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Andere Städte: Wie die Amokfahrt die Bevölkerung von Münster verändert hat

Gastbeitrag : Ein Blick auf andere Städte: Die Amokfahrt, die Münster veränderte

Die Amokfahrt vom 1. Dezember versetzte Trier in einen Schockzustand. Wir blicken darauf, wie andere Städte mit solch unfassbaren Taten umgegangen sind: Wie haben sie sich verändert? Wie erinnern sie an die Opfer? Teil 1 startet in Münster, mit Einordnungen eines früheren Trierers.

Es ist Samstag, der 7. April 2018. In Münster ist es der erste schöne Frühlingstag des Jahres. Ich habe es mir nachmittags auf dem Balkon gemütlich gemacht, im Radio läuft – in alter Verbundenheit zur Heimat – SWR3. Plötzlich wird die Radio-Musik vom lauten Geräusch eines Hubschraubers übertönt. Unmittelbar nach dem ersten Hubschrauber höre ich einen zweiten, dann Sirenen von Polizei und Krankenwagen. Irgendetwas muss passiert sein. Dann landen im Sekundentakt Nachrichten auf meinem Handy. Es heißt, dass in Münsters Innenstadt ein Auto in eine Menschengruppe gefahren sei. Zugleich melden sich Freunde und Verwandte – viