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Aids, unterschätzt bei Heterosexuellen

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Historische Pandemien : Aids, unterschätzt bei Heterosexuellen

Die Region Trier erlebt nicht zum ersten Mal eine Pandemie. Auch die Immunschwäche-Erkrankung Aids hat hierzulande Opfer gefordert, und tut dies immer noch. Die Fallzahlen, vor allem bei Heterosexuellen, steigen wieder.

Jeden Abend, gegen 22 Uhr, schluckt Stefan Osorio-König eine Tablette. Die Pille ist rosa, etwa so groß wie ein Fingernagel und passt perfekt in die Hosentasche. Doch das kleine Ding bewahrt ihn vor einer Krankheit, die nach Schätzungen der Vereinten Nationen weltweit mehr als 35 Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Osorio-König, der im Nachbarland Luxemburg lebt und arbeitet, ist HIV-positiv: „Ich habe mich 2010 testen lassen, nachdem ich einen neuen Partner kennengelernt hatte.“  Seitdem trägt er ein Virus in sich, das unbehandelt, das sogenannte Akquirierte Immun-Defizienz-Syndrom, kurz Aids, auslösen kann.

Krankheit und Symptome: Das HI-Virus, zerstört T-Helferzellen, sozusagen die körpereigene Schutzpolizei, die sonst Eindringlinge draußen hält. Kurz nach einer Infektion bemerken Patienten davon erstmal nichts. Jahrelang können sie symptomfrei bleiben. Während der Erreger schleichend das Immunsystem außer Kraft setzt.

Dann treten immer häufiger Infekte auf. Bis der Körper dem Virus nichts mehr entgegensetzen kann. Wenn AIDS dann ausbricht, geht es meist schnell. Es treten mitunter tödliche Lungenentzündungen, Pilzbefall der Speiseröhre oder chronische Herpesinfektionen auf.

Die Verbreitung: Es sind diese fortgeschrittenen Symptome, die die Krankheit 1981 zum ersten Mal in die Schlagzeilen bringen. Am 5. Juni schreibt der Wissenschaftler Michael Gottlieb von der Univerity of California über fünf junge homosexuelle Männer, die im Krankenhaus landen, weil ihr Immunsystem so geschwächt ist. Sie werden zu den ersten bekannten Aids-Toten gehören.

Etwa ein halbes Jahr nach dem Bericht aus Los Angeles gibt es dann auch erste Fälle in Deutschland. Und bald tritt HIV weltweit in Erscheinung. Es ist eine der letzten großen Pandemien, die die Welt vor dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus erschüttert hat.

Heute vermuten Forscher, dass der erste Aids-Fall schon mehr als 70 Jahre zurückliegt. Es gilt inzwischen als geschert, dass Anfang des 20. Jahrunderts eine Art Urtyp des HI-Virus von westafrikanischen Affen auf den Menschen überspringt.

Die ersten Erkrankten sind wohl Jäger, die das Fleisch der Schimpansen essen. Ähnlich wie bei Covid-19, das wohl von Fledermäusen stammt, haben wir es bei Aids also mit einer Seuche aus dem Tierreich zu tun.

Von Mensch zu Mensch hingegen überträgt sich das Virus später vor allem über Geschlechtsverkehr und Bluttransfusionen. Also: durch den Austausch von Körperflüssigkeiten wie Sperma, Blut, Scheidensekret.

Therapie und Fortschritte: Bis das erste wirksame Mittel gegen das Virus entwickelt wird, sollten nach Entdeckung sechs lange Jahre ins Land gehen. Erst 1987 gelingt der Durchbruch. Noch 1994 finden nach Angaben der Aids-Hilfe Trier 3000 Infizierte in Deutschland den Tod durch die Immunschwäche. Die meisten hatten sich in den 1980er-Jahren infiziert.

Seitdem ist, zumindest in den westlichen Industriestaaten, die Bedrohung beherrschbar geworden. Und die Sterberate gesunken. Heilen lässt sich Aids zwar immer noch nicht. Doch längst ist die Diagnose kein Todesurteil mehr. Inzwischen sind rund 30 Medikamente auf dem Markt, die das HI-Virus bis unter die Nachweisgrenze drücken. Und zudem kaum Nebenwirkungen entfalten.

Das heißt: Patienten können über Jahrzehnte weitestgehend unbeschwert leben. Die Lebenserwartung eines positiv getesteten Menschen ist laut Aids-Hilfe Trier im Schnitt nur noch fünf Jahre kürzer als bei HIV-negativen Menschen. Zudem sind Patienten nach wenigen Monaten nicht mehr ansteckend, auch nicht für Sexualpartner.

Stefan Osorio-König sagt, sein Leben habe sich seit der Diagnose kaum verändert. Eingeschränkt fühle er sich überhaupt nicht. „Jeden Abend eine Pille nehmen“, sagt der Wahl-Luxemburger, „das macht weniger Arbeit als Zähne putzen.“ Und im Alltag beeinträchtige ihn das Virus auch nicht. Er fühlt sich weder krank, noch geschwächt, kurzum: gesund.

Aktuelle Fallzahlen: Ebenso ergeht es wohl den meisten der laut Robert-Koch-Institut rund 2300 bestätigten HIV-Infizierten in Rheinland-Pfalz. In der Region geht die Aids-Hilfe Trier von 400 bis 500 Fällen aus. Allerdings gibt es auch eine Dunkelziffer, die Experten im Bundesland auf rund zwölf bis 15 Prozent schätzen.

