| 20:45 Uhr

Als die Porta Nigra brannte

FOTO: roland morgen (rm.) ("TV-Upload morgen"
Trier. Porta Nigra - schwarzes Tor - so heißt Triers weltbekanntes Wahrzeichen erst seit dem Mittelalter. Denn das einstige römische Stadttor war ursprünglich hellbeige. Die namensgebende Schwärzung rührt nicht etwa auf Raucheinwirkung zurück, sondern auf Steinflechtenbelag. Gebrannt hat die Porta aber tatsächlich einmal, und der Archäologe Hartwig Löhr hat konkrete Vorstellungen davon, wann das war. Roland Morgen

Trier. Oft zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus müssen - das kann für einen Patienten ganz schön nervig sein. Hartig Löhr (69) hat aus der Not eine Tugend gemacht. Auf dem Weg ins Brüderkrankenhaus kam der pensionierte Landesmuseums-Archäologe, von Haus aus Steinzeit-Spezialist, "oft genug" an der Porta Nigra vorbei. "Dort blieb mein Blick immer haften." Und zwar an Details, die nur aufmerksamen Betrachtern auffallen: "Ganz eindeutige Brandspuren" an den Außenbögen der Tordurchfahrten.
Löhrs Forschergeist war wieder einmal herausgefordert. Dass es an der Porta gebrannt hat, ist für Fachleute klar. Ebenso, dass ihr farbliches Erscheinungsbild eben nichts mit Feuer und Ruß zu tun hat. Die Verdunklung des einstmals hellbeigen Kordeler Sandsteins geht auf Steinflechten zurück, die sich im Lauf von mehr als 18 Jahrhunderten auf dem Gemäuer breitgemacht haben.Rötliche Verfärbung durch Brand


Löhrs Interesse galt rötlichen Feuerspuren, über die seine berühmten Kollegen Heinz Cüppers (1929 bis 2005) und Erich Gose (1899 bis 1971) schon gerätselt haben und ihre Entstehung in fränkischer Zeit im fünften Jahrhundert vermuteten, ohne sich weiter damit zu befassen. Löhr aber hatte die Zeit und die Muße, sich einem vermeintlich unbedeutenden Detail zu widmen. Dabei fiel ihm auf, dass die hitzebedingten Steinabplatzungen und Verfärbungen aus römischer Zeit stammen, also älter sein müssen.
Ein wichtiges Indiz: Die Brandspuren sind entstanden, bevor sich Metallräuber in fränkischer Zeit an der Porta vergriffen und die mit Blei vergossenen Eisenklammern, die ihre mächtigen Quader verbanden, herausbrachen.
Und dass es vielleicht wenige Jahre vorher gebrannt hat, hält Löhr für ausgeschlossen: Denn im fünften Jahrhundert, zu dessen Beginn mehrfach Germanen die von Kaiser und Militär längst verlassene Stadt überfallen und zerstört hatten, hatte die Porta längst ihre Funktion als Bollwerk verloren.
Rückblende: Erbaut wird die Porta im späten zweiten Jahrhundert als Nordtor einer fast sechseinhalb Kilometer langen Mauer, die das römische Trier umschließt. Nebst vier Dutzend Türmen gehören zwei weitere Torburgen im Porta-Stil dazu: eine am westlichen Stadtzugang (Römerbrücke), eine im Süden (an der heutigen Kreuzung Saar-/Töpferstraße). Im vierten Jahrhundert kommt ein weiteres großes Tor im heutigen Stadtteil Heiligkreuz dazu.
Das Kuriose: Die um 17 v. Chr. gegründete Augusta Treverorum - Stadt des Kaisers Augustus im Land der Treverer - braucht zu jener Zeit keine Umwehrung. Trier liegt im Hinterland der von vielen Legionen gut gesicherten Rheingrenze. Geschichtsforscher sind sich deshalb ziemlich einig in der Auffassung, dass der Tore- und Mauerbau reiner Protz war.
Und dennoch ist die Wehrhaftigkeit des Repräsentionsbauwerks bald gefragt - weil plötzlich Römer gegen Römer kämpfen. Im Bürgerkrieg 193 bis 197 belagern Soldaten des aus Britannien gekommenen Aufständischen Clodius Albinus die Stadt, die auf der Seite von Kaiser Septimius Severus steht. Die Porta, der noch der bauliche Feinschliff fehlt, und die Mauer halten stand. Die aus Mainz herbeigeeilte 22. Legion vertreibt die Angreifer. Clodius Albinus und seine Truppen werden wenig später im Februar 197 in einer gigantischen Schlacht in der Nähe von Lyon vernichtend geschlagen.
Hartwig Löhr glaubt, dass die Feuerspuren an der Porta von der Belagerung 197 stammen, hervorgerufen durch Brandsätze, die gegen die heruntergelassenen Falltüren geschleudert worden sind. Diese Verschlüsse waren demnach auch keineswegs gitterartige Fallgatter, wie bisher angenommen, sondern bildeten eine metallbeschlagene geschlossene Fläche. Denn die Hitzerötungen und Abplatzungen beschränken sich auf die Außenwangen der Tordurchfahrten. Bei einer Gitterkonstruktion hätte das Feuer auch nach innen gewirkt. Die Angreifer hätten "ganz klar das Ziel verfolgt, die beiden Tore zu knacken".Noch viele Porta-Geheimnisse


