“

Eineinhalb Stunden geht das so. Die vier sind schon fast bis Nittel gekommen. Erfolglos. Zwischendurch telefonieren sie mit Michaela Gries. Sie sagt: „Schaut mehr Richtung Saarburg.“ Gries fragt auch bei der Polizei nach: „Ist die Feuerwehr verständigt? Wird ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera eingesetzt?“ Die Antwort der Polizei: „Ein Hubschrauber kann nicht fliegen wegen des Windes und weil der Regen so stark ist.“ Armin Görgen erklärt später: „Die Feuerwehr miteinzubeziehen, war in Vorbereitung. So etwas aufzubauen, dauert etwas.“

Die vier jungen Leute suchen weiter. Irgendwann bleibt nicht mehr viel übrig. Anna Koch sagt: „Da war noch ein Feldweg bei Mannebach-Kümmern, unsere letzte Hoffnung.“ 200 Meter weit fahren sie rein. Sascha Pütz: „Man konnte die Scheiben kaum aufmachen, so hat es geregnet.“ Und da steht er: der grasgrüne Wagen des 88-Jährigen. Die Freunde fahren näher ran. Sie sehen den Mann halb unter dem Auto liegen, in einem Wasserlauf. Anna Koch: „Ich dachte zuerst, er ist nicht mehr am Leben.“ Als die jungen Leute versuchen, ihn da rauszuholen, brüllt er vor Schmerzen. Mit Rettungsdecken und einer Feuerwehrjacke – alle vier sind bei der Feuerwehr – versuchen sie, ihn etwas trockener zu betten. Einer redet mit ihm, um ihn wachzuhalten.

Kein Mobilfunknetz und andere Probleme Das nächste Problem: Da draußen gibt es kein Handynetz. Deshalb teilt sich die Gruppe. Die Brüder bleiben bei dem Senior, versuchen, so gut es geht, ihn zu wärmen, denn er ist schon blau angelaufen. Sie sitzen im Dunkeln, denn das Licht am Wagen des 88-Jährigen funktioniert nicht. Die anderen beiden fahren los, um das Mobilfunknetz zu suchen. Sie werden in Kümmern fündig, landen mit ihrem Notruf allerdings zunächst in Luxemburg, weil nur das Netz des Nachbarlandes verfügbar ist. Als sie gegen 22.30 Uhr schließlich mit der Rettungsleitstelle in Trier sprechen, ist die Verbindung schlecht. Sie klingeln an einem Haus und telefonieren vom Festnetz aus. Das nächste Problem: Sie wissen selbst nicht so genau, wo sie den Mann gefunden haben und können es schlecht beschreiben. Auf dem Rückweg naht Unterstützung: Ein weiterer Feuerwehrmann, den sie treffen, bleibt als Lotse mit seinem Wagen an der Einmündung des Feldwegs stehen. Gegen 22.45 Uhr sind die Rettungskräfte da. Sascha Pütz sagt: „Der Notarzt meinte, es wäre nicht mehr lange gut gegangen.“ Der Mann habe vermutlich seit nachmittags im Regenwasser gelegen. Er hat einen Herzinfarkt erlitten.

 

Lob der Polizei Harald Lahr, Leiter der Polizeiinspektion Saarburg, sagt: „Wir waren froh, dass wir die jungen Leute hatten!“ Sie sind in dieser Nacht ebenfalls unterkühlt und durchnässt nach Hause gekommen. Lahrs Kollege Görgen ergänzt: „Sie haben uns sehr gut unterstützt.“ So schnell hätte die Polizei in dieser Ecke wohl auch nicht gesucht. Görgen: „Der Feldweg hat in einer Sackgasse geendet.“ Er vermutet, dass das ältere Ehepaar sonst über Wincheringen-Bilzingen nach Saarburg gefahren ist und durch die derzeitige Sperrung dort aus seiner Routine katapultiert wurde. Und das Seniorenpaar? Die beiden sind zunächst im Krankenhaus behandelt worden und sollen langfristig in ein Heim kommen. Von dem ganzen Trubel, den sie ausgelöst haben, wissen sie offensichtlich wenig. 50 Feuerwehrleute, vier Streifenwagenbesetzungen und zwei First Responder waren in der Dezembernacht im Einsatz.