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Trier: Amokfahrt-Prozess startet: Eine Chronik der Ereignisse

Chronik der Ereignisse : Viereinhalb Minuten, die Trier verändert haben - Ein Rückblick auf die Amokfahrt in Trier

In dieser Woche startet der Prozess gegen den Tatverdächtigen. Fünf Menschen starben bei der Amokfahrt, viele wurden verletzt und traumatisiert. Doch eine ganze Stadt stand in der Trauer zusammen. Ein Rückblick auf die furchtbare Tat vom 1. Dezember 2020 - und die Folgen.

„Trier trauert, Trier leidet, aber Trier resigniert nicht.“ Am Tag nach der fürchterlichen Amokfahrt sprach Oberbürgermeister Wolfram Leibe mit brüchiger Stimme die Worte, mit denen er Menschen in der Stadt aus der Seele sprach. Die viereinhalb Minuten vom 1. Dezember 2020 haben Trier dennoch verändert. Viele Betroffene fragen sich bis heute, warum und wie ein Mensch eine solch grausame Tat begehen kann.

Der Prozess gegen den mutmaßlichen Amokfahrer, einen 51-jährigen Trierer, wühlt die Ereignisse in den kommenden Monaten noch einmal auf. Dieser startet in dieser Woche, am Donnerstag, vor dem Trierer Landgericht. Wahllos tötete und verletzte der Amokfahrer damals Menschen in der Trierer Fußgängerzone. Fünf Passanten starben – ein Zahnarzt und sein neun Wochen altes Baby, eine Lehrerin, eine Jurastudentin und eine Seniorin kamen ums Leben. 24 Menschen erlitten Verletzungen, die teils lebensgefährlich waren. Hunderte Menschen, die die furchtbaren Ereignisse in der Trierer Fußgängerzone erlebt haben, wurden traumatisiert. Und das alles dauerte nur viereinhalb Minuten.

Um 13.46 bog ein SUV an jenem Tag von der Konstantinstraße in die Fußgängerzone ein. Er raste mit seinem Wagen in Zick-Zack-Linien durch die Brotstraße in Richtung Porta Nigra. Polizei-Angaben zufolge fuhr der Amokfahrer mit einer Geschwindigkeit von bis zu 81 Stundenkilometern durch die Innenstadt. Er fuhr auf Menschen, die durch die Luft schleuderten und am Boden liegen blieben. Einige konnten sich retten, indem sie zur Seite sprangen oder davon rannten. Augenzeugen sagten damals: „Es war wie im Krieg.“

Menschen eilen in die Fußgängerzone von Trier, um zu helfen

Als das Auto vorbeigezogen war, liefen Passanten und Mitarbeiter aus Geschäften entschlossen in die Fußgängerzone, um den Opfern zu helfen. Sie leisteten Erste Hilfe, übergaben den danach in die Stadt eilenden Sanitätern Decken. Mehr als 800 Polizisten, Feuerwehrleute, Helfer des Technischen Hilfswerks und Rettungskräfte – darunter auch aus Luxemburg – sollten an dem Tag in Trier im Einsatz sein. Krankenhäuser räumten OP-Säle leer, verschoben nicht dringende Operationen, bauten Schockräume auf. Binnen von spätestens 25 Minuten, so hieß es später, waren Verletzte in die Kliniken eingeliefert worden. Die Innenstadt, sollte Oberbürgermeister Leibe später sagen, sei nicht nur ein Tatort, „sondern auch ein Ort, an dem Menschen menschlich reagiert und geholfen haben“.

Während durch die Fußgängerzone eine Schneise der Verwüstung gezogen war, verfolgte die Polizei den Amokfahrer. Bei ihr ging der erste Notruf um 13.47 Uhr ein. Es war möglicherweise das Glück der Ermittler, dass just zu diesem Zeitpunkt zwei Zivilstreifen dienstlich in Richtung Trier-Nord unterwegs waren, wie die Polizei später mitteilen sollte. Sie brachen den Einsatz ab und fuhren in Richtung Porta Nigra. Auch eine Kripo-Streife am Hauptbahnhof machte sich auf den Weg. Dort erwischte die Polizei den Mann, viereinhalb Minuten nachdem die Amokfahrt gestartet war.

