1. Region
  2. Trier & Trierer Land

75 Minuten, die unter die Haut gehen

75 Minuten, die unter die Haut gehen

Mehr als 100 Zuhörer haben sich in der Schweicher Synagoge beim musikalischen Theaterabend "Herzkeime" auf eine leise Reise "zwischen den Welten zweier Frauen" begeben. Schauspielerin Martina Roth und Szenograph Johannes Conen widmeten den Abend den jüdischen Lyrikerinnen Nelly Sachs und Selma Meerfeld-Eisinger.

Schweich. (sbn) 75 Minuten, die unter die Haut gingen, weil sie sehr intim in die zumeist dunkle Gedanken- und Gefühlswelt zweier Frauen führten. Beide verband nicht nur ihre jüdische Herkunft, sondern vor allem das Schicksal einer unerfüllten Liebe in sehr jungen Jahren. Schauspielerin Martina Roth rezitierte behutsam Gedichte der Nobelpreisträgerin Nelly Sachs, die an der Liebe zu einem nichtjüdischen Mann zerbrach und dieses Urtrauma ihres Lebens mit dem Schreiben zu bewältigen versuchte, letztlich jedoch psychisch erkrankte.

"Abgewandt warte ich auf dich, denn nicht dürfen Freigelassene mit Schlingen der Sehnsucht eingefangen werden, noch gekrönt mit der Krone aus Planetenstaub" rezitierte Roth aus einem der frühen Gedichte von Nelly Sachs. Auch die Lyrik der 1942 im russischen Lager Michailkowka an Flecktyphus verstorbenen 18-jährigen Selma Meerbaum-Eisinger ist Ausdruck verzweifelter Gefühle und der Sehnsucht nach Liebe. Poetische Bilder einer Wirklichkeit, an der die Dichterin zerbrach. "Du bist so weit, so weit wie ein Stern, den ich zu fassen geglaubt. Und doch bist du nah, nur ein wenig verstaubt wie vergangene Zeit. Ja. Du bist so groß, so groß wie der Schatten von jenem Baum. Und doch bist du da, nur blass wie ein Traum in meinem Schoß. Ja."

Johannes Conen an der Gitarre hat die Lyrik bedachtsam vertont und mit filmischen Elementen angereichert. Schlichte Gitarrenklänge stützen gesprochene und gesungene Verse von so geballter sprachlicher Wucht, dass es dem Zuhörer zuweilen die Luft zum Atmen nimmt. Klage und Trauer, Hoffnung auf Liebe und Rettung, Traum und Wirklichkeit verschmolzen in morbiden Metaphern. Die Bildgewalt der Sprache in der Lyrik der Frauen ließ keinen Zuhörer in der Schweicher Synagoge unberührt.

Da hielt sich Martina Roth als Schauspielerin bei Gesang und Rezitation in Gestik und Dramatik wohltuend zurück. Es war die Kraft der Worte, die einschlug und den Abend zu einem außergewöhnlichen werden ließ. Mit Eindrücken und Gefühlen, die lange nachhallen.