Alte Kelterstation mit inneren Werten
Ein Industriedenkmal mit hohem Ausbau- und Nutzungspotenzial ist der Schweicher Winzerkeller. Was in dem riesigen Backsteinbau möglich wäre, demonstriert die Innenarchitektin Nadine Wintrich mit ihrer Diplomarbeit.
Schweich. "Was wird aus dem ehemaligen Winzerkeller?" - diese Frage bewegt nicht nur die Schweicher Kommunalpolitiker, seit 2003 die alte Traubensammel- und Kelterstation am Rande der Stadt stillgelegt wurde. 1899 hatte die ehemalige Winzergenossenschaft Schweich die für damalige Verhältnisse "gigantische" Anlage errichtet. 104 Jahre lang blieb sie zur Lesezeit der Dreh- und Angelpunkt der örtlichen Genossenschaftswinzer. Diese Ära endete 2004, als die Moselland e.G. Bernkastel-Kues, Nachfolgerin der Winzergenossenschaft, eine hochmoderne zentrale Kelteranlage in Longuich in Betrieb nahm. Die Stadt Schweich hätte das denkmalgeschützte Anwesen gerne übernommen und zum Bürger- und Vereinshaus umgestaltet - doch dies scheiterte an der knappen Kassenlage. Als der Winzerkeller dann in Privathand überging, gab es Überlegungen zu einer kooperativen öffentlichen Nutzung auf Pachtbasis. Diese dürften inzwischen durch den im Grundsatz beschlossenen Bau eines Bürgersaals am Schulzentrum überholt sein (der TV berichtete).
Welches Potenzial in dem Industriedenkmal steckt, zeigt nun die Innenarchitektin Nadine Wintrich aus Schweich. Im Rahmen ihrer Diplomarbeit hat sie das Industriedenkmal zu einem Mehrzweckbau mit Restaurant, Galerie, Bar, Vinothek, Außenterrasse und Gemeindesaal umgestaltet. Als Grundlage dienten die im Original erhaltenen Gebäudepläne. "Ansonsten hätte ich mühsam alles neu vermessen müssen", sagt die 27-Jährige.
Auffallend an der Wintrich-Planung sind die vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten unter einem Dach: Das Erdgeschoss als Restaurant, das Obergeschoss als Galerie und eine Vinothek im Gewölbekeller, der dazu bereits das passende Ambiente bietet. Zudem kann das Erdgeschoss bei Bedarf als Veranstaltungsort dienen. Ein dazu in der Raummitte angeordnetes Podest wird zur Bühne und sorgt im "Normalbetrieb" für eine Raumgliederung. Platz für Privat- oder Vereinsfeierlichkeiten bietet zudem der Gewölbekeller, der auch über einen eigenen Zugang verfügt.
"Mein Konzept soll zudem das gesamte Gebäude erlebbar machen", sagt Wintrich. Die Architektin nutzt dazu eine Treppenkonstruktion mit Zwischenpodesten als verbindendes Gestaltungselement. Unterschiedliches Mobiliar, Stehtische, verrückbare Möbel und feste Bänke unterstreichen die verschiedenen Bereiche.
Wintrich: "Das Konzept zeigt, wie eine flexible und somit umfassende Nutzung des Keltergebäudes möglich ist, ohne dass das Gebäude seinen Ursprung verliert."
Die Arbeit der Architektin kann am heutigen Donnerstag und morgigen Freitag, 15. und 16. Oktober, 19 bis 20 Uhr, im Niederprümer Hof in Schweich besichtigt werden.
Meinung
Zwei Seiten der Medaille
Dieses Nutzungskonzept für den alten Winzerkeller ist leider "nur" die Diplomarbeit einer jungen Architektin und ohne Aussicht auf eine Verwirklichung. Allerdings führt diese Arbeit dem Betrachter auch das Entwicklungspotenzial vor Augen, das in dem Gebäude steckt. Ist es eine Demonstration der verpassten Möglichkeiten? Leider nein: Eine schöne Konzeption ist nur die eine Seite der Medaille, ihre wirtschaftliche Umsetzung die andere. Hätte Schweich den Komplex am Stadtrand seinerzeit gekauft und auch nur in Teilen umgenutzt, wäre das mit einem finanziellen Kraftakt verbunden gewesen - dies mit hohem Risiko und einer fragwürdigen Kosten-Nutzen-Rechnung. Gelitten hätten in jedem Fall wichtige und bürgernahe Projekte wie der neue Synagogen-Vorplatz oder die Ortsentlastungsstraße. f.knopp@volksfreund.de