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Sie zelteten, kreischten und fielen in Ohnmacht

Sie zelteten, kreischten und fielen in Ohnmacht

Was für ein Aufruhr! Schon zwei Tage vor dem Tourauftakt der Band „Tokio Hotel“ in Luxemburg haben Fans vor der Rockhal gezeltet, um ihre Stars aus der ersten Reihe sehen zu können. Und das, obwohl das Konzert gar nicht ausverkauft war. 4000 Fans kamen, 6500 hätte die Halle gefasst.

Der Vorplatz der Rockhal in Luxemburg gleicht einem Schlachtfeld. Müll türmt sich in blauen Plastiksäcken vor den Toren. Der Abendwind zerrt an gold-silbernen Wärmefolien, die zerrissen herumliegen. Das sind die Überbleibsel der Fans, die teilweise bereits zwei Tage vor dem Konzert der Band „Tokio Hotel“ an der Rockhal gezeltet haben.

Längst haben sie die Konzerthalle gestürmt. Bereits gegen 17.30 Uhr – das Konzert begann um 20.45 Uhr – drängen sich Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern vor der Halle. Chloé (21) aus Paris berichtet, dass die Fans den Eisenzaun vor der Halle in ihrer Rage umgestoßen hätten. Mit Ellebogen sei der schnelle Einlass erkämpft worden. Die Organisation sei nicht gut gewesen, findet sie. Dieses Fanverhalten hatten die Luxemburger wohl so nicht erwartet. Chloé hat es geschafft und steht bei ihrem nunmehr neunten Tokio-Hotel-Konzert in der ersten Reihe. Es ist stickig heiß da vorn und der Schweißgeruch zeugt von aufgeregten und erwartungsvollen Fans.
Das Konzert des mittlerweile mehr im Ausland erfolgreichen Deutschland-Exports „Tokio Hotel“ hat noch nicht einmal begonnen, da ziehen die Sicherheitskräfte schon die ersten Schwächeanfall-Kandidaten aus dem Pulk.

Dann fällt der Vorhang, und eine riesige, futuristische Bühnenkonstruktion erscheint. Wie ein Raumschiff thront eine Metallkugel in der Mitte. In ihr pulsiert buntes Licht. Mehr als 4000 Besucher kreischen ohrenbetäubend, denn die Kugel öffnet sich und schwebt hoch über der Bühne. Im unteren Teil der Kugel sitzt wie in einem Raumschiff Schlagzeuger Gustav Schäfer. Dann taucht Frontmann Bill Kaulitz auf und stellt alles auf der Bühne in den Schatten. Das mag daran liegen, dass seine Bandkollegen Tom (Gitarre), Georg (Bass) und Gustav (Schlagzeug) ganz unspektakulär in T-Shirt und Jeans gekleidet auftreten, während Kaulitz in seinem hautengen schwarzen Lederanzug, der besetzt mit Strasssteinen ist, die außerirdische Atmosphäre unterstreicht. An Schultern und Beinen ragen spitze silberne Stacheln aus seinem Outfit. Sein Haar ist gegelt und rabenschwarz. Eine schwarze Sonnenbrille verhüllt sein Gesicht. Irgendwie erinnert Kaulitz in seinem Aufzug an den King of Pop.

Doch zurück zu den Zuschauern. Eins ist von vornherein klar: Ohne Gehörschutz ist man verloren. Diese Tokio-Hotel-Fans kreischen nämlich anstatt zu klatschen. Aber sie gehen mit, kennen jeden Song auswendig. Zwischen Fan-Pullis und -Kappen tauchen T-Shirts mit „Bill, ich will ein Kind von Dir.“ auf. Auffällig sind die kleinen Fans wie Lila (5), die auf den Schultern ihres Vaters die hoch erhobenen Arme hin und her schwenkt. Oder Gregory (10), einer der wenigen männlichen Fans, der die Karte von seiner Mutter zu Nikolaus geschenkt bekommen hat. Neben zahlreichen Eltern, die ihren Kindern durch ihr Mitkommen einen Gefallen tun, sind auch Erwachsene dabei, die textsicher sind.
Alle schwelgen in den Songs des neuen Albums „Humanoid“, die Kaulitz und seine Jungs mal auf Englisch mal auf Deutsch präsentieren. Trotzdem hören sich die Songs musikalisch irgendwann ähnlich an. Erst die Akustikversionen von „Humanoid“ und „Geisterfahrer“ stechen klar aus dem Einheitsbrei heraus und zeigen, dass die Jungs auch ohne viel Show große Emotionen erzeugen können.

In Deutschland ist das neue Album der Band schnell von Platz eins verdrängt worden. Vielleicht war das der Grund, warum der Tourstart im benachbarten Luxemburg angesetzt wurde. Ob die vier Jungs aus Magdeburg sich zunehmend von ihren deutschen Fans verabschieden, ist indes unklar. Unerfreulich für die Fans sind jedoch die (nur!) zwei Konzerte in Deutschland. Wer es dorthin nicht schafft, muss nach Frankreich oder Spanien fahren.