2000 neue Wohnungen in der Trierer Innenstadt?

TV-Serie: Jedem ein Zuhause : 2000 neue Wohnungen in der Trierer Innenstadt?

Theoretisch könnten in den kommenden Jahren innerhalb des Alleenrings Tausende Menschen mehr wohnen. Doch die Eigentümer- und Altersstruktur verhindert das und macht die Arbeit der Stadtplaner mühsam.

Von Rainer Neubert

Der Streit über neue Baugebiete für Trier wird inzwischen auch vor Gericht geführt. Ob die Normenkontrollklage gegen die Entwicklung Brubacher Hof Erfolg haben wird, muss sich zeigen. Eines der Hauptargumente der Gegner dieses Projekts ist – neben dem Naturschutz – der Verweis auf die großen Potenziale der Innenstadt für neuen Wohnraum.

Beim Anblick von zugeparkten Plätzen, barackenähnliche Bürosiedlungen in Hinterhöfen und einer Dachlandschaft, die sich so wellig präsentiert wie die Nordsee bei Sturm tränen Stadtentwicklern und Investoren die Augen. „Die Innenstadt von Trier hat ein Wohnungspotenzial für 5000 zusätzliche Menschen“, ist Johannes Weinand überzeugt. Der Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Statistik weiß aber auch, wie schwer es ist, dies auch nur in Ansätzen zu realisieren.

Die Innenstadt von Trier bietet reichlich Potenzial für zusätzlichen Wohnraum. Durch die Aufstockung von Gebäuden oder die Überbauung von asphaltierten Parkplätzen wären Hunderte Wohnungen möglich. Foto: Rainer Neubert

Derzeit leben 9800 Menschen innerhalb des Alleenrings. Drei Viertel der Grundstücke dort gehören privaten Eigentümern, von denen wiederum mehr als 75 Prozent 65 Jahre und älter sind. Das das ist nach Einschätzung von Städtplanern wie Johannes Weinand ein Grund dafür, warum es an vielen Stellen der Innenstadt gar nicht oder nur sehr zögerlich vorangeht. Der gelernte Immobilienkaufmann Daniel Mertes versucht seit Oktober 2017 im Rahmen des vom Bund geförderten Forschungsprojekts „Innenstadt Projektmanager Wohnen“ neue Ansätze finden, um das zu verändern.

Mit Blick auf die strategische Entwicklung und Nutzung der Innenstadt wurden bereits Wohnungsbaupotenziale erfasst und analysiert. Neben ungenutzten Grundstücken wurden dabei auch Bestandsgebäude unter die Lupe genommen. „Wir haben dann mit ausgewählten Eigentümern Gespräche geführt und konkrete Vorschläge erarbeitet, wie die Schaffung von Wohnraum sinnvoll und finanzierbar ist“, beschreibt Mertes den Kern seiner Arbeit. In dem für die Eigentümer im Rahmen des Modellprojekts kostenlosen Angebot sind neben Projektskizzen auch Modellrechnungen für die konkrete Finanzierung enthalten. Von 25 angesprochenen Eigentümern hätten sich bislang elf interessiert gezeigt. „Wenn wir bis Ende des kommenden Jahres vier bis fünf Projektideen realisieren können, wäre das ein gutes Ergebnis.“

 Amtsleiter Johannes Weinand ist von seinem neuen Mitarbeiter und dem bisherigen Verlauf dem vom Stadtrat bewilligten Projekt „Innenstadt Projektmanager Wohnen (IPW)“ begeistert. „Die Finanzierbarkeit ist im konkreten Fall immer der entscheidende Faktor. Daniel Mertes ist mit seiner Erfahrung ein Profi, wie wir ihn bislang nicht hatten.“ Beispielhaft nennt Weinand eine ehemalige Fabrik auf einem riesigen Gelände nahe dem Dombering, das – hinter hohen Mauern verborgen – seit 40 Jahren leer steht. Den etwas älteren und zunächst zurückhaltenden Eigentümern wurden mit Modellrechnungen und Entwürfen der Bau von sechs bis zehn Wohnungen in dem alten Fabrikgebäude schmackhaft gemacht. „Die Rückmeldungen sind positiv.“

So könnte die Überbauung eines Parkplatzes in der Trierer Innenstadt aussehen. Konkret geplant ist das derzeit nicht. Foto: Prof. Henner Herrmanns in HerrmannsArchitekten, Vallendar

Besonders großes Potenzial für neuen Wohnraum in der City sieht Weinand in den Möglichkeiten, die das reformierte Baugesetzbuch für die Aufstockung von Gebäuden in Innenstädten bietet. Theoretisch könnten so innerhalb des Alleenrings 176 000 Quadratmeter Raum gewonnen werden. Würde nur ein Drittel davon tatsächlich für den Wohnungsbau aktiviert, könnten 630 mittelgroße neue Wohnungen entstehen.

Aber auch die Häuser der Fußgängerzone bieten nach Meinung des Städteplaners langfristig die Möglichkeit, „idealen städtischen Wohnraum zu schaffen“. Sofern der zunehmende Online-Handel tatsächlich die starke Einzelhandelsprägung von Simeonstraße, Fleisch- und Brotstraße verändert, könnten die derzeit überwiegend als Lagerfläche genutzten Obergeschosse wieder zu Wohnungen werden.

Und auch die als Parkplatz genutzten Flächen in der City bieten für mutige Planer Potenzial für zusätzlichen Wohnraum. Architekt Henner Herrmanns aus Vallendar zeigt mit der Visualisierung eines auf Stelzen errichteten Wohngebäudes über den Parkflächen des Irminenfreihofs, was damit gemeint ist. „In Köln hat der Stadtrat im März beschlossen,  innerstädtische Parkplätze mit Wohnhäusern auf Stelzen zu überbauen“, sagt er. „Die Politik hat verstanden, dass diese riesigen, einseitig und minderwertig genutzten Auto-Stellflächen auch für den Wohnungsbau genutzt werden können.“

So könnte die Überbauung eines Parkplatzes in der Trierer Innenstadt aussehen. Konkret geplant ist das derzeit nicht. Foto: Prof. Henner Herrmanns in HerrmannsArchitekten, Vallendar

Mit seiner Firma wird der Architektur-Professor in Köln zwei stadteigene Parkplatzgrundstücke in Erbpacht übernehmen und „überdachen“. Prominenter Partner ist Formel I-Rennfahrer Nico Hülkenberg. Hermanns versichert im Gespräch mit dem Trierischen Volksfreund, er sei auch Interessiert am Standort Trier. Hier gehören der Stadt acht offene Parkplätze mit eine Gesamtfläche von 11 300 Quadratmetern. Amtsleiter Johannes Weinand kann sich zwar die Überbauung von Parkflächen vorstellen. „Herr Hermanns ist aber nur ein Bewerber.“ Die Innenstadt habe tatsächlich großes Potenzial für den Wohnungsbau, versichert er. Für den Bedarf reiche das aber bei weitem nicht aus. Im Gegenteil: „Wir brauchen mehr als ein neues Wohngebiet Brubacher Hof.“

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