| 17:54 Uhr

Porträt
Die freundliche Stimme der Verwaltung

 Am Arbeitsplatz von Willi Hein, der Telefonzentrale der Saarburger Verwaltung, klingeln drei Apparate im Minutentakt. Die dunkle Brille trägt der blinde 64-Jährige, weil ihm Lichtrefelexe auf dem einen  Auge wehtun.
Am Arbeitsplatz von Willi Hein, der Telefonzentrale der Saarburger Verwaltung, klingeln drei Apparate im Minutentakt. Die dunkle Brille trägt der blinde 64-Jährige, weil ihm Lichtrefelexe auf dem einen  Auge wehtun. FOTO: Marion Maier
Saarburg. Willi Hein ist der einzige Verwaltungsmitarbeiter, der die Verbandsgemeinde Saarburg von Beginn an miterlebt hat. Dass die VG aufgehört hat zu existieren, ist für ihn kein Grund für Wehmut – eine Einstellung, die auch mit seiner Erblindung zu tun hat. Von Marion Maier
Marion Maier

Willi Hein ist die Stimme der Saarburger Verbandsgemeindeverwaltung. Wer jemals die zentrale Nummer der Verwaltung gewählt hat, landet bei ihm. Auch wer das Bürgertelefon anruft, weil er Fragen rund um Zuständigkeiten innerhalb dieser Verwaltung oder anderer Behörden hat, landet bei ihm. Selbst außerhalb der Öffnungszeiten landen Anrufer bei ihm. Denn er hat seine Stimme dem Anrufbeantworter geliehen. Telefonzentrale steht an seinem kleinen Büro im Haus 1 der Verwaltung. Und obwohl die drei Fernsprecher dort stetig klingeln, bleibt er immer freundlich, offen, hilfsbereit.

Warum die Fusion nur wenige Menschen berührt Mit seinen 64 Lebens- und fast 50 Dienstjahren ist Willi Hein der älteste Mitarbeiter der Verwaltung. Und er ist der einzige, der bald von sich sagen kann, dass er den gesamten Werdegang der Verbandsgemeinde Saarburg im Dienst erlebt hat – von ihrer Gründung 1970 während der Gebietsreform bis zur Fusion am 31. Dezember, 2018, 24 Uhr, zur VG Saarburg-Kell.

1970 entstand die VG Saarburg ebenfalls aus einem Zusammenschluss. Damals taten sich die Verbandsgemeinden Palzem, Saarburg-Land und Saarburg-Ost zusammen. Die Auswirkungen solcher Reformen auf die Menschen hält Willi Hein für relativ gering – egal ob vor 48 Jahren oder heute.

Er sagt: „Die Leute brauchen eine gut funktionierende Verwaltung, das ist wichtig. Ob die nun Saarburg oder Saarburg-Kell heißt, das ist den meisten egal.“ Hein räumt ein, dass sich für die Einwohner der VG Saarburg wenig ändert, für die Keller jedoch einiges. Zwar bleibt eine Außenstelle der Verwaltung in Kell am See erhalten, doch der Hauptsitz ist künftig in Saarburg. Dies kann längere Fahrzeiten bedeuten. Doch der Verwaltungsmitarbeiter meint: „Am Telefon habe ich da bislang keine Negativ-Stimmung mitbekommen. Die Leute sind froh über eine gute Auskunft.“

„Ein Kraftakt der Verwaltung“ Wenn Hein die beiden Fusionen, die er erlebt hat, vergleicht, ist sein Fazit eindeutig. „Die erste Fusion war gemütlicher. Da wurden Akten aus den alten Schränken rausgenommen und in neue reingestellt. Da gab es nicht diese Vernetzung über die EDV.“ Ob Haushaltsprogramm oder landesweites Einwohnermeldesystem – nun müsse alles virtuell zusammengeführt werden. Die Bürgerbüros müssten mehr als eine Woche geschlossen werden, um die Personendaten zusammenzubringen und den Berechtigten den Zugriff darauf zu gewähren. Hinzu komme, dass neue Bereiche aufgebaut und Abteilungen personell „gut durchgeschüttelt“ würden. Hein: „Die aktuelle Fusion ist ein Kraftakt für alle.“

Heins persönlicher Kraftakt Willi Hein, der eigentlich Wilhelm heißt, hat einen Kraftakt ganz anderer Art hinter sich. Als er seine dreijährige Ausbildung als Verwaltungsangestellter 1969 bei der  VG Saarburg-Land begonnen hat, konnte er nicht besonders gut sehen. Bereits im Kindesalter ist er durch einen Tumor auf dem linken Auge blind geworden. Das rechte Auge war durch den grünen Star beeinträchtigt, mehrfache Operationen halfen wenig. Hein: „Die Medizin war damals noch nicht so weit.“ Dann der „Crash“, wie Hein es nennt. Das verbliebene Auge war durch die Arbeit überbelastet. Bei der darauffolgenden Operation hieß es: „Das Augenlicht ist nicht zu retten.“ Es folgte eine Zeit des Kampfes: Mal sah er Umrisse, mal nicht. Jeden morgen die bange Frage: Was erkenne ich heute noch? Als es dann dunkel blieb, war es für ihn, als würde eine Last abfallen. Hein: „Zu meiner Frau habe ich damals gesagt: Ich glaube, wir haben es gepackt. Ab da habe ich die Erblindung akzeptiert.“

Akzeptieren bedeutet für ihn: Es muss weitergehen. In einer vierwöchigen Kur brachte er sich mit Kassetten und mit Hilfe eines blinden Bekannten die Brailleschrift (Blindenschrift) selbst bei. Als die EDV Anfang der 90er Jahre Einzug hielt, bat er: „Leute, ich will da mitmachen.“ Sein Arbeitsplatz wurde mit Hilfe von Fördermitteln entsprechend ausgestattet. Hein hat vier Bürgermeister im Amt erlebt. Er sagt: „Ich hatte immer die Unterstützung der Chefetagen und der Büroleiter.“ Doch sagt er auch: „Jeder Arbeitstag erfordert aufgrund der Erblindung mehr Energie als bei Sehenden.“

Wo die Energie herkommt Seine Energiequellen kann der Mann mit dem schütteren dunklen Haar allerdings klar benennen: die starke Frau an seiner Seite, seine Tochter, ein stabiler Freundeskreis und die Musik. Akkordeon hat er gelernt. Mit 16 Jahren spielte er erstmals in einer Band und schwenkte damals auf Orgel/Keyboard um. Nun ist er gerade dabei, klassisches Klavier zu lernen. Eine Lehrerin erklärt ihm, was er mit welcher Hand tun soll und spielt es vor. Das nimmt er auf und spielt es nach, denn Noten in Blindenschrift kann er nicht lesen. Er muss sich alles merken.

„Mein Gedächtnis ist mein Kapital“, sagt Hein. Ob historische Daten, Lehrlingsgehalt oder Telefonnummern: Er hat die Fakten im Kopf. Deshalb kann er auch am Verwaltungstelefon oft sehr schnell antworten. Doch hat er auch einen besonderen Anspruch an seine Arbeit. Hein: „Wir sind als kommunale Verwaltung der erste Ansprechpartner für die Bürger. Die Leute sollen hier anrufen, wenn sie Fragen haben. Wir müssen dann Hilfestellung leisten, auch wenn wir nicht zuständig sind. ,Nicht zuständig’ gibt es bei mir nicht. Die Nähe zu den Bürgern ist mir wichtig.“

So soll das auch bleiben. Hein muss also derzeit, wo die Fusion der Verwaltung voll im Gange ist, einiges neu lernen – auch wenn das Ende seiner Dienstzeit näherrückt. Ende April 2019 will er nach genau 50 Dienstjahren zusammen mit seiner Frau Hildegard, die ebenfalls in der Verwaltung beschäftigt ist, in Rente gehen. Sowohl dieses Ende wie das Ende der Verbandsgemeinde Saarburg sind für den Verwaltungsmann kein Grund für große Wehmut. „Es geht darum, nicht in Wehmut zurückzublicken, sondern sich den neuen Herausforderungen zu stellen, nach vorne zu schauen mit positiver Energie“, sagt er. Das habe er auch durch seine Erblindung gelernt. Zur Vereinigung der VG Saarburg und Kell ergänzt er: „Wir sind dann größer und können uns anders positionieren.“

Für die Zeit nach April hat sich Willi Hein zudem jede Menge schöner Dinge vorgenommen. Der Musik und dem Klavier will er sich noch intensiver widmen, vielleicht mit seiner Frau in einen Chor gehen. Sinfoniekonzerte möchte er besuchen und mit der Gattin die Reisen unternehmen, die noch möglich sind. Auch Tandem will er verstärkt mit ihr fahren. Sie ist dann Pilotin. „Mit mir vorne macht das wenig Sinn“, sagt Hein und lacht. Für weiteres bleibt er offen: „Vielleicht gibt es auch noch Möglichkeiten, Neues zu entdecken, an das ich jetzt noch nicht denke.“