Alexandra Emmel aus Bitburg fotografiert Stillgeburten und tote Frühchen für die Organisation dein sternenkind.

Kostenpflichtiger Inhalt: Trauer : Wenn das Leben stillsteht: Bitburgerin fotografiert Sternenkinder in Region Trier

Manchmal sterben Kinder vor der Geburt. Manchmal leben sie nur kurz. Ihre Eltern vergessen sie nie. Alexandra Emmel fotografiert diese toten Babys. Als erstes und letztes Bild für die Familie.

Alexandra Emmel verlor 2012 zwei Kinder in einem frühen Stadium der Schwangerschaft. Sie danach wenigstens einmal leibhaftig zu sehen, war nicht möglich. Kein Händchen, kein Füßchen. Nichts. Das hat sie kaum verkraftet.

Ihr blieben die letzten Ultraschallbilder. Grau und vage. Um ihre Trauer zu verarbeiten, stöberte sie im Internet nach Selbsthilfegruppen, weil sie außerhalb der Familie mit niemandem über ihren Kummer reden konnte. Dabei stieß sie auf Seiten der Organisation „Dein-Sternenkind“. „Als ich die Bilder der Sternenkinder sah, fand ich die Fotos schon toll“, sagt die heute 42-Jährige aus Bitburg. „Was würde ich dafür geben, Bilder von unseren beiden Mäusen zu haben.“ Ob sie so etwas auch könnte, überlegte sie.

Vielleicht half das Schicksal ein wenig nach, als vor etwa drei Jahren eine Freundin die passionierte Hobbyfotografin fragte, ob sie nicht ihr Neugeborenes fotografieren wolle. Alexandra Emmel wollte, und die Fotos gerieten so gut, dass sich die nächste Mutter meldete, und es bald so viele Anfragen gab, dass sich die gelernte Zahnarzthelferin zu Hause ein kleines Fotostudio einrichtete.

Doch die Erinnerung an die Fotos der Sternenkinder, die vor, während oder nach der Geburt gestorben waren, ließ sie nicht los. 2018 bewarb sie sich bei der Organisation, deren Mitarbeiter ehrenamtlich unterwegs sind und alle Ausgaben selbst tragen, von Fahrtkosten, Entwicklung der Bilder, Verpackungsmaterial bis hin zum Porto. „Am Anfang dachte ich, die nehmen mich gar nicht, weil ich keine fotografische Ausbildung habe. Denn die Auswahl ist gründlich.“ Doch sie versuchte es, reichte Fotos ein und beantwortete online die Fragen auf dem Bewerbungsformular. Einen Tag später kam bereits die Rückmeldung. Sie war angenommen.

Ende Oktober fuhr Alexandra Emmel zu ihrem ersten Einsatz nach Wittlich – mit ganz viel Beklemmung im Bauch. „Als ich an der Tür vor dem Kreißsaal stand, schlug mir mein Herz bis zum Hals. Doch als ich dann im Kreißsaal stand, war die Aufregung weg. Ich hatte keine Angst mehr und habe mir nur den kleinen Mann angeguckt, der in der 34. Woche auf die Welt gekommen war.“ Das Kind, ein Junge, sah schön und friedlich aus. „Als ob er schlafe.“ Gut ein Jahr ist das jetzt her.

Die Mutter erinnert sich: „Das Krankenhaus hatte uns darüber informiert. Mein Mann war direkt überzeugt, aber ich nicht. Ich habe sowieso ein Problem mit dem Tod und konnte es mir nicht vorstellen, unser totes Kind fotografieren zu lassen. Ich habe mich aber letztlich doch überzeugen lassen und war froh, dass Alexandra da war.“ Für das Paar sind diese Erinnerungen wertvoll, tröstlich. Die einzigen, die sie haben. „So können wir ihn noch mal betrachten und denken, es war Realität, dass er da war und kein Traum oder Imagination.“

Andrea Tröster und Dr. Christine Görgen arbeiten als Seelsorgerinnen im Mutterhaus Trier. Sie kennen die Organisation. „Bei Sternenkindern hat man ja nicht viele Erinnerungsstücke. Da sind solche Fotos ein gutes Angebot“, sagt Andrea Tröster. „Daher schlagen wir den Eltern auch diese Möglichkeit vor.“ Die sehr emotionale und belastende Situation bewältige jeder anders. Daher wägt Tröster stets ab. „Manche reden ganz viel, andere wollen erst mal Abstand und schweigen. Manche Eltern wollen auch selbst Fotos machen.“ Es sei wichtig, das zu finden, was hilft. „Eltern wissen intuitiv, was sie brauchen.“

Einmal hat sie selbst miterlebt, wie unauffällig ein Sternenkind-Fotograf arbeitet. „Sehr zurückhaltend. Die kommen immer sehr zeitnah. Es funktioniert gut.“ Denn das Zeitfenster, um diese Fotos zu machen, sei ja recht klein.

Fotografiert Sternenkinder: Alexandra Emmel aus Bitburg-Stahl. Foto: Roland Morgen

Damit Alexandra Emmel und ihre Kollegen rechtzeitig im Krankenhaus eintreffen können, haben alle eine sogenannte Alarm-App auf ihren Smartphones. Mit dem grünen Button nimmt Emmel den Ruf an, mit dem roten lehnt sie ihn ab. Etwa dann, wenn der Einsatzort zu weit weg von Bitburg ist. Nimmt sie an, gelangt sie in ein geschlossenes Forum, in dem dann alle wichtigen Infos stehen. „Wenn ich hinfahren will, schreibe ich rein ‚Ich übernehme das’. Und dann melden sich noch ein bis zwei Back-ups, falls bei mir doch was dazwischenkommen sollte.“

Anschließend packt sie ihre Kamera mit dem lichtstarken Objektiv in ihre Tasche (geblitzt wird im Kreißsaal nie) und zwei Sets Babykleidung in einen Koffer. „Bei größeren Kindern haben die Eltern meistens etwas zum Anziehen dabei, aber wir fotografieren ja ab der 14. Woche. Da gibt es nichts zu kaufen.“ Weil das so ist, arbeitet sie mit dem ehrenamtlichen Verein „Sternenzauber und Frühchenwunder“ zusammen, der sich aus Spenden finanziert. Die Helfer nähen, häkeln und stricken passende Kleidung in allen Größen und basteln kleine Andenken, ein Herz, Püppchen, einen Teddy. Via Internet haben sich Männer und Frauen bundesweit zusammengetan und organisiert. Mittlerweile beliefert der Verein rund 400 Krankenhäuser, Hebammen, Hospize, Frauenärzte und Bestatter in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Luxemburg. „Die Babysets sind mit viel Liebe gemacht, und die Eltern können sich dann eins von den beiden aussuchen“, sagt Alexandra Emmel.

Wenn sie dann losfährt, nach Trier oder Wittlich, St. Wendel oder Koblenz, Simmern oder Luxemburg, denkt sie nur an das Kind und die Eltern und an den Satz ihrer Kollegin Birgit Walter-Luers, der zum Leitspruch der Sternenkind-Fotografen wurde: „Wir fotografieren nicht den Tod, sondern sehnlichst erwartetes Leben.“

Alexandra Emmel hat einen Sohn. Er ist sechs Jahre alt. Dennoch fotografiert sie weiter Sternenkinder. „Manchmal fragen mich die Leute, warum ich das mache.“ Dann erzählt sie es ihnen, und die Eltern vertrauen ihr, fühlen sich verstanden in diesem Moment voller Schmerz. Sie sind ihr dankbar. So wie die Mutter des kleinen Jungen aus Wittlich: „Irgendwann verblassen die Erinnerungen an die Schwangerschaft, aber die Fotos bleiben uns wenigstens erhalten.“

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