Über seine Theorie vom Porta-Brand schreibt Löhr im neuen Band 47 der Schriftenreihe "Funde aus Ausgrabungen im Bezirk Trier" des Rheinischen Landesmuseums Trier (siehe Extra). Darin schlägt er vor, bei der in einigen Jahren anstehenden Sanierung der Porta Nigra die Brandspuren mit wissenschaftlichen Methoden genauer zu untersuchen, "um wenigstens eine der vielen Geheimnisse des Bauwerks zu lüften".
Dass die Porta nicht ganz so rätselhaft ist wie die anderen Torburgen, die allesamt im Mittelalter als Steinbruch genutzt wurden, ist zwei Männern zur verdanken, die vor 1000 Jahren lebten. Der eine, der Mönch Simeon, verbrachte seine letzten Lebensjahre als Einsiedler im Ostturm, der andere, Erzbischof Poppo, wandelte nach Simeons Tod und Heiligsprechung 1035 die Porta zur Kirche um, die im Laufe des Mittelalters immer mehr Anbauten erhielt.
Mehr als 750 Jahre war die Porta Nigra Gotteshaus - bis zur Schließung durch Napoleon 1802. Bis auf die 1150 von Erzbischof Albero an den Ostturm angebaute Apsis wurden alle sakralen Zutaten in den folgenden Jahrzehnten abgerissen.
Die Porta Nigra in bewegten Bildern unter

volksfreund.de/videoExtra

Der "Funde und Ausgrabungen"-Band 47 enthält neben Hartwig Löhrs Porta-Beitrag auf insgesamt 132 Seiten zwölf weitere Artikel. Sie bieten auch Laien eine spannende Lektüre, weil die Autoren auch für Laien verständlich schreiben und auf Fachchinesisch weitestgehend verzichten. Themen sind unter anderem das Diatretglas von Niederemmel (Autor: Lothar Schwinden), Die römische Villa von Bodenbach im Kreis Vulkaneifel (Peter Henrich), die Belagerung Triers durch Franz von Sickingen im Jahr 1522 (Frank Unruh) und die neuen Erkenntnisse zum westlichen Abschluss der Trierer Kaiserthermen (Joachim Hupe/Bruno Kremer). Band 47 der "Funde und Ausgrabungen im Bezirk Trier" ist für 8 Euro erhältlich im Shop des Rheinischen Landesmuseums (Weimarer Allee 1) und im Buchhandel. rm.

 Rote Brandspuren an den Porta-Torbögen: Hartwig Löhr (oben) hält sie für Relikte der Belagerung Triers im Jahr 197 durch Truppen des Clodius Albinus, der Kaiser Septimius Severus stürzen wollte. Doch das Nordtor der römischen Stadtmauer hielt der Attacke stand. Nach wechselvoller Geschichte ist sie heute das Haupt-Wahrzeichen Triers. Die drei anderen Torburgen sind schon seit dem Mittelalter von der Bildfläche verschwunden. TV-Fotos (3): Roland Morgen
Rote Brandspuren an den Porta-Torbögen: Hartwig Löhr (oben) hält sie für Relikte der Belagerung Triers im Jahr 197 durch Truppen des Clodius Albinus, der Kaiser Septimius Severus stürzen wollte. Doch das Nordtor der römischen Stadtmauer hielt der Attacke stand. Nach wechselvoller Geschichte ist sie heute das Haupt-Wahrzeichen Triers. Die drei anderen Torburgen sind schon seit dem Mittelalter von der Bildfläche verschwunden. TV-Fotos (3): Roland Morgen FOTO: roland morgen (rm.) ("TV-Upload morgen"
FOTO: roland morgen (rm.) ("TV-Upload morgen"