Akkurat durchleuchtete Choräle

Akkurat durchleuchtete Choräle

Berührend, bewegend, beeindruckend: Der Konzertabend des Schweicher Vokalensembles St. Martin mit geistlicher Chor- und Instrumentalmusik zum neuen Jahr führte die 500 Zuhörer in der Pfarrkirche durch anspruchsvollste Chorliteratur.

Schweich. (red) Als ob sie es im Jubiläumsjahr ihres 20. Bestehens wissen wollten: Das Schweicher Vokalensemble hatte sich mit der Motette "Jesu, meine Freude" für fünfstimmigen Chor von Johann Sebastian Bach (BWV 227) ein in jeder Hinsicht herausforderndes Werk ausgesucht.

Schon die Eingangssequenz "Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide" ließ aufhorchen. Eine wohltuende Spannung lag über der Motette, musikalisch im Ton einer Trauermusik gehalten. Chorleiter Dekanatskantor Johannes Klar vermochte seinen Chor zu überaus beweglicher und präziser Singweise zu führen, die Variabilität in der Gestaltung ermöglicht.

Der Gesang wirkt nie angestrengt, gerät nie außer Kontrolle. Die Details werden modelliert, von jeder Stimmgruppe beweglich umgesetzt. Der Sopran, der in den ersten beiden Sätzen zwar etwas zu sehr dominiert, fügt sich dann aber wohltuend strahlend ein. Sicher in den Harmonien konnte der Chor die Struktur der Choräle akkurat durchleuchten und transparent vermitteln.

Bach hat in seiner Motette fünf Verse aus dem Römerbrief des Apostels Paulus mit Choralstrophen von Johann Franck vertont. Schade, dass die Texte im Programmheft nicht nachzulesen waren, geht es darin doch um die Abkehr von allem Weltlichen und die Hinwendung zum Geist Jesu, der über alle Traurigkeit triumphiert: "Dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu, meine Freude."

Ein bewegendes musikalisches Erlebnis



Begleitet von einem Instrumentalensemble von hervorragender Qualität - Gerda Koppelkamm-Martini (Flöte), Helen Steinecke (Oboe), Lisa Henn, (Violine/Bratsche), Lilia Hägele(Violine), Eckard Müller (Cello), und Wolfgang Seifen an der Orgel und am Orgelpositiv - wurde die große Bach-Motette zu einem bewegenden musikalischen Erlebnis.

Mit dem Adagio und Rondo, KV 617, für Flöte, Oboe, Viola, Violonchello und Orgelpositiv von Wolfgang Amadeus Mozart ließen die Instrumentalisten einmal mehr Können und Spielfreude verschmelzen. Feierlich-erhebend und geradezu hymnisch interpretierte das Vokalensemble die drei achtstimmigen Doppel-Chöre zur deutschen Liturgie Nummer 2 von Felix Mendelssohn-Bartholdy, den wohlklingenden, inspirierenden Kirchenraum in St. Martin beim Kyrie, Gloria und Sanctus für sich nutzend.

Bei dem leider weniger bekannten "Ave Maria", Op. 23, Nr. 2 für achtstimmigen Chor und Orgel von Mendelssohn-Bartholdy konnte man die Hingabe und Freude in den Gesichtern der Sänger geradezu ablesen. Ganz hervorragend: das Tenorsolo von Burkhard Esten aus Andernach.

Hatte Wolfgang Seifen den Abend mit einer groß angelegten Orgelimprovisation über das Thema "Jesu, meine Freude" phantasievoll spielfreudig und technisch brillant eröffnet, so beendete der Professor für Improvisation und Liturgisches Orgelspiel an der Universität der Künste in Berlin den Abend in Schweich mit dem gemeinsam gesungenen Kirchenlied "Erde, singe". Dann gab es lang anhaltender Applaus für einen beeindruckenden Abend.