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Amokfahrt Trier 2020: So half die Notfallseelsorge Menschen

Jahrestag der Amokfahrt : „Als ich in die Brotstraße gekommen bin, war da Krieg“ — Wie die Notfallseelsorge den Menschen nach der Amokfahrt geholfen hat

Daniela Standard war als Notfallseelsorgerin am 1. Dezember früh am Ort des Geschehens. Die Hilfe für Menschen in Ausnahmesituationen ist für sie eine Lebensaufgabe. Um das Erlebte zu verarbeiten, hilft ein Ritual.

Daniela Standard kann sich noch genau an den 1. Dezember 2020 erinnern: „So etwas vergisst man nicht“, sagt die Notfallseelsorgerin, die damals kurz nach der grausamen Amokfahrt vor Ort war. „Auto in Menschengruppe, terroristische Gefahrenlage“ – so lautete damals die Info, mit der sie von der Rettungsleitstelle angefordert wurde. „Am Viehmarkt war nichts, also bin ich in Richtung Innenstadt gegangen“, sagt die heute 58-Jährige. „Aber als ich in die Brotstraße gekommen bin, war da Krieg.“

Nicht einmal eine halbe Stunde davor war der mittlerweile als Mörder verurteilte Täter mit seinem Geländewagen durch die Fußgängerzone gerast und hatte eine Spur von Tod und Verwüstung hinterlassen. Normalerweise bringt die Koordinatorin des aktuell 16 Aktive zählenden Notfallseelsorgeteams für die Stadt Trier und den Kreis Trier-Saarburg wenig aus der Fassung. „Als ich den kaputten Kinderwagen und Blut auf der Decke gesehen habe, ist mir aber richtig schlecht geworden.“ Doch auch an diesem Tag verdrängte die Notwendigkeit der professionellen Hilfe schnell den Schrecken, dass auch ein Baby unter den Opfern war.

Mehrere Tage nach der Amokfahrt in Trier war die Notfallseelsorge noch auf dem Hauptmarkt im Einsatz

Zunächst in einer Drogerie, dann im Stadttheater seien damals erste Anlaufstellen eingerichtet worden, wo geschockte Menschen und potenzielle Zeugen betreut wurden. Mit einem Kollegen sei sie später in das Hilfezentrum in der Arena gefahren. „Am Tag danach waren wir dann in der Stadt, bei traumatisierten Zeugen und mit der Polizei auch an der Schule der getöteten Lehrerin, um zu helfen.“ Es folgten weitere Tage auf dem Hauptmarkt als eine von mehreren Ansprech- und Gesprächspartnern für geschockte Passanten.

Wie immer, wenn die Frauen und Männer der ökumenischen Notfallseelsorge unterwegs sind, ging es darum, den Menschen eine Stütze zu sein. „Wir sind keine Therapeuten, sondern für den Akutfall ausgebildet“, macht Daniela Standard deutlich. „Es geht in der Regel um das Zuhören und Trösten, zum Beispiel der Angehörigen in den ersten Stunden, nachdem ihnen eine Todesnachricht überbracht worden ist.“

Sie selbst hat praktische Theologie studiert und arbeitet als Gemeindereferentin und Religionslehrerin in der Pfarrei Edith-von-Stein. Zehn Prozent ihrer Arbeitszeit darf sie offiziell für die Notfallseelsorge verwenden. Die Ausbildung neuer Kräfte kann sie mit diesem Zeitbudget nicht leisten. „Ich habe zwar die Qualifikation dafür, aber das würde etwa 100 Stunden in Anspruch nehmen.“ Die anstehende Schulung von sechs neuen Teammitglieder erfolge deshalb bei der evangelischen Kirchengemeinde in Bonn und Simmern.

So arbeitet die Notfallseelsorge in Trier

Sobald die neuen Helfer auf ihre verantwortungsvolle ehrenamtliche Arbeit vorbereitet sind, werden sie in den Bereitschaftsdienst der beiden Notfallseelsorgeteams für die Bereiche Nord und Süd integriert. Aktiv sind diese Teams an sieben Tagen in der Woche, rund um die Uhr. „In der Regel werden wir von der Polizei oder der Einsatzleitstelle angefordert“, erläutert Standard. „Über den Notruf 112 können sich aber auch Menschen melden, die akut unsere Hilfe brauchen, zum Beispiel bei Suizidgedanken oder nach dem natürlichen Tod eines Angehörigen.“

Geholfen wird allen, egal, welcher Religion sie angehören. Oft sind die Helfer im Zweierteam unterwegs. Zwei bis acht Stunden dauert ein Einsatz, auch mitten in der Nacht. „Wir bleiben, bis die Menschen eine Stütze gefunden haben.“

Aber wie verkraften die Notfallseelsorger selbst traumatische Erlebnisse wie die Amokfahrt oder das katastrophale Hochwasser in Ehrang? „Wir arbeiten mit der Lebensberatung des Bistums zusammen und haben auch die Möglichkeit zur Supervision“, sagt Daniela Standard, die privat auch mit ihren beiden Pferden einen Ausgleich findet. „Außerdem hilft ein Ritual bei der Übergabe der Notrufmelder nach jeder Bereitschaft: Dann unterhalten wir uns eine Stunde lang über das Erlebte.“

Tatsächlich hat die furchtbare Amokfahrt aber auch Folgeaspekte, die als positiv bezeichnet werden könnten: „Wir sind als Notfallseelsorger seitdem Teil Blaulicht-Familie“, formuliert es die Mutter von drei jungen Männern. Die Zusammenarbeit mit der Polizei, besonders aber mit der Feuerwehr, sei toll. „Wir verlernen oft, dankbar zu sein für das, was wir haben. Die Arbeit für die Nofallseelsorge lehrt auch Demut.“