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22 000 Überstunden: Es brennt bei der Trierer Feuerwehr

22 000 Überstunden: Es brennt bei der Trierer Feuerwehr

Wenn es um Menschenleben geht, spielt das Schichtende keine Rolle. Die Berufsfeuerwehr hatte 2016 mehr als 22.000 Überstunden. 2017 werden es noch mehr – trotz Personaloffensive.


Die Berufsfeuerwehr Trier ist seit Jahren unterbesetzt und überlastet. Die im Landesgesetz über den Brandschutz festgelegten Einsatzstärken für die Stadt Trier werden in den meisten Fällen nicht erreicht, in vielen Schichten fehlen zwei, vier oder sogar mehr Brandbekämpfer. Auch die offizielle Eröffnung des Brand- und Katastrophenschutzzentrums im Trierer-Hafen hat an dieser ständigen Mangelverwaltung nichts geändert.

Scheinbar paradox: Seit Jahren schafft die Stadt Trier neue Stellen und stellt Feuerwehrleute ein. Doch es wird nicht besser, sondern schlimmer.

"Für uns ist das normaler Alltag", sagt ein Feuerwehrmann aus Trier. "In den meisten Schichten sind wir unterbesetzt." Der erfahrene Brandbekämpfer will seinen Namen nicht nennen. "Ich kann schließlich nicht offiziell für die Berufsfeuerwehr oder die Stadt Trier sprechen." Er holt tief Luft. "Und ich will keinen Ärger bekommen."
Überstunden seien vollkommen normal. "Ich kenne keinen einzigen Kollegen, der keine hat." Mit einer Sparpolitik habe das aber nichts zu tun, betont er und bestätigt die scheinbar paradoxe Situation: "Wir bauen keine Stellen ab, sondern stocken auf."

Die Aufstockungen, von denen hier die Rede ist, waren vor fast genau einem Jahr ein zentrales Thema im Stadtrat. Der damalige Beschluss: Trier will bis 2018 insgesamt 71 neue Stellen bei der Berufsfeuerwehr schaffen, die formal gesehen ein Amt der Stadt Trier ist. Die Stadtverwaltung hatte dabei keine Wahl - die Verstärkung ist eine Pflichtaufgabe, die 3,7 Millionen Euro pro Jahr kosten wird.

Diese Verstärkung, das war von Anfang an klar, wird nicht auf einen Schlag eintreffen. Im Lauf der Jahre 2017 und 2018 soll die Zahl der Berufsfeuerwehrmänner von 150 auf 221 steigen. Die ersten elf neuen Stellen wurden bereits über einen Nachtrag im Stellenplan für 2015 und 2016 geschaffen, die damit verbundenen Personalkosten lagen bei 390?000 Euro.

Wie läuft die Einstellungsoffensive ein Jahr nach dem Beschluss? "In einem ersten Schritt sollten zunächst 35 neue Stellen geschaffen werden, die auch im Stellenplan für 2016 und 2017 verankert sind", sagt Ralf Frühauf, Sprecher der Stadt Trier. Der Rest folgt dann ab 2018.

Von diesen 35 neuen Stellen seien bereits 32 umgesetzt. "Die restlichen drei offenen Personalstellen sollen möglichst zeitnah mit fertig ausgebildeten Brandmeistern besetzt werden." Die Ausschreibungen laufen zurzeit. 2015 hatte die Berufsfeuerwehr Trier 7500 Überstunden gesammelt. Das sind grob gerechnet vier volle Stellen. Trotz der 2016 beschlossenen und auch sofort gestarteten Einstellungsoffensive ist die Zahl der Überstunden nicht gesunken. Im Gegenteil: Sie hat sich vervielfacht.

Ralf Frühauf beantwortet die Frage des TV nach den aktuellen Zahlen. Das Ergebnis: 2016 waren es fast 23?000 Überstunden oder, wieder grob gerechnet, zwölf volle Stellen. 2017 wird dieser Rekord noch übertroffen. Bereits im ersten Halbjahr liefen fast 19?000 Überstunden auf. Mehr Stellen, aber auch mehr Überstunden - die Stadt hat eine Erklärung für diesen Effekt. "Neueinstellungen führen nicht automatisch sofort zum Abbau von Überstunden", sagt Frühauf. Vor allem dann, wenn die neu eingestellten Feuerwehrleute noch nicht fertig ausgebildet sind.

Komplett ausgebildete professionelle Brandbekämpfer sind auch gar nicht so leicht zu bekommen. Denn die Konkurrenz ist nicht weit weg: Luxemburg reformiert sein gesamtes Feuerwehrwesen und will ab 2017 mindestens 800 neue Brandbekämpfer und Rettungskräfte einstellen. Das Großherzogtum zahlt besser.

Hintergrund: Die alte und die neue Wache
Die alte Hauptwache der Berufsfeuerwehr Trier steht am Barbara-Ufer und ist völlig marode. Als Standort für eine neue Wache, die frühestens Mitte des nächsten Jahrzehnts fertig würde, galt lange das Gelände an der Spitzmühle. Wegen einer massiven Kontamination mit Altlasten korrigierte die Stadt Trier diese Entscheidung im Juni 2016 und favorisiert seitdem das alte Polizeigebäude an der Südallee. Das neue Brand- und Katastrophenschutzzentrum in Ehrang wurde als zweite Wache vor einem Jahr in Betrieb genommen und hat insgesamt 12,5 Millionen Euro gekostet.

Der Jahresbericht 2016 der Berufsfeuerwehr wurde am Mittwochabend dem Dezernatsausschuss III vorgestellt. Dieser Bericht listet vom Branddirektor bis zum Leitstellendisponenten 185,5 besetzte Stellen auf. Bis 2018 sollen es 221 werden. Laut diesem Papier sind aktuell zehn neue Stellen in der Umsetzung: zwei Brandamtmänner, zwei Brandoberinspektoren, drei Brandinspektoren und drei Brandmeister. Der Bericht warnt: 2016 blieben im Schnitt 13 Einsatzdienste pro Monat unbesetzt, das entspricht 423 Arbeitsstunden. Die Berufsfeuerwehr hatte 2016 mehr als 1700 Einsätze.

Der Kommentar:
Die Lebensretter haben keine Lobby
Von Jörg Pistorius

Die Berufsfeuerwehr hat in Trier keine Lobby. Keine Partei oder Gruppierung kann mit ihr glänzen oder Klientelpolitik betreiben, um sich bei der nächsten Kommunalwahl Stimmen zu sichern. Niemand geht für die Feuerwehr auf die Straße und hält Transparente hoch. Viele der aktuellen Probleme der Brandbekämpfer sind Ergebnisse einer jahre- und jahrzehntelangen politischen Vernachlässigung auf Stadt-, Land- und Bundesebene. Mittlerweile ist die Masse der Probleme derart groß, dass eine Lösung, wenn sie überhaupt gelingt, weitere Jahre und Jahrzehnte dauern wird.
j.pistorius@volksfreund.de