Agenten für die Alten

TRIER. Die Dekra-Akademie hilft im Auftrag der Arge Trier Stadt Arbeitslosen, die älter als 50 Jahre sind, beim Einstieg in den Beruf. Sozialdezernent Georg Bernarding hat die Patenschaft des Dekra-Pilotprojekts "Perspektive 50plus" übernommen.

Eine Stellenanzeige, ein ganzer Stapel Bewerbungen. Der Chef muss aussieben. "Geboren: 10. April 1954", steht in einem der hundert Lebensläufe - samt der dazugehörenden Bewerbung landet das Schreiben auf dem Abgelehnt-Stapel. Was unter den Stichworten "Qualifikationen" oder "Werdegang" steht, scheint niemanden zu interessieren. "Tatsächlich ist es leider häufig so, dass schon das Geburtsdatum als Aussieb-Kriterium fungiert", sagt Martina Thoben. Die Diplom-Pädagogin ist bei der Dekra-Akademie zuständig für die individuelle Betreuung von über 50 Jahre alten Arbeitslosen. "Dabei erfüllen gerade Ältere häufig wichtige Kriterien, wie zum Beispiel Berufserfahrung und Menschenkenntnis", fügt Ulrike Katschinski-Niemeyer, Leiterin der Job Plus GmbH bei der Deutschen Angestellten Akademie (DAA) ein. Seit einem halben Jahr arbeiten die beiden beim Pilotprojekt "Perspektive 50plus" mit (siehe Hintergrund). 76 Hartz-IV-Empfänger über 50 Jahren haben Dekra-Akademie und DAA in dieser Zeit von der Arge Trier vermittelt bekommen. "Die ersten drei Monate werden die Leute bei uns täglich und intensiv fit für den Job gemacht", erklärt Joachim Freek, Leiter der Dekra-Akademie. Bewerbungen schreiben, Computer-Kurse und Vorstellungs-Trainings gehören unter anderem dazu. "Die Arbeitslosen haben teilweise noch nie einen Computer bedient", erklärt Freek, "Computerkenntnisse sind für viele Stellen allerdings Voraussetzung." Auch Praktika oder Probearbeitszeiten finden bereits in dieser ersten Phase statt. In weiteren drei Monaten folgt die individuelle Betreuung durch Martina Thoben. "Die Arbeitslosen sind oft mutlos und brauchen Zuspruch", sagt die Pädagogin. Während einige nur kleinere Hilfestellungen benötigten, um in den Beruf zu finden, müssten andere zu Vorstellungsgesprächen begleitet werden. Maximal 40 ältere Arbeitslose werden so gleichzeitig von Dekra und DAA betreut. In der ersten Phase der Intensivbetreuung befinden sich stets 20 Hartz-IV-Empfänger: Sobald einer von ihnen in einen Job vermittelt wird oder aus anderen Gründen aus dem Programm aussteigt, rückt ein neuer Kandidat nach. Schließlich gibt es alleine im Trierer Stadtgebiet über 500 arbeitslose Über-50-Jährige. "Wer in das Projekt Perspektive 50plus aufgenommen wird, entscheiden wir in enger Absprache mit dem Bildungsträger", erklärt Marita Wallrich, Leiterin der Arge Stadt Trier. Bestimmte Kriterien müssten die Arbeitslosen nicht erfüllen. "Schwer Vermittelbare" sind in dem Projekt genauso dabei wie ehemalige Filialleiter, die nicht viel länger als zwei Jahre arbeitslos waren und alle wichtigen Qualifikationen mitbringen. "Aber rund 50 Prozent unserer Kandidaten hat zum Beispiel keinen Führerschein - und damit ein großes Vermittlungshindernis", erklärt Freek. Rund ein Viertel der Arbeitslosen hätten eine andere Sprache als Deutsch zur Muttersprache. "Wenn die Arbeitslosen sich nicht verständlich ausdrücken können, wird es schon sehr schwierig", sagt Freek. Von den 76 älteren Arbeitslosen, die bei Dekra/DAA das Programm durchlaufen haben, sind 13 in den Arbeitsmarkt vermittelt worden. "Und zwar in den ersten Arbeitsmarkt, in versicherungspflichtige und unbefristete Stellen", betont Wallrich. "13 Vermittlungen ist ein wunderbares Ergebnis", freut sich Sozialdezernent Georg Bernarding, der die Patenschaft für das Dekra/DAA-Programm übernommen hat. "Schließlich gilt in der Realität immer noch viel zu häufig, dass man ab 45 zum ,Alten Eisen' gehört", weist der Sozialdezernent auf Barrieren in der Arbeitgeberwelt hin. "Dabei ist Adenauer sogar mit 72 Jahren noch Bundeskanzler geworden!"

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