19-Jähriger Räuber wird von der Großen Jugendkammer zu einem Jahr und zehn Monaten Haft verurteilt

Kostenpflichtiger Inhalt: Gericht : Haftstrafe für 19-jährigen Räuber

Für mehrere Straftaten in Trier ist der Angeklagte vom Landgericht zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden. Im Gefängnis will er seinen Schulabschluss nachholen.

Die Anklageschrift von Staatsanwältin Laura Lorenz hat es in sich: Dem 19-jährigen vorbestraften Angeklagten wirft sie besonders schweren Raub mit versuchter gefährlicher Körperverletzung und Diebstahl vor.

Er gesteht. Zeigt sich kooperativ. Gibt zu, am 6. August 2019, nachts um 1.50 Uhr an der Araltankstelle in Trier-Ost einen Mann um eine Zigarette angeschnorrt zu haben. Als der 28-Jährige sagt, er habe keine, sich anschließend aber eine Kippe ansteckt, dreht der alkoholisierte Jugendliche durch, zückt sein Schweizer Taschenmesser und droht: „Warum lügst du mich an? Ich stech’ dich jetzt ab. Gib mir die Zigarette.“ Er sticht nicht zu, zerrt jedoch die Zigarette aus dem Mund seines Opfers, nimmt dessen zwei Biermixgetränk-Flaschen an sich und flüchtet.

Der Bestohlene rennt hinterher. Auf der Flucht wirft der Angeklagte das Messer unter ein Auto und eine der Flaschen in Richtung seines Verfolgers – ohne ihn jedoch zu treffen.

Wenige Tage später klaut er einer 22-Jährigen in der Theodor-Heuss-Allee um 0.36 Uhr die Handtasche. Der junge Mann ist angetrunken und bekifft. Er nimmt das Portemonnaie samt Geldkarten sowie Kopfhörer im Wert von 155 Euro aus der Handtasche der Frau und wirft die Tasche in eine Mülltonne. Erneut macht er sich auf den Weg zur Araltankstelle in der Ostallee und bittet dort einen Mann, für ihn mit der Kreditkarte Bier und Mixgetränke einzukaufen, was dieser auch tut. Wert: 15,14 Euro.

Noch auf dem Gelände nehmen Polizeibeamte den 19-Jährigen fest. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Die bestohlene Frau erhält ihre Handtasche und Wertsachen zurück, das Geld von der Kreditkarte wird ihr zurückerstattet. Im Gerichtssaal entschuldigt sich der Jugendliche bei ihr. Da kein Schaden entstanden sei, stellt Richter Günter Köhler das Verfahren wegen Kreditkartenmissbrauchs ein.

 Ebenso wie die Anklage auf Körperverletzung vom 18. April 2019. An dem Tag versetzt der Angeklagte während einer Bildungsmaßnahme beim Bürgerservice einem Kollegen einen Schlag ins Gesicht. Versehentlich, sagt er. Der 23-Jährige sagt aus: „Ich habe Anzeige erstattet, die ich aber anschließend zurückgezogen habe. Er hat sich direkt bei mir entschuldigt und gesagt, es sei keine Absicht gewesen. Wir haben uns auch nicht gestritten.“ Diese Maßnahme beim Bürgerservice, bei der der Angeklagte seinen Hauptschulabschuss nachholen wollte, bricht er daraufhin ab. Auch zum Prüfungstermin im Mai erscheint er nicht.

Symptomatisch für den 19-Jährigen, der weder altersgerecht entwickelt noch bindungsfähig ist, wie Patrick Weigand von der Jugendgerichtshilfe aussagt. Warum? Der 19-Jährige gibt zu Protokoll: Bis zu seinem zweiten Lebensjahr habe er zu Hause gewohnt, danach bei einer Pflegefamilie in Bad Kreuznach, die ihn geschlagen habe. Mit acht Jahren kommt er zum ersten Mal in die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Mutterhauses Trier, danach ins Heim. Mit 14 hat er genug von den Problemen mit anderen Kindern und Betreuern, schwänzt die Schule. Man schickt ihn nach Polen zu einem landwirtschaftlichen Betrieb. Dort habe er jeden Tag von morgens bis abends arbeiten müssen. Er gibt an, geschlagen worden zu sein und fängt an, Marihuana zu rauchen. Nach zwei Jahren beendet er den Aufenthalt. In Deutschland bringt man ihn wieder in die Psychiatrie, anschließend nach Spanien. Im betreuten Wohnen soll er dort mit Einzelunterricht auf den Hauptschulabschluss vorbereitet werden. Er trinkt. Er schmeißt hin. „Das war die dümmste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe. Aber ich hatte Heimweh“, sagt er aus.

2018 zieht er zu seiner Mutter in den Hunsrück. Es funktioniert nicht. Er lebt in Trier, auf der Straße, bei Freunden, im Benedikt-Labre-Haus – einem Übernachtungsheim für Obdachlose. Ein Freund vermittelt ihm im Sommer einen Job als Lagerist bei einer Sektkellerei. Für ein paar Monate, dann schmeißt er hin. Er wird straffällig: Überfällt im Bordell eine Prostituierte und raubt sie aus, klaut T-Shirts und Schuhe in einem Kaufhaus, ein Herrenrad am Straßenrand und Geld. Am 11. August 2018 kommt er in U-Haft. Sein Pflichtverteidiger heißt Sven Collet. Zehn Monate auf Bewährung lautet das Urteil damals. Am 24. Oktober wird er entlassen. Er wohnt im Peter-Cäsar-Haus, einer Einrichtung für straffällig gewordene Jugendliche und besucht regelmäßig den Bürgerservice, um seinen Schulabschluss nachzuholen bis zum 18. April 2019 (siehe oben). Er haut ab nach Spanien. Arbeitet in einer Palettenfabrik, kehrt aber im August zurück und überfällt am 6. August einen Mann an der Tankstelle.

Sven Collet beantragt ein Jahr und acht Monate auf Bewährung, Staatsanwältin Laura Lorenz ein Jahr und acht Monate Haft. „Ein über Gebühr milder Antrag“, urteilt Richter Günter Köhler und verhängt eine Strafe von einem Jahr und zehn Monaten, in die das Bewährungsurteil mit einfließt.

„Sie haben sich gesteigert bei Ihren Taten. Aber jetzt haben Sie die Möglichkeit, Ihren Schulabschluss zu machen. Dazu wollen wir Ihnen Gelegenheit geben, denn der Kurs dauert ein Jahr. Abzüglich der bereits verbüßten U-Haft von acht Monaten bleibt Ihnen sowieso nur ein Jahr und zwei Monate.“

Der 19-Jährige nickt: „Ich will auf jeden Fall meinen Abschluss machen. Das schaffe ich.“

Das Urteil ist rechtskräftig.