1. Region
  2. Trier & Trierer Land

10. Juni 1951: 15 Zewener sterben bei Unglück am Bahnübergang Kenn

Vor 70 Jahren: Die Katastrophe von Kenn : 10. Juni 1951: Zug erfasst Bus – 15 Zewener tot

Vor genau 70 Jahren: Der Familienausflug des Männergesangvereins endet in einer Katastrophe. Ferdinand Stemper sprang „dem Tod von der Schippe“, weil er überraschend nicht mitfahren durfte.

Am 4. Juni hat Ferdinand Stemper seinen 84. Geburtstag gefeiert. Dass er so alt geworden ist „und von mir aus gerne noch ein paar Jährchen dazukommen können“, hat der Zewener „dem Schicksal zu verdanken. Denn eigentlich könnte ich seit 70 Jahren tot sein. Aber ich bin dem Tod von der Schippe gesprungen“.

Es war am 10. Juni 1951, einem Sonntag. Der Männergesangverein Zewen startet morgens mit zwei Bussen zum lang ersehnten Familienausflug nach Bremm (Kreis Cochem-Zell). Der 14-jährige Ferdinand Stemper darf doch nicht einsteigen. Seinen Platz nimmt Anita Zimmer ein, deren Teilnahme wegen einer Erkältung schon abgesagt wurde. „Aber als es losging, war sie doch da. Ich guckte in die Röhre, ich war ja nur Nachrücker von der Warteliste.“

Es ist das letzte Mal, dass „Ferdi“ die fast 13-Jährige und ihren Bruder Erwin (10) lebend sieht, ebenso 13 weitere Zewener. Das hätte er sich in seinen schlimmsten Albträumen nicht ausmalen können. Doch in der folgenden Nacht, als Glocken und Sirenen ertönen und plötzlich ganz Zewen wach ist, „da ahnte ich, dass etwas ganz Fürchterliches passiert sein musste“.

Wie wahr! Auf der Heimreise am Sonntagabend fahren die beiden Busse ab Wittlich auf unterschiedlichen Straßen. Deshalb wundert sich lange niemand aus der Gruppe, die sich im Zewener Vereinslokal einfindet, über das Ausbleiben des zweiten Busses: „Wir haben ja eine neue Umgehungsstraße genutzt und waren schneller daheim.“ Doch dann wächst die Besorgnis, und gegen Mitternacht ist klar: Der Bus wird niemals in Zewen ankommen.

Gegen 22.45 Uhr ist es zu dem Unglück gekommen, das eines der schwersten der rheinland-pfälzischen Geschichte ist. Auf dem unbeschrankten Bahnübergang am Kenner Haus erfasst die Moselbahn den Bus. Über Hunderte Meter sind kreischender Lärm, schleifende Eisenräder, krachend berstendes Metall und panische Schreie zu hören.

Die Menschen aus Kenn eilen herbei, um zu helfen. Ihnen bietet sich ein Bild des Grauens: Die Lokomotive hat das Heck des Busses aufgerissen und den Anhänger zertrümmert. Weil der Mast der Telefonleitung umgerissen ist, findet sich erst im Nachbarort Ruwer ein funktionierendes Telefon, um weitere Hilfe zu rufen. 

13 Tote, der jüngste erst sechs Jahre alt, werden noch in der Nacht nach Zewen überführt und in der Schule aufgebahrt. 35 Verletzte werden in Krankenhäusern behandelt. Zwei von ihnen erliegen ihren Verletzungen, so dass sich die Zahl der Opfer auf 15 erhöht.
Weihbischof Bernhard Stein hält das Requiem. Mehreren Tausend Menschen nehmen auf dem Friedhof Abschied von den Toten, die in einem eigenen Gräberfeld nebeneinander bestattet werden. Ministerpräsident Peter Altmeier versichert das Mitgefühl des ganzen Landes. Die Fahnen wehen auf Halbmast.
Wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Verkehrsgefährdung wird der Busfahrer zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte 1,29 Promille Alkohol im Blut. Beim Lokführer wurden 0,55 Promille gemessen. Zudem war er durch langen Dienst übermüdet. Die Maschine war mangelhaft, hatte keinen Geschwindigkeitsmesser, und die Beleuchtung funktionierte nicht richtig. Außergewöhnlich scharf fällt die Kritik des Landgerichts Trier an Sicherungsmaßnahmen bei Bahnübergängen aus.

Am 19. Juni 1951 ereignen sich gleich zwei weitere Zugunglücke an Bahnübergängen: In Herrsching/Bayern sterben 16 Ordensbrüder, die per LKW auf einer Wallfahrt zum Kloster Andechs unterwegs sind. In Stühlingen (Baden-Württemberg) kollidiert ein Reisebus mit einem Zug: Sieben Menschen werden getötet, 14 zum Teil schwer verletzt.

Die Zewener haben das Unglück von Kenn, an das ein Marmorkreuz an der Stelle des früheren Bahnübergangs erinnert, nie vergessen. „Der ganze Ort war lange völlig traumatisiert. Wir sprechen noch heute davon“, sagt Ferdinand Stemper.

Zum 70. Jahrestag gestaltet Pfarrer Franz-Josef Hohn (70) den Vorabend-Gottesdienst am Samstag, 18 Uhr, in der Zewener Martinuskirche im Gedenken an die Opfer und ihre Angehörigen: „Ich werde in der Begrüßung und in der Predigt Bezug nehmen auf das Unglück und die Namen der Getöten verlesen.“

Der MGV Cäcilia Zewen, zuletzt ein gemischter Chor, kann den Gottesdienst nicht mehr mitgestalten. Mangels personellem Nachwuchs, aber auch wegen Corona, liegen die Vereinsaktivitäten auf Eis.