Festnahme wenige Minuten nach der Amokfahrt

Grinsend und rauchend soll er vor seinem Landrover gestanden haben, den er abgestellt hatte. Er habe heftigen Widerstand geleistet, sei aber nach kurzen Momenten fixiert, festgenommen und zur Vernehmung gebracht worden. Der Mann soll alkoholisiert gewesen sein, Promillewert 1,4. Im Innenausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags hieß es Tage später, es sei scharfe Munition gefunden worden, aber ohne eine geeignete Waffe im Auto. Um 14.34 Uhr twitterte die Polizei die Festnahme, bat aber darum, weiter die Innenstadt zu meiden. Zu diesem Zeitpunkt herrschte noch Amokgefahr, weil unklar war, ob es weitere Täter geben könnte. Um 16.15 Uhr konnte die Polizei zumindest dabei Entwarnung geben. „Wir haben aktuell KEINE Hinweise auf eine fortdauernde Gefahr“, twitterte sie. Die Tat, sie war ein Schock. Oberbürgermeister Leibe sprach „vom schwärzesten Tag für Trier seit dem Zweiten Weltkrieg“. Innenminister Roger Lewentz (SPD) zog von den historischen Ausmaßen im Bundesland einen Vergleich mit dem Flugzeugunglück von Ramstein.

Trier trauerte, Trier litt, doch Trier resignierte nicht – und spendete sich Trost. Das Bistum lud zum ökumenischen Gebet in den Dom. Schnell legen viele Menschen Kerzen und Blumen in der Fußgängerzone oder der Porta Nigra nieder. Es wurden in den Tagen danach immer mehr, ein wahres Meer aus Kerzen und Blumen. Als in den Tagen nach der Amokfahrt um exakt 13.46 Uhr – der Minute, in der das Drama begann – die Glocken in der Stadt läuteten, herrschte Stille vor der Porta Nigra. Seelsorger kümmerten sich um Opfer, Augenzeugen und Angehörige. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kondolierten. Aus Nachbarländern gab es ebenfalls Zuspruch. Und Leibe, ins ZDF zu Johannes B. Kerner „Ein Herz für Kinder“ in die Livesendung geladen, sagte: „Eine Gesellschaft funktioniert nur durch Zusammenhalt und Engagement.“

Was die Amokfahrt verändert hat

In Trier funktionierte die Gesellschaft. Und darüber hinaus funktionierte die Gesellschaft für Trier. Mehr als eine Million Euro an Spenden gingen ein. Die Stadt plant eine Stiftung für Hinterbliebene und Opfer der Amokfahrt. Doch auch das Bild der Stadt wird sich ändern. Mehrere Poller sind in Trier geplant, um die Sicherheit zu erhöhen – und Amokfahrten wie jene am 1. Dezember 2020 im besten Fall unmöglich zu machen, wie sie auch Berlin schon am Breitscheidplatz erlebt hat, damals als grausame Terrorfahrt im LKW.

Unklar ist bislang das Motiv des mutmaßlichen Täters. Nach Einschätzung eines psychiatrischen Sachverständigen leidet der Mann an einer Psychose. Ab Donnerstag steht er vor Gericht, angeklagt wegen mehrfachen Mordes und versuchten Mordes. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm, wahllos und gezielt auf Passanten zugefahren zu sein, mit der Absicht, möglichst viele Menschen zu töten oder zumindest zu verletzen. 79 Seiten umfasst die Anklageschrift, die 291 Zeugen benennt. 26 Verhandlungstage sind angesetzt. Ein Urteil über den Tag, der Trier verändert hat, könnte demnach im Januar 2022 fallen.