Schon wieder Missbrauchsverdacht gegen Trierer Bistumspriester

Trier : Erneut Trierer Bistumspriester unter Missbrauchsverdacht

Mit unschöner Regelmäßigkeit gibt es Vorwürfe gegen Geistliche. Bei einer Tagung sagt ein bekannter Trierer Tenor, dass er in der Kindheit vergewaltigt worden sei.

Parallel zu einer Veranstaltung über die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche ist ein weiterer Verdachtsfall im Bistum Trier publik geworden. Wie Bischofssprecherin Judith Rupp auf Anfrage unserer Zeitung bestätigte, gibt es Missbrauchsvorwürfe gegen einen Ruhestandspriester aus der Region. Der Geistliche bestreite die Vorwürfe. Er darf aber nach Informationen unserer Zeitung derzeit keine Gottesdienste mehr halten. Zudem wurde die Staatsanwaltschaft informiert, bestätigte der Leitende Trierer Oberstaatsanwalt Peter Fritzen. Der Hinweis werde auf seine strafrechtliche Relevanz überprüft.

Offiziell war der neue Verdachtsfall auf der von Pastoral- und Gemeindereferenten organisierten Tagung noch nicht durchgedrungen. Dabei ging es bei der äußerst gut besuchten Veranstaltung um die sogenannte MHG-Studie. Die im vergangenen Herbst veröffentlichte Studie dokumentiert den jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche. So sollen zwischen 1946 und 2014 mindestens 3677 meist männliche Minderjährige von 1670 katholischen Klerikern missbraucht worden sein. Im Bistum Trier sind seit 1946 insgesamt 148 Priester wegen sexuellen Missbrauchs beschuldigt worden. Betroffen waren 442 Opfer.

Eines der Opfer ist der bekannte Trierer Tenor Thomas Kiessling. Der 56-Jährige hatte dies erst vor kur­zem öffentlich bekanntgemacht. „Ich wurde als Kind von einem Pater vergewaltigt“, sagte Kiessling bei der Tagung am Dienstag: „Ich bin Opfer.“ Demnach sei er als Kind von einem Pater der Trierer Abtei St. Matthias missbraucht worden. Von den Übergriffen des Klerikers hätten alle gewusst, „trotzdem gab es das große Schweigen“, sagte Kiessling unserer Zeitung. Er lobte die von der Kirche in Auftrag gegebene MHG-Studie; sie zeige allerdings nur „das Spitzchen des Eisbergs“.

Eine Äußerung, die zuvor auch der im wissenschaftlichen Beirat der Studie tätige Ulmer Professor Jörg Michael Fegert mit Zahlen untermauerte. Demnach sei von etwa 114 000 Betroffenen sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester und noch einmal so vielen durch Pfarrer und Mitarbeiter in evangelischen Kirchen auszugehen, sagte der Experte. Fegert kritisierte, dass die Kirche bei der Aufklärung „lange Zeit zu sehr um sich selbst besorgt“ gewesen sei. Eine Kritik, der sich auch der Sprecher der Trierer Opfervereinigung Missbit, Thomas Schnitzler, anschloss. Er forderte nicht zum ersten Mal, dass von der Kirche unabhängige Missbrauchsbeauftragte eingesetzt werden müssten und es eine fallbezogene Aufarbeitung geben müsse.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann räumte ein, dass die Kirche eine „Lerngeschichte“ hinter sich habe: „Wir haben 2010 Dinge gemacht, die wir heute anders machen würden.“ Seinen Job als kirchlicher Missbrauchsbeauftragter wolle er weitermachen, auch wenn er nicht immer angenehm sei.

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