Alt und arm

TRIER. Der neue Pullover darf nur 15 Euro kosten, die neue Brille bedeutet drei Monate Sparen: Bei vielen Senioren im Altenheim reicht das knappe Taschengeld kaum für das Nötigste.

"Das Taschengeld unserer Senioren fängt bei 90 Euro im Monat an", berichtet Irmgard Rosen, Buchhalterin im Trierer Alten- und Pflegeheim "Hildegard von Bingen". Ein großer Teil der 125 dort lebenden Senioren bekommt Sozialhilfe. "Der Barbetrag ist für alle persönlichen Bedürfnisse gedacht", berichtet Irmgard Rosen. "Dazu gehören beispielsweise Körperpflegemittel. Wir kaufen sie so günstig wie möglich ein und geben sie zum Selbstkostenpreis weiter." "Nicht einmal ein Buch pro Monat ist drin"

Auch Friseur, Hand- und Fußpflege, Medikamenten- und Gymnastikzuzahlung müssen vom Taschengeld bezahlt werden. Kleidung muss gesondert beantragt werden und darf nicht teuer sein. "Wenn jemand gern mal ein Bierchen trinkt, kann es schon knapp werden", sagt Irmgard Rosen. Ralf Frühauf vom Presseamt der Stadt Trier bestätigt: "Taschengeld ist seit Einführung des Sozialgesetzbuches am 1. Januar 2005 auf 90 Euro festgelegt. Einen Zusatzbarbetrag gibt es nicht mehr." Ausnahme: "Kindererziehungsleistungen für Frauen, die vor 1921 geboren wurden, stehen zusätzlich zur Verfügung." Für Oberbekleidung seien einmalige zusätzliche Beihilfen möglich. Vor allem Raucher und Vieltelefonierer kämen kaum mit ihrem Taschengeld aus, berichtet Irmgard Rosen. Im Altenheim versucht man dennoch, den Bewohnern etwas zu bieten: "Wir organisieren Ausflüge, Stammtische, Schachabende und einmal die Woche Kino." Birgit Hansen vom Mutter-Rosa-Altenzentrum berichtet: "Eine Reihe von Medikamenten wird zwar verschrieben, aber nicht von den Krankenkassen finanziert. Es ist richtig heftig, was heutzutage auf die Menschen zukommt." Fakt sei, dass viele Senioren mit dem Verfügungsbetrag nicht zurecht kämen. Sie seien neben dem Sozialamt auf die Unterstützung ihrer Angehörigen angewiesen. Birgit Hansen beklagt: "Keiner ist bereit, die Rahmenbedingungen zu verbessern, weil das ja Geld kostet." Für die alten Menschen sei der Gang zum Sozialamt schlimm: "Sie haben oft ihr Leben lang gearbeitet und beziehen eine gute Rente. Ich höre oft: ,Das ist das Ende, das überleb' ich nicht!'" Daniel Knopp, Leiter des St. Josefstifts, rechnet vor: Telefon, Rezeptgebühren, Praxisgebühr, Friseur, Fußpflege - vom Taschengeld sei dann nicht mehr viel übrig. Wenn dann noch einmalige Anschaffungen hinzukommen, reicht es hinten und vorne nicht. "Wir haben eine Brillenträgerin, die auch Raucherin ist. Sie musste für ihre neue Brille drei Monate lang sparen und auf ihre Zigaretten verzichten. Viele Seniorinnen können sich nicht einmal ein neues Buch pro Monat leisten." "Wir haben nicht die Kraft, uns zu wehren"

Angela Baumann liegt nach einem schweren Sturz im Bett, ist ansonsten aber sehr rege mit ihren fast 93 Jahren. "Solange es noch die D-Mark gab, kam ich aus und hatte meine kleine Reserve", erzählt die alte Dame, die im Mutter-Rosa-Altenzentrum lebt. Ihr Schlafmittel müsse sie selbst zahlen, die geliebten Erdbeeren oder ein Eis könne sie sich nur selten leisten. Ihre Mitbewohnerin Margarethe Bechtold schimpft: "Der Arzt hat mir ein Blutverdünnungsmittel verschrieben, das muss ich selbst zahlen. Und meine Krankengymnastik ist auch gestrichen! Wir haben keine Lobby. Aber wir haben nicht die Kraft, uns zu wehren!"

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