Das heißt: Mehr als ein Zehntel der Patienten weiß womöglich selbst nichts von der Infektion. Nach wie vor, heißt es bei der Aids-Hilfe, sei der Anteil der spät erkannter HIV-Infektionen in Deutschland vergleichsweise hoch. Und hier wird es gefährlich.

„Fast jede dritte Infektion“, sagt Fachmann Bernd Geller (siehe Interview), „wird erst bei fortgeschrittenem Immundefekt oder sogar erst im Aids-Stadium entdeckt.“ Also dann, wenn es fast schon zu spät ist für eine Therapie. Auch unter den 2018 noch 25 Todesfällen in Rheinland-Pfalz seien wohl vor allem Menschen gewesen, deren Infektion bereits im fortgeschrittenen Stadium war, und daher kaum noch behandelt werden konnte.

Zu wenige Tests: Die sogenannte „Hauptbetroffenengruppe“, also homo- oder bisexuelle Männer, bereitet Geller dabei aber die geringsten Sorgen: „Viele Männer, die Sex mit Männern haben, lassen sich regelmäßig auf HIV testen.“ Bei Heterosexuellen hingegen sei die Bereitschaft nach wie vor zu gering. Dabei unterscheidet das Virus freilich nicht nach sexuellen Vorlieben.

Jeder, der wechselnde Geschlechtspartner habe, solle einen Bluttest machen lassen, fordern Experten. Dass nicht alle Deutschen diesem Appell folgen, belegen die seit Jahren steigenden Fallzahlen unter Heterosexuellen.

Auch Osorio-König bestätigt, dass das Thema in der queeren Szene angekommen ist. Wohingegen es in anderen gesellschaftlichen Gruppen noch Nachholbedarf gebe. Das zeige sich auch im eigenen Bekanntenkreis: „Die meisten meiner schwulen Freunde lassen sich regelmäßig testen. Von allen heterosexuellen Männern, mit denen ich zu tun habe, fällt mir da nur einer ein.“

Das erklärt sich Osorio-König auch dadurch, dass Heterosexuelle oft weniger über die Krankheit wüssten. „Und Unwissenheit ist auch ein guter Nährboden für Vorurteile“; sagt Osorio-König.

Gesellschaftlicher Umgang mit der Krankheit: Unter Ausgrenzung und Stigmatisierung haben HIV-Infizierte vor allem in den 1980er- und 1990er-Jahren zu kämpfen. Umgangsprachlich wird die Krankheit als „Schwulenpest“ bezeichnet, manche sehen in ihr sogar eine „Strafe Gottes“ für die als sündig empfundene Homosexualität. Auch Innenminister Horst Seehofer (CSU), damals noch junger Politiker, beteiligt sich an der Schmutzkampagne, fordert Erkrankte in Aids-Zentren zu isolieren.

Heute sind diese Zeiten freilich vorbei. Osorio-König sagt, er habe nie mit Ausgrenzungen zu kämpfen gehabt: „Viele Geschichten, die man so hört, sind Horrormärchen.“ Weder bei Bewerbungen für Jobs sei das Thema jemals zur Sprache gekommen, noch hätten Freunde sich abgewandt.

Das habe aber vielleicht auch damit zu tun, dass er seit dem ersten Tag offen mit seiner Diagnose umgehe: „Damit habe ich vielleicht Barrieren eingerissen. Die Leute trauen sich, mich anzusprechen.“

Und damit hat er auch überhaupt kein Problem. Im Gegenteil: Sowohl online als auch auf Veranstaltungen wie dem Christopher Street Day oder dem Welt-Aids-Tag tritt Osorio-König als Botschafter der Aids-Hilfe Deutschland auf. Er hält Vorträge, berät HIV-Positive auf Messen und Veranstaltungen.

Wegen Menschen wie ihm ist die Informationslage in Deutschland inzwischen eine gute. Doch das ist freilich nicht überall der Fall. Besonders auf dem afrikanischen Kontinent, und zunehmend in Osteuropa, fordert die Krankheit immer mehr Tote.

„Für viele Jugendliche ist es heute eine Selbstverständlichkeit, ein Kondom zu benutzen“, sagt Bernd Geller von der Aids-Hilfe Trier. Das ist auch ein Verdienst der Präventionsarbeit solcher Stellen. Foto: dpa/Friso Gentsch
Seit den 1980er-Jahren die Anlaufstelle für HIV-Infizierte: die Aids-Hilfe in der Trierer Saarstraße. Foto: TV/Maria Adrian

Informationen gibt es bei der Aids-Hilfe Trier in der Saarstraße 55. Besuche sind wegen der Corona-Pandemie aktuell nur nach Absprache unter Telefon 0651/970440 oder E-Mail an info@trier.aidshilfe.de möglich. Erreichbar sind die Fachleute Montag bis Donnerstag von 9 bis 13 Uhr. Neben der Aids-Hilfe gibt es die Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten am Gesundheitsamt Trier-Saarburg. Und auch Osorio-König steht Interessierten bei Facebook oder unter seinem Profil auf dem Dating-Portal Planet Romeo für Fragen zur Verfügung.