101 Jahre für Gerechtigkeit

TRIER. "Oswald von Nell-Breuning muss zum größten Trierer gewählt werden, weil er eine Lehre ausgearbeitet und erweitert hat, die von ihrer Aktualität nichts verloren hat und heute mehr denn je Beachtung finden sollte." Dieser Meinung ist Thomas Brausch, Geschäftsführer der Buchhandlung Interbook und Pate für Oswald von Nell-Breuning. "Denn der Mensch steht bei der komplexen Lehre im Mittelpunkt", ergänzt er.

101 Jahre alt ist Oswald von Nell-Breuning geworden. Der katholische Sozialethiker war bis zu seinem Tod im Jahr 1991 führender Vertreter der modernen katholischen Soziallehre. Er setzte sich ein für Gerechtigkeit, Wahrheit und Menschlichkeit in der Gesellschaft, für eine Versöhnung zwischen Gewerkschaften und Kirche und für Solidarität mit Arbeitslosen. Dabei ließ er sich nicht von einzelnen Gruppierungen vereinnahmen. Geboren wurde Oswald von Nell-Breuning am 8. März 1890 in Trier als Sohn des Ritterguts-besitzers, Juristen und Ersten Beigeordneten der Stadt Trier Arthur von Nell und dessen Frau Bernharda, geborene von Breuning. 1895 übernahm der Vater die Bewirtschaftung des Landgutes St. Matthias, wohin die Familie dann auch zog. Im Jahr 1901 kam Oswald auf das "Jesuiten-Gymnasium", das humanistische Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier, wo er - wie Karl Marx - das Abitur machte. Dass er sich später wissenschaftlich unter anderem mit Marx und seinen Theorien auseinander setzte, trug ihm von der katholischen Kirche nicht nur Lob ein. 1911 schloss sich Oswald von Nell-Breuning dem Jesuitenorden an, 1921 wurde er zum Priester geweiht. Er studierte Theologie, Volkswirtschaft und Sozialwissenschaften in Kiel, München, Straßburg, Berlin und Innsbruck. 1928 promovierte er in Münster mit einer Arbeit über die "Grundzüge der Börsenmoral" und war danach Dozent für christliche Gesellschaftslehre und Ethik an der philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, wo er noch im Alter lehrte und arbeitete. Als Berater von Papst Pius XI. wirkte er maßgeblich an der Formulierung der berühmten Sozial-Enzyklika "Quadragesimo anno" von 1931 mit, in der schon die Sozialbindung des Eigentums gefordert wurde. Auch bei der Herausgabe großer katholischer Nachschlagewerke war er beteiligt. Auf der anderen Seite waren seine Studien gewerkschaftlicher Fragen sehr einflussreich. "Oswald von Nell-Breuning versöhnte die christliche Arbeitnehmerschaft mit der gewerkschaftlichen Bewegung. Das war vorher undenkbar", sagt der Politikwissenschaftler Hans-Günther Lanfer vom städtischen Presseamt Trier. Nell-Breuning sprach sich für eine Arbeitszeitverkürzung aus. Trotzdem wandte er sich gegen die Gewerkschaftsforderungen nach vollem Lohnausgleich. Er war unbequem und schlug sich auf keine Seite. "Seine Forderungen helfen Arbeitgebern noch heute, ihre Mitarbeiter zu motivieren und gerecht zu behandeln", sagt Thomas Brausch. Nell-Breuning formulierte es so: "Der Mensch ist Ursprung, Träger und Ziel aller Sozialgebilde und allen sozialen Geschehens." Wegen "Devisenvergehen" wurde er von den Nazis zu einer Geld- und einer Haftstrafe verurteilt, die er aus gesundheitlichen Gründen nicht antreten musste. Nach dem Krieg konnte er nach St. Georgen zurückkehren. Nell-Breuning war von 1948 bis 1965 Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft. Außerdem lehrte er ab 1949 in verschiedenen Instituten. In den 70er-Jahren nahm er als Berater an der gemeinsamen Synode der deutschen Bistümer in Würzburg teil. Seine Positionen zur Arbeiterschaft flossen offiziell in das Synodenpapier ein - eine späte Ehrung durch die Kirche. 1981 wurde Oswald von Nell-Breuning Ehrenbürger der Stadt Trier. Seinen 100. Geburtstag feierte er 1990 in Frankfurt am Main, bekam noch im selben Jahr den Ehrendoktor der Stadt Trier und feierte am 27. Februar 1991 das Jubiläum seiner 70-jährigen Tätigkeit als Priester. Am 21. August 1991 starb er in St. Georgen in Frankfurt am Main.