Als Mann fühlt er sich verkleidet

Als Mann fühlt er sich verkleidet

Travestiekünstler auf der Bühne erfahren in der Gesellschaft eine gewisse Bewunderung. Transvestiten, die sich im Alltag in Frauenkleidung zeigen, werden von manchen Menschen hingegen oftmals als befremdlich bis verstörend wahrgenommen. Horst alias Wanima ist einer von ihnen: ein Trie rer, der sich in Frauenkleidung keineswegs verkleidet vorkommt.

Trier. Horst (Name geändert) ist Anfang 50 und ein Kerl wie ein Baum: groß und breitschultrig. Doch diese typisch männlichen Attribute machen ihn nicht stolz - er fühlt sich schön in Stöckelschuhen und Sommerkleid, wenn er mit wehenden langen Haaren als "Wanima" durch Trier spaziert.
Selbstbewusst und fröhlich nimmt er an einem der Tische am Kornmarkt Platz und erzählt ganz offen von seinem Leben als Transvestit. Vor seiner Familie allerdings hält er seinen Fetisch geheim, daher möchte er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. "Meinen Eltern würde das den Rest ihres Lebens Kummer bereiten", sagt er. Geboren und aufgewachsen in Südwestdeutschland, hat er früh gemerkt, dass etwas mit ihm anders ist. "In der Welt meiner Eltern habe ich mich immer fremd gefühlt. Ich sollte das Imitat meines Vaters werden, ein Handwerker - bloß nichts ,Studiertes'. Dass ich nicht so war, wie sie sich das vorstellten, habe ich gespürt."
Horst entschied sich für ein geisteswissenschaftliches Studium und zog nach Trier. Zu Hause an seinem Schreibtisch arbeitete er in Nylonstrümpfen, High Heels und seidenem Morgenmantel. Wenn es an der Tür klingelte, kam er ins Schwitzen und "verkleidete" sich schnell wieder als Mann.
Den entscheidenden Impuls, sich endlich auch außerhalb der Wohnung in Frauenkleidung zu zeigen, gab ihm seine Ex-Freundin. "Diesen Schritt vor etwa acht Jahren habe ich nie bereut, ich habe seitdem nur davon profitiert", sagt Horst. "Zuerst habe ich habe Blut und Wasser geschwitzt, immer in unglaublicher Angst, erkannt zu werden." Doch nach und nach wurde er sicherer. Auch durch Kontakte im Internet erfahre er viel Zuspruch, erzählt er. Offene Aggressivität schlägt ihm nicht oft entgegen - nicht nur, weil Statur und Größe ahnen ließen, dass er sich durchaus wehren könnte, meint er. Einmal sei er von einem jungen Mann angepöbelt worden, der sich später bei ihm entschuldigt und ihn für sein Selbstbewusstsein bewundert habe. "Er wäre selbst gerne als Transvestit durchs Leben gegangen, traute sich aber nicht. Er war todunglücklich."
Wanima findet schnell Kontakt zu Menschen, die offen und neugierig auf "sie" zugehen. "Die Akzeptanz ist größer, als man denkt. Man muss sich nur trauen", sagt sie, und ihre Augen, umrahmt von getuschten Wimpern, leuchten. Auch jetzt, während des Gesprächs, schauen immer wieder Menschen zu ihr herüber: belustigt, ungläubig und auch anerkennend. Für die meisten Menschen wäre es unangenehm, sich den Blicken der Passanten zu stellen - doch Wanima genießt es sogar. "Wenn ich nicht mehr auffalle, bin ich alt und hässlich", kokettiert sie und ein Männerlachen kommt aus dem geschminkten Mund. "Ich vermeide es, mich allzu oft in reinen Transvestitenkreisen zu bewegen, wie das viele machen. Sie begeben sich durch gegenseitiges Anerkennen und Komplimentieren in eine Scheinwelt, während ich bevorzuge, mich mit allen Arten Menschen in der richtigen Welt auseinanderzusetzen."
Eine feste Partnerin hat Horst-Wanima derzeit nicht. Als Frau mit einem Transvestiten liiert zu sein, verlange auch im Jahr 2015 noch ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und Verständnis.
"Als Mann habe ich noch nie Wert auf mein Äußeres gelegt und fühle mich verkleidet", sagt Wanima und streicht sich eine Strähne ihrer Perücke aus dem Gesicht. Durch den Artikel im TV möchte sie anderen Transvestiten Mut machen, mit sich ins Reine zu kommen: "Jeder muss seinen Weg finden."

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