Abgestempelt, aber nicht vergessen

Abgestempelt, aber nicht vergessen

TRIER. Unter dem Motto "Abgestempelt – judenfeindliche Postkarten" zeigt die Volkshochschule (VHS) Trier rund 300 Bildzeugnisse des so genannten "Alltagsantisemitismus" zwischen 1890 und 1933.

Zentraler Untersuchungsgegenstand der Ausstellung sind diejenigen verbildlichten Stereotypen, die zur Diffamierung der Religionsgruppe konstruiert wurden. Schon das Ausstellungsplakat fängt den Blick des Betrachters: Der graue, antiquiert wirkende Hintergrund mit dem angedeuteten Poststempel steht dabei in scharfem Kontrast zum leuchtend roten "X", das mit schnellem Pinselstrich gemalt zu sein scheint. "Nein, Du gehörst nicht zu uns", vermag man den gekreuzten Linien an Aussage zu entlocken - und der Adressat ist eindeutig. Typische Physiognomie

"Abgestempelt - judenfeindliche Postkarten", heißt die Ausstellung in der VHS Trier am Domfreihof, und das Wort "abgestempelt" hat zweifellos eine doppelte Bedeutung. In Zusammenarbeit mit der Deutsch-Israelischen Gemeinschaft Trier hat Rudolf Hahn, Leiter der VHS Trier, die Ausstellung in die Moselmetropole geholt. "Es geht darum, dass man Stereotypen kennen lernt und versteht, wie das Massenmedium ‚Postkarte' zur Negativdarstellung der Juden instrumentalisiert wurde", sagte Hahn. Die rund 300 Exponate aus dem 19. und 20. Jahrhundert gehen zurück auf das umfangreiche Sortiment des Berliner Sammlers Wolfgang Haney. In Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Frankfurt und dem Frankfurter Museum für Kommunikation hat die Bundeszentrale für politische Bildung eine Wechselausstellung mit exemplarischen Werken zusammengestellt und auf Wanderung geschickt. Noch bis zum 8. November sind die Postkarten am Domfreihof zu sehen. Oberbürgermeister Helmut Schröer zeigte sich dankbar, dass die Sammlung auch in Trier Station macht. "Die Ausstellung legt die damalige Selbstverständlichkeit antisemitischer Äußerungen offen. Der Blick zurück ist für uns deshalb so wichtig, weil wir nur so aus der Geschichte lernen können." Benz Botmann, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Trier, betrachtete die Exponate in einem noch weiteren Kontext. "Antisemitismus ist in allen Epochen wiederzufinden, auch wenn die Gründe hierfür unerklärlich sind. Ich frage mich: Was müssen das für Menschen gewesen sein, die solche Karten verschickt haben?" Er nutzte die Gelegenheit auch für einen kritischen Verweis auf aktuelle rechtsextremistische Strömungen innerhalb der Gesellschaft. "Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen, wenngleich dieses politische Problem nicht ausschließlich in Deutschland beheimatet ist", mahnte er. In einem Vortrag verdeutlichte der Trierer Historiker Johannes Platz, was durch die Bildmotive kommuniziert wird. "Vor allem die angeblich typisch ‚jüdische' Physiognomie, Militärkarikaturen und die gesellschaftlichen Fantasien des ‚judenfreien Tourismus', eng verbunden mit Vertreibung oder gar Vernichtung werden in den Motiven deutlich", sagte Platz. So werden dem Stereotyp des Juden beispielsweise eine große Nase, Bart, ein schiefer Körperbau oder das Attribut des Zylinders zugeschrieben. Anhand von Fragestellungen werden die Besucher didaktisch durch die Ausstellung geführt: "Worüber lachen Antisemiten?", "Was wünschen sich Antisemiten?" und "Wovor haben Antisemiten Angst?". Antisemitismus in der Weimarer Republik und in der NS-Zeit bilden weitere Themenbereiche. Dass die Diskussion heute keinesfalls gegenstandslos ist, zeigt die aktuelle Debatte um den Libanon-Konflikt.

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