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200 Jahre evangelisch mitten in Trier

200 Jahre evangelisch mitten in Trier

"Auf ewige Zeiten": Ein Blick in die noch vergleichsweise junge Geschichte der Kirchengemeinde.

In diesem Jahr feiert die Evangelische Kirchengemeinde Trier ihr 200-jähriges Jubiläum. Dabei blickt sie auf eine bewegte Geschichte zurück - denn evangelisch zu sein mitten im katholischen Trier war lange Zeit alles andere als selbstverständlich.So hatte Kurfürst von der Leyen doch eigentlich die Anhänger Caspar Olevians aus Trier vertrieben. Alle, die dem reformatorischen Prediger 1559 nachfolgten, wurden gezwungen, der "Irrlehre" abzuschwören oder Trier zu verlassen. Und dann war ja auch erst einmal Ruhe; immerhin ganze 260 Jahre lang. Und hätte Napoleon die Schlacht bei Waterloo nicht verloren, wären die Franzosen im Rheinland geblieben. So aber marschierten, kaum hatten die "Rothosen" Trier verlassen, die "Blauen" im Gleichschritt ein. Preußische Fremdlinge hatten plötzlich das Sagen über die Moselaner. Und zu allem Überfluss waren sie auch noch evangelisch! So wurde 1817 die vereinte Evangelische Zivil- und Militärgemeinde in Trier gegründet. 1300 Soldaten suchten für sich eine Kirche. Da kam die Jesuitenkirche gerade recht: Von den Franzosen als "Tempel der Vernunft" entweiht, nahm sie der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. und gab sie seinen Evangelischen. Doch er hatte die Rechnung ohne den Trierer Bischof gemacht. Der klagte gegen den König auf Rückgabe seiner ehemaligen Seminarkirche. Mit Erfolg! Noch bevor das Urteil rechtskräftig wurde, sah sich der König nach einer neuen "Heimat" für die Evangelischen um. Inzwischen waren auch viele evangelische Kaufleute und Verwaltungsbeamte nach Trier gesiedelt, und die Jesuitenkirche war ohnehin zu klein für die über 4000 Gläubigen. So beschloss der König, die ihm von der Stadt geschenkte Basilika-Ruine auf den römischen Fundamenten wieder aufzubauen und als Kirche einzurichten. 1856 erhielt die Gemeinde die Basilika als "Kirche zum Erlöser" auf "ewige Zeiten zum gottesdienstlichen Gebrauch". Und damit waren die Evangelischen in Trier nun wirklich nicht mehr zu übersehen.Ein Mit- oder Gegeneinander der Konfessionen?Vor 150 Jahren hatten es die Menschen beider Konfessionen nicht leicht miteinander! Doch was zum Beispiel kümmern die Liebe konfessionelle Gräben? Evangelische Jungen verliebten sich in katholische Mädchen und umgekehrt. Sehr zum Verdruss der Gemeindeleitungen: "Junge evangelische Männer, die sich nicht in ihrer Gemeinde [evangelisch] trauen lassen, machen sich doppelter Untreue schuldig, indem sie dann auch gewiß das Versprechen abgegeben haben, ihre Kinder der römischen Kirche zuzuführen." (Jahresbericht 1869) Auf solche "Untreue" reagierte das Presbyterium mit drastischen Maßnahmen. Die Betroffenen verloren ihre kirchlichen Wahlrechte und wurden nicht mehr als Taufpaten zugelassen, ja sogar vom Abendmahl ausgeschlossen. Noch 1925 berät das evangelische Presbyterium über "die auf dem Konvent der katholischen Kirche in Ehrang gefallene Äußerung des Kaplans, wer Herrn Pfarrer Cyrus eine Wohnung vermiete, eine Todsünde begehe". Man beschließt, darauf nicht zu reagieren, da "eine Störung des leidlichen Verhältnisses zwischen Evangelischen und Katholiken zu befürchten sei". Selbst vor dem Tod machten diese Auswüchse keinen Halt. Auf den zunächst nur katholischen Friedhöfen mussten evangelische Menschen in der Ecke bei den "Heiden" beerdigt werden. Auf den späteren kommunalen Friedhöfen hatten alle gleiches Recht. Aber was tun, wenn der evangelische Leichenzug von verschlossenen Friedhofstoren gestoppt wurde oder wenn er - dann mit Polizeischutz - das Grab zugeschüttet vorfindet? Gott sei Dank hat sich das grundlegend geändert. Heute leben wir in Trier in einer herzlichen ökumenischen Verbundenheit miteinander!Neuanfang nach dem KriegAm 14. August 1944 bombardierten die Alliierten Trier. Stabbrandbomben setzten auch die Basilika in Brand. Alle Löschversuche scheiterten, da das Wasser das 30 Meter hohe Dach nicht erreichte. Man erzählt, die ungeheure Thermik des Brandes habe Luftströme durch die Orgelpfeifen gejagt, die in der lodernden Glut der brennenden Basilika ein gespenstisches Konzert veranstalteten. Zurück blieben die Basilika als ausgebrannte Ruine und die Gemeinde ohne Kirche. Ein Wiederaufbau der Basilika schien aus finanziellen Gründen ausgeschlossen. Die intensiven Beratungen mündeten in den Beschluss, in die zerstörte Basilika eine Notkirche einzubauen. Das Presbyterium reichte die fertigen Pläne ein - aber Baurat Alfons Leitl verweigerte die Genehmigung. Es folgten heftige Auseinandersetzungen, die erst dadurch gelöst wurden, dass das Land Rheinland-Pfalz - auch aufgrund der persönlichen Initiative des Bundespräsidenten Theodor Heuss - als Rechtsnachfolgerin der preußischen Provinzregierung den Wiederaufbau der Basilika beschloss. 100 Jahre nach der ersten Einweihung feierte die Evangelische Gemeinde in Anwesenheit des Bundespräsidenten am 9. Dezember 1956 die Wiedereinweihung der Basilika.So ist es möglich, dass die heutige Evangelische Gemeinde am 18. Juni 2017 ihr 200-jähriges Bestehen rund um die Basilika "mitten in Trier" feiern kann - dankbar zurückblickend auf die Menschen, die das Leben der Gemeinde getragen und geprägt haben.Gastbeitrag Frieder Lütticken Extra: FRIEDER LÜTTICKEN

200 Jahre evangelisch mitten in Trier
Foto: (g_welt +S)
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Frieder Lütticken ist seit 1988 Presbyter der Evangelischen Kirchengemeinde Trier, Mitglied des Kreissynodalvorstandes und der Synode der Rheinischen Landeskirche. Unter seiner Leitung entstand auch die Ausstellung über die Geschichte der Kirchengemeinde Trier und ihrer Menschen, die ab Sonntag in der Basilika zu sehen sein wird.