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Umwelt
Wenn der Jäger das Reh nicht richtig trifft

  Dass ein Jäger mal daneben schießt, sei immer mal möglich, sagt Kreisjagdmeister Rolf Kautz. Dennoch würden selten Tiere krank geschossen – auch bei Treibjagden, bei denen es im Vergleich zu Ansitzjagden schwieriger sei zu zielen.   Foto: dpa
Dass ein Jäger mal daneben schießt, sei immer mal möglich, sagt Kreisjagdmeister Rolf Kautz. Dennoch würden selten Tiere krank geschossen – auch bei Treibjagden, bei denen es im Vergleich zu Ansitzjagden schwieriger sei zu zielen. Foto: dpa FOTO: dpa / Patrick Pleul
Saarburg/Trier . Nach einer Treibjagd in Saarburg findet eine Frau ein angeschossenes Reh. Obwohl sie die Polizei sofort alarmiert, dauert es ihrer Aussage nach, bis der Jagdpächter das Tier erlöst. Für die Helferin ein Grund, diese Art der Jagd infrage zu stellen. Von Marion Maier
Marion Maier

An einem Sonntagabend fährt Heike Tögel gegen 19 Uhr von der Ferienhausanlage Landal bei Saarburg zum Essen. Unterwegs sieht die Urlauberin aus dem Taunus zwei Rehe am Waldrand, eines liegt am Boden. Sie hält an und schaut nach. Das stehende Tier, vermutlich das Muttertier, rennt weg.

 

Frau versucht, Reh zu trösten Das Jungtier ist im Schulterbereich angeschossen und kann nicht mehr aufstehen. „Es litt furchtbar“, beschreibt die Frau später. Sie ruft die Polizei an, die den Jagdpächter informiert. Laut Aussage der Urlauberin dauert es eineinhalb Stunden, bis der Jagdpächter kommt und das Reh erschießt: „Bis dahin habe ich so gut wie möglich das arme Tier beruhigt“, sagt Tögel. Ihrer Meinung nach werden bei Bewegungsjagden häufig Tiere nur angeschossen. Deshalb stellt sie Treibjagden infrage, geht aber noch weiter: „Die Jagd ist nicht notwendig. Die Natur reguliert sich selbst, wenn man sie lässt.“

Heike Tögel ist mit ihrer Kritik nicht alleine. In Luxemburg hat eine Petition gegen Treibjagden innerhalb von zwei Tagen das nötige Quorum von 4500 Unterschriften erreicht. Eine solche Jagd setze die Tiere besonderem Stress aus und führe oftmals zu unnötigem Leid, argumentiert der Initiator.

 

Polizei sucht Jagdpächter Unnötiges Leid? Hätte das Reh in Saarburg früher erlöst werden können? Der TV hat bei der Polizei und dem Jagdpächter vom Warsberg nachgefragt. Harald Lahr, Leiter der Polizeiinspektion Saarburg, sagt: „Wir haben eine Liste der Jagdpächter hier. Doch der Fundort lag an einer Reviergrenze, und da mussten wir erst herausfinden, wer der betroffene Pächter ist.“ Das habe etwas gedauert. Der Pächter sei etwa 20 Minuten später, jedenfalls keine eineinhalb Stunden später vor Ort gewesen.

Laut Lahr erhält die Polizeiinspektion selten Anrufe wegen angeschossener Tiere. Viel häufiger meldeten Autofahrer Wildunfälle. 2016 war ein Rekordjahr im Bereich der PI Saarburg: 583 Mal kam es da zu Zusammenstößen von Autos mit Wildschweinen, Rehen oder Hirschen. Im Folgejahr ist die Zahl nur leicht gesunken. Lahr: „Die Wildunfälle machen 35 Prozent unserer gesamten Unfälle aus.“ Und sind auch für den Menschen gefährlich. 2017 gab es bei Wildunfällen einen Schwerverletzten, sechs Leichtverletzte.

 

Pächter sucht Fundstelle Siegfried Obertreis, Jagdpächter vom Warsberg, berichtet, dass die Suche nach dem „krankgeschossenen Tier“ mit sogenannten Schweißhunden (Schweiß wird das Blut des Wilds außerhalb seines Körpers genannt) an jenem Sonntag so schnell wie möglich begonnen habe. Obertreis: „Für den Jäger ist es die erste Sache, die Nachsuche schnell zu erledigen. Und dann ist er froh, wenn das Tier gefunden wird.“ Die Gegend am Warsberg sei schwierig, da hügelig. Die Suche habe von 13 bis 16.30 Uhr gedauert. „Dann mussten wir abbrechen, weil es dunkel wurde“, sagt der 81-Jährige. Als die Polizei am Abend angerufen habe, habe er seinen Jagdhüter verständigt, und beide seien gleich losgefahren. Doch wohne er in Merzig, mehr als 20 Kilometer entfernt. Zusätzlich habe es gedauert, weil die Polizei den Fundort nicht richtig angegeben habe. „Wir haben das Tier dann gleich erlegt und mitgenommen.“

Fünf weitere Rehe seien bei der Treibjagd mit 15 Jägern an diesem Tag geschossen worden, Schwarzwild überhaupt nicht. Er organisiere ein bis zwei Mal im Jahr solche Bewegungsjagden, bei denen an die zehn bis 15 Tiere geschossen würden, sagt Obertreis. Dass ein Tier lediglich krank und nicht tot geschossen werde, komme selten vor. Die meisten Tiere würden vom Ansitz aus erlegt, von dort könne präziser geschossen werden. Zusammen mit den Ansitzjagden, schätze er, dass er die Wildzahlen so im Griff habe, dass sich der Verbiss (Abfressen der Knospen) in Maßen halte, sagt Obertreis. Generell gebe es wegen der vielfachen Störungen durch den Ferienpark in dem Gebiet nicht so viel Wild. Die Zahl der Schwarzkittel sei dort in den vergangenen Jahren zudem rückläufig.