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Abschlepper, Abzocker und viel Ärger

Abschlepper, Abzocker und viel Ärger

Viele Trierer kochen vor Wut über rücksichtslose Falschparker und das angeblich zu passive Ordnungsamt. Die Stadtverwaltung verweist dagegen auf neue Stellen - und auf ungeahnt viele Einsätze der Abschleppwagen.

Trier Die Situation eskaliert in Sekunden. Sabine (Name geändert) spricht den Fahrer des Wagens an, der auf ihrem gemieteten Parkplatz in der Walramsneustraße steht. "Entschuldigung, Sie stehen auf meinem Parkplatz." Der Angesprochene peilt die junge Frau unwirsch an, beschimpft sie dann in unterster Umgangssprache und droht ihr Prügel an. Sabine kapituliert. "Was soll ich da auch machen?", fragt sie. "Das kommt so oft vor, dass ich nicht jedes Mal zur Polizei gehen und Anzeige erstatten kann." Ein Fall von vielen in Trier. Und es wird immer schlimmer.

Die Situation Besucher, Pendler und auch Bewohner der Stadt Trier liefern sich ein tägliches Wettrennen um den Parkraum in der Innenstadt. Doch sie haben dabei nicht die insgesamt sieben Trierer Parkhäuser im Visier, die alle zentral liegen und nur sehr selten wirklich voll sind. Sie wollen kostenlos und nahe an ihren jeweiligen Zielen parken. Mal schnell auf dem Radweg, kurz in der Garageneinfahrt oder auch gerne etwas länger auf dem Gehweg oder dem reservierten Anwohnerparkplatz - wenn es ums Parken geht, endet oft jede Vernunft. Die beiden zentralen Argumente der Parksünder: "Ich störe hier ja niemanden" und "Das Schild habe ich wirklich gar nicht gesehen."
Ausnahmetermine wie der Weihnachtsmarkt und das Altstadtfest setzen die Straßenverkehrsordnung dann in vielen Köpfen komplett außer Kraft. "Dann wird geparkt, wo das Auto hinpasst", sagt ein Anwohner der Innenstadt, der nach eigenen Angaben in diesem Jahr schon 13-mal das Ordnungsamt alarmiert hat (siehe Info). "In einem Fall kamen wir nicht mal mehr aus unserer Haustür raus."

Die Problemzonen Der Innenstadtraum und damit Trier-Nord, Trier-Süd, Trier-Ost, Trier-West und Trier-Mitte/Gartenfeld sind die Zentren des wilden Parkens, aber auch andere Stadtteile melden massive Probleme. "In Euren ist es zurzeit sehr schlimm", sagt Ortsvorsteher Hans-Alwin Schmitz (FWG). "Vor der Eisdiele in der schmalen Eurener Straße parken immer wieder Autos und werde so für kurze Zeit zu Hindernissen, die Rückstaus in beide Richtungen verursachen." Als Schmitz auf einen der Falschparker zugeht und ihn anspricht, wird auch dieser ausfallend und droht mit Prügel.

Die Täter Hans (Name geändert), Ende 30, ist ein bekennender und auch schon oft ertappter Wildparker. Er wohnt in einem kleinen Ort nördlich der Stadt Trier. "Was in Trier abgeht, ist nichts anderes als gezielte Abzocke", sagt er. 2016 hat Hans laut eigener Aussage mehr als 500 Euro an Bußgeldern bezahlt - für zu schnelles Fahren und wildes Parken. Ausschließlich in Trier. "Die Parkhäuser sind ganz einfach viel zu teuer", sagt der angestellte Fachverkäufer.

Die Kosten Zwischen 7 und 22 Uhr berechnen die sieben Parkhäuser bis zu einer Stunde Parkzeit 1,70 Euro, bis zu zwei Stunden 3,40 Euro und bis zu drei Stunden 5,10 Euro. Der tägliche Höchstbetrag liegt bei 15,30 Euro. Hans: "Irgendwo muss man doch parken, und die Stadt gibt dich dann knöllchentechnisch zum Abschuss frei." Parkverstöße werden mit Verwarnungsgeldern zwischen 10 und 35 Euro sanktioniert.

Die Kontrolleure Der Verkehrsüberwachungsdienst (VÜD) des Trierer Ordnungsamts hat 26 Stellen. 18 Mitarbeiter sind in Zweier- und Dreierteams auf den Straßen unterwegs, zwei sind im Innendienst aktiv. Sieben der Außendienstkräfte sind zurzeit krank oder im Urlaub. Sechs Stellen sind aktuell nicht besetzt.

Die Taktik Der TV fragt die Stadtverwaltung, nach welcher Taktik der VÜD im Stadtgebiet Kontrollen durchführt. Ralf Frühauf vom Presseamt antwortet: "Die Kontrollen in der Innenstadt erfolgen unter angemessenem Personal- und Zeiteinsatz, damit der VÜD noch auf aktuell eingehende Beschwerden reagieren kann. Tagesaktuell kann sich im Stadtgebiet weiterer Kontrollbedarf ergeben, zum Beispiel durch das Besucheraufkommen bei den Freibädern, Märkten, Veranstaltungsräumen oder Baustellen."
Wo liegen die Schwerpunkte? "Trotz relativ hoher Überwachungsfrequenz werden Falschparker insbesondere im Domfreihof und der Liebfrauenstraße festgestellt und geahndet. Aber auch in der Neustraße und im Bereich des Viehmarktes werden immer wieder Fahrzeuge rechtswidrig geparkt."
Die Abschlepper Warum lässt die Stadt nicht öfter abschleppen? Diese zentrale Frage stellen genervte Innenstadtbewohner immer wieder. Ralf Frühauf: "Abschleppmaßnahmen erfolgen immer unter Berücksichtigung der Verhältnismäßigkeit. Das heißt, sie stehen immer dann an, wenn Behinderungen durch rechtswidrig parkende Kraftfahrzeuge festgestellt werden und dadurch Gefahren entstehen, die nicht anderweitig beseitigt werden können."
Der Abschlepper kommt öfter, als man glaubt. Im bisherigen Jahresverlauf hat die Stadt bereits 454 Fahrzeuge abschleppen lassen. Im Schnitt rund 65 pro Monat, 16 pro Woche, zwei bis drei pro Tag. 14 dieser Fälle fielen auf das Altstadtfest, in dessen Verlauf die Kontrolleure 276 Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen Falschparkens einleiteten.

Der Dezernent Thomas Schmitt (CDU) ist seit Mitte April Triers Dezernent für Sicherheit und Ordnung. "Wir arbeiten mit Hochdruck an der Besetzung der freien Stellen", sagt Schmitt im Gespräch mit dem TV. "Die Ausschreibungen laufen schon".
Die Forderungen nach rigoroseren Abschleppoffensiven kontert Schmitt gelassen. "Wenn wir derart streng an die Lage herangehen und manche Straßen so intensiv kontrollieren würden, müssten wir jede Menge der direkten Anwohner mit abschleppen." Denn auch diese, so Schmitt, halten notwendige Abstände nicht ein und nehmen sich Freiheiten heraus.
Da alle Appelle an die Vernunft ungehört verhallen, denkt man im Rathaus über massivere Aktionen nach. "Wir sprechen über den Einsatz von Pollern", sagt Schmitt. "Dann herrscht Ruhe in der Innenstadt."KommentarMeinung

Egoismus und Rücksichtslosigkeit
Trier hat ein schlimmes Problem mit Falschparkern, das täglich viele Menschen Zeit und Nerven kostet. Dieses Problem hat nichts zu tun mit zu teuren Parkhäusern, zu schmalen Straßen oder irgendeinem der vielen anderen Entlastungsargumente ertappter Parksünder. Die Grundlagen des täglichen Trierer Zoffs um Parkraum sind Egoismus, Bequemlichkeit und Rücksichtslosigkeit. Um es klar zu sagen: Es ist nicht und war niemals die Schuld des Ordnungsamts, dass viele Autofahrer darauf bestehen, kostenlos und nah am Ziel parklen zu dürfen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Zur Not auch auf Flächen, die für Fußgänger und Radfahrer bestimmt oder als Anwohnerparkplätze reserviert sind. Den Vorwurf der bewussten Passivität verdient das Ordnungsamt nicht. 454 Abschleppaktionen in sieben Monaten sind ein beachtlicher Wert für das kleine Team des Verkehrsüberwachungsdienstes. Nur ein radikaler Schritt kann dieses Problem lösen. Der Parkplatzsuchverkehr muss komplett raus aus der Innenstadt. j.pistorius@volksfreund.de