Geschichte: Als Hilfe aus der Schweiz Trierer Kinder rettete

Geschichte : Als Hilfe aus der Schweiz Trierer Kinder rettete

Die humanitäre Hilfe aus dem Alpenland feiert ein besonders Jubiläum. Nach dem Ersten Weltkrieg organisierten Eidgenossen vor 100 Jahren eine spontane Kindervorsorge. An das „Schweizer Dorf“ auf dem Augustinerhof in Trier nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert inzwischen eine Gedenkplakette.

Wer auf dem Augustinerhof in Trier steht und sich umblickt, erhält Hinweise auf die Geschichte des Platzes. In dem ehemaligen Kirchengebäude des Bettelordens der Eremiter (um 1320 n.Chr.) diskutiert heute regelmäßig der Stadtrat, davor war es Gefängnis, Reiterkaserne und Armenhaus. An der südlichen Seite des Platzes erinnert der massive Hochbunker an die kriegerischen Zeiten, bei denen die Stadt mit ihrer Bevölkerung häufig zur Zielscheibe wurde. Aufmerksame Besucher finden am Eingang des Rathauses einen weiteren Verweis auf das, was sich hier vor etlichen Jahrzehnten abgespielt hat. Die Plexiglas-Plakette auf der Mauer erzählt seit einigen Wochen von dem Schweizer Dorf auf dem Platz, das in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg viele Trierer Kinder vor Hunger, Krankheit und Tod gerettet hat.

„Wir sind von unserer Herz-Jesu-Schule in Schlangen zum Schweizer Dorf gegangen. Dort mussten wir uns erst einmal anstellen, weil auch Kinder von anderen Schulen dort warteten. Aber wir haben sehr geduldig und mit großer Vorfreude gewartet, denn das Warten wurde mit leckerem Essen belohnt.“ So hat sich Christel Schäfer, geborene Martin, an das erinnert, was sie als Sechsjährige erlebte (TV vom 25. November 2016).

1946 neu aufgebaut: Die Baracken des Schweizer Dorfs auf dem Trierer Augustinerhof, direkt neben dem Hochbunker. Foto: Stadtarchiv Trier

Genau 70 Jahre waren damals vergangen, seit die Hilfe aus der Schweiz die große Not in Trier gelindert hat. Bernhard Simon, Leiter des Stadtarchivs, hatte im Herbst 2016 einen viel beachteten Vortrag in Erinnerung an das Schweizer Dorf gehalten. Er ist die Hauptquelle für diesen Bericht.

Bereits nach dem Ersten Weltkrieg gab es in den Jahren 1918/1919 aus der Schweiz Unterstützung für Deutschland. Die eher spontane private Kinderfürsorge wurde mit Ende des Zweiten Weltkriegs in professionalisierter Form fortgesetzt. Ein wesentliches Element der groß angelegten und europaweit angelegten Hilfsaktion waren soziale Zentren – die Schweizer Dörfer.

Das Lächeln für den Fotografen gelingt nicht allen: Kindergruppe im Schweizer Dorf auf dem Trierer Augustinerhof. Foto: Stadtarchiv Trier

Als im April 1946 eine fünfköpfige Delegation von Eidgenossen in Trier mit den Vorbereitungen für den Aufbau eines solchen Zentrums auf dem Augustinerhof begann, herrschte in der Stadt große Not. Im März war auf der zerstörten Basilika eine schwarze Hungerflagge gehisst worden. Die Menschen versuchten sich verzweifelt, im Tauschhandel und auf dem Schwarzmarkt mit Lebensmitteln zu versorgen. Pro Einwohner, so ist in diversen Quellen belegt, standen damals nur 880 Kalorien pro Tag zur Verfügung. Mindestens 2000 Kalorien gelten als Richtwert für eine ausreichende Ernährung.

Noch schlimmer als die Erwachsenen litten die Kinder. Sie standen deshalb im Mittelpunkt, als am 27. Mai 1946 in vier eilig errichteten Baracken auf dem Augustinerhof die tägliche Hilfe begann. 2000 Kinder wurden in den folgenden Monaten täglich gespeist. Bis zum Ende am 30. Juni 1948 wurden mehr als eine Million Essensportionen ausgegeben. Die aus der Schweiz gelieferten Lebensmittel wurden im Hochbunker gelagert. Gekocht wurde im heutigen Rathaus.

Ein Hilfsausschuss unter der Leitung des damaligen Oberbürgermeisters Friedrich Breitbach achtete darauf, dass es gerecht zuging. Vertreter der Caritas Trier, der Arbeiterwohlfahrt, der Inneren Mission und des Roten Kreuzes organisierten die Auswahl für die Speisung und die Einteilung der Kinder nach Bedürftigkeit. Jedes Kind zwischen sechs und 14 Jahren, so ist in den genau geführten Büchern nachzulesen, erhielt täglich 450 Kalorien Zusatzverpflegung. Ausgabestellen gab es auch an Trierer Schulen. Ein Kindergarten wurde eingerichtet, in dem die kleineren Kinder in der Regel sechs Wochen lang aufgepäppelt wurden. Rund 1200 Kinder, die an Tuberkulose erkrankt oder an der Schwelle zur Erkrankung standen, erhielten reinen Lebertran, um die mangelnde Fettzufuhr auszugleichen. 500 Kleinkinder und Säuglinge wurden mit speziellen Obstsäften versorgt.

Doch die Hilfe reichte noch weiter: Hunderte neue Schuhe wurden verteilt. In der Schusterei wurden zusätzlich 250 Paar Kinderschuhe monatlich repariert. Dringend benötigte Kleidungsstücke entstanden in der Nähstube. Und 50 ausgewählte Frauen strickten tausendfach Kinderbekleidung. Insgesamt wurde an 12 000 Kinder Kleidung ausgegeben. Für alle Säuglinge gab es ein Paket aus Babywäsche, Windeln, Trinkflasche und Nahrungsmittel. Werdende Mütter durften aus der Beratung spezielle Kindernahrung mitnehmen. Und an besonderen Feiertagen gab es Schokolade, insgesamt 30 000 Tafeln. Doch auch die Erwachsenen Trierer profitierten in der Nachkriegszeit von der Hilfe aus der Schweiz. Unter anderem 1800 Zentner Kartoffeln und 800 Zentner Äpfel wurden verteilt.

Eine besondere Rolle spielte vor 70 Jahren auch das Schloss Lieser an der Mosel. In einem dank einer Schweizer Spende angemieteten Flügel des herrschaftlichen Gebäudes wurden insgesamt 300 stark unterernährte und von Tuberkulose bedrohte Kinder zur Kur untergebracht.

Oberbürgermeister Wolfram Leibe (li) und Initiator Professor Dr. Jörg Hasler (ehemaliger Trierer Uni-Präsident) haben gemeinsam die Gedenktafel „Schweizer Dorf“ am Trierer Rathaus enthüllt. Foto: Friedemann Vetter. Foto: fRIEDEMANN vETTER/Friedemann Vetter

Mit der Währungsreform im Juni 1948 verbesserte sich die Versorgungslage auch in Trier. Ein Schreiben an die Schweizer Delegation zum Ende der Hilfsaktion am 30. Juni dokumentiert die Dankbarkeit der Menschen damals: „Die Trierer haben aus Ihrem Wirken erkannt, dass die Liebe stärker ist als der Hass, und sie schöpfen daraus die Hoffnung, dass doch einmal die Liebe zueinander zu Glück und Wohlfahrt führen möge.“

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