Als Deutsche in einer jüdischen Familie

Als Deutsche in einer jüdischen Familie

Die 20-jährige Charlotte Thul aus Trier-Quint hat das letzte Jahr in New York verbracht. Dort hat sie in einer jüdischen Familie als Au-pair gearbeitet.

Trier-Quint. Als Deutsche in einer jüdischen Familie: Diese Erfahrung hat Charlotte Thul im vergangenen Jahr gemacht. Nach dem Abitur 2009 war für die heute 20-Jährige klar, dass sie eine Auszeit von all der Lernerei brauchte. Sie packte ihre Koffer, stieg in den Flieger und verbrachte ein Jahr in einer jüdischen Familie in New York.

Über die Organisation American Institute for Foreign Studies hatte sie sich als Au-pair beworben. "Man musste sich schon ein gutes Jahr vorher darum kümmern, schließlich muss man ein Visum beantragen und alle Formalitäten abklären", erzählt sie.

Ihre Gastmutter ist Psychologin, der Vater hat eine eigene Anwaltskanzlei in Manhattan. Charlotte Thul betreute die sieben- und neunjährigen Jungen des Paares, die eine jüdische Schule besuchen.

Die Familie sei sehr religiös und lebe ihren Glauben aus. "Es war interessant, neben der amerikanischen Kultur auch Einblick in eine andere Religion zu erhalten", sagt die Triererin.

An ihrem ersten Tag in der Familie fragte man sie, ob sie ein Problem damit habe, dass ihre Gastfamilie jüdisch sei. Als sie verneinte, war das Thema beendet - und wurde nie wieder angesprochen. "Schließlich ging aus meiner Bewerbung hervor, dass ich aus Deutschland komme. Wenn das ein Problem für sie wäre, hätten sie sich wohl kaum für mich entschieden", schlussfolgert Charlotte Thul.

Der größte Unterschied zur christlichen Kultur sei das Essen. Juden ernähren sich koscher. Das bedeutet, dass Milch- und Fleischprodukte nicht vermengt werden dürfen. "Meine Gastfamilie hatte zwei Spülmaschinen und zwei Sätze Geschirr", berichtet die 20-Jährige.

Am Freitagabend nach Sonnenuntergang habe sie am deutlichsten gemerkt, dass sie in einer jüdischen Familie war: Der Sabbat begann. Die Kinder hatten früher Schulschluss, und auch der Vater beendete seine Arbeit zeitiger. "Es wurde auf hebräisch gebetet, der Wein gesegnet, Kerzen wurden angezündet, dann wurde zusammen gegessen", erzählt Thul. Am nächsten Morgen sei die Familie gemeinsam in die Synagoge gegangen.

Die Gastfamilie lebte auch streng nach dem achten Gebot: Sie heiligte den Feiertag und arbeitete nicht. "Auch Auto fahren war nicht erlaubt", berichtet Thul.

"Es war interessant, Amerika auf diese Weise kennenzulernen. Es hat mir gezeigt, wie sehr ich die deutsche Kultur schätze. Amerika hat in dem Sinne keine Kultur. Es gibt nicht das typisch Amerikanische", lautet das Fazit der Triererin.

Sie würde immer wieder Urlaub in Amerika machen - aber sie kann sich nicht vorstellen, dort zu leben.

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