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Agnes Krein (88) aus Aach erinnert sich an dramatische Erlebnisse im Februar 1945, als sich der Zweite Weltkrieg dem Ende zuneigte.

Geschichte : Als Männer in den Krieg zogen – und überraschend umkehrten

Agnes Krein (88) aus Aach erinnert sich an dramatische Erlebnisse im Februar 1945, als sich der Zweite Weltkrieg dem Ende zuneigte.

(red) Agnes Krein, geborene Biesdorf, aus Aach bei Trier ist 88 Jahre alt. Als Zeitzeugin hat sie den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Sie war 13 Jahre alt, als Jugendliche und ältere Männer aus ihrem Dorf Ende Februar 1945 zum Kriegsdienst eingezogen werden sollten. Über die damaligen Erlebnisse hat sie mit ihrer Freundin Silvia Thieltges (62) aus Aach gesprochen. Silvia Thieltges hat die persönlichen Erinnerungen von Agnes Krein aufgeschrieben und dem Trierischen Volksfreund zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Sie schreibt dazu in einer Einführung:

Um ein besseres Verständnis  für die Erzählung und die Zeit, in der sie stattfand, zu bekommen, habe ich begonnen, nachzulesen und bin auf erschreckende Zahlen und Fakten gestoßen. Millionen von Menschen verloren ihr Leben in diesem unseligen Krieg; auch Hunderttausende von deutschen Soldaten starben in  seinen letzten Monaten, als alles schon längst entschieden und verloren war.

Wohl wissend um die aussichtslose Situation, mussten Tausende gegen Kriegsende, von Februar bis Mai, einem Todeskommando gleich trotzdem in den Krieg ziehen. Ende Februar 1945 erging der Aufruf an alle wehrfähigen, sehr jungen „Männer“ zwischen 14 und 16 Jahren und an die Männer über 60 Jahren, meist unerfahren und schlecht ausgerüstet, als letztes, verzweifeltes Aufgebot, als „Volkssturm“ in den Krieg für eine verlorene Sache zu ziehen.

Agnes Krein erinnert sich an diese Zeit wie folgt:

Die Männer unseres Dorfes hatten sich in Ehrang, am Bahnhof, etwa 12 Kilometer von Aach entfernt, einzufinden. Wer nicht ging, dem drohte das standrechtliche Erschießen. Im Februar 1945 waren Standgerichte der SS eingerichtet worden, die Tausende Todesurteile gegen Soldaten und Zivilisten ausführten.

Den Männern aus unserem Dorf blieb keine Wahl. Am festgesetzten Datum versammelten sie sich im  Morgengrauen in der Dorfmitte, wo die Namen aller Betroffenen bei Kerzenschein verlesen und mit einer Liste abgeglichen wurden. Neben ihrer Kleidung und ihrem Proviant trugen alle Männer einen starken Gürtel um den Leib geschnürt, an dem ein oder zwei  Metallflaschen befestigt waren. Darin befand sich ihr Vorrat an Selbstgebranntem.

Die Männer traten gemeinsam ihren Weg nach Ehrang, zum Sammelpunkt, an und ließen verzweifelte Familien in großer Angst zurück. Viele von ihnen hatten schon Väter, Söhne und Brüder verloren.

Alles Bitten und Betteln, doch nicht zu gehen, jetzt, da der Krieg doch schon verloren sei, half nicht. Alle gingen, wissend, dass sie sonst womöglich der Tod durch ein Erschießungskommando erwartete.Die Männer waren fort, und die Zurückgebliebenen waren verzweifelt und ohne Hoffnung, ihre Lieben jemals wiederzusehen.

Am nächsten Tag jedoch geschah etwas gänzlich Unerwartetes. Im Verlauf der Abenddämmerung kamen einige Männer aus dem Wald heraus, zurück nach Hause! In Windeseile verbreitete sich die Nachricht von ihrer Rückkehr im Dorf. Die Familien, deren Angehörige fehlten, liefen herbei, um zu sehen, ob auch ihre Männer wiedergekommen wären.

Einige Zeit später eilte wieder die Nachricht durch das Dorf – eine weitere Gruppe Männer sei zurückgekehrt. Was für eine Freude und Erleichterung war das für die Angehörigen. Als am späten Abend nach und nach die letzten Männer eintrafen, war die Freude groß.

Der Vater einer großen Familie jedoch fehlte. Seine Frau mit ihren Kindern lief verzweifelt auf und ab in der Hoffnung, ihren Mann doch noch heimkehren zu sehen.

Endlich – nach schier endloser Zeit, kehrte auch er als letzter der Männer zurück – und seine Frau eilte ihm entgegen. Doch wer glaubte, sie würde ihn vor lauter Freude über das Wiedersehen herzen und umarmen, sah sich  getäuscht. Bevor sie ihn in die Arme schloss, setzte es erst einmal eine heftige Ohrfeige. Auf seine Frage, wofür in aller Welt die denn gewesen sei, antwortete sie völlig aufgelöst und entrüstet: „Die ist dafür, dass du als Letzter gekommen bist!“ Denn sie hatte schon ganz verzweifelt geglaubt, dass ihr Mann als Einziger in den Krieg gezogen sei.

Wie war  es zu dem Sinneswandel der Männer gekommen? Wie hatten sie beschlossen, nicht in den Krieg zu ziehen und nach Hause zurückzukehren?

Die Männer selbst erzählten es so:  Als sie auf ihrem Weg außerhalb des Dorfes am Sportplatz angekommen waren, änderten sie ihren Weg hinein in den Wald und trennten sich in mehrere kleine Gruppen. In der Nähe von Biewer zogen sich die ersten Männer tiefer in den Wald zurück, um eine Rast zum Besprechen der Situation einzulegen. Sie  beratschlagten das weitere Vorgehen mit Hilfe ihres Selbstgebrannten.

Irgendwann schliefen die Männer  ein und erwachten erst nächsten Morgen. Da sie nun ihren Einberufungstermin verpasst hatten, gingen sie zurück nach Hause.

Eine weitere Gruppe lief noch ein gutes Stück weiter. Auch sie zogen sich zurück in ein nicht einsehbares Waldstück, um die Situation gründlich zu besprechen, öffneten dazu ihre Flaschen und kehrten am nächsten Tag  heim.

Die letzten Männer marschierten bis kurz hinter Biewer, bevor sie sich entschlossen, nicht in den Krieg zu ziehen.  Im Wald tranken sie ebenfalls ihr mitgeführtes Hochprozentiges und verbrachten dort die Nacht. Am Tag darauf beschlossen auch sie, nach Hause zu gehen. Am anstrengendsten war der Nachhauseweg wohl für den Familienvater, der als letzter eintraf.

So waren alle Männer, die losgezogen waren, wieder heil nach Hause gekommen. Die Angst, ob sie wohl in Sicherheit bleiben würden, hielt noch eine Zeit lang an. Sie wussten, dass sie verborgen bleiben mussten. Doch keine Sondereinheit der SS kam, um nach ihrem Verbleib zu forschen.

Am 2. März marschierten die Amerikaner in Aach ein. Für die Dorfbewohner war der unselige Krieg damit zu Ende. Trotz aller Erleichterung über den guten Ausgang war den Männern sehr wohl bewusst, wie viel Glück sie gehabt hatten und das es für viele andere Männer  nicht so gut  ausgegangen war.

Das ist wohl eine der wenigen Begebenheiten, wo Hochprozentiges, gepaart mit einer großen Portion Glück und Mut, das Leben vieler Männer gerettet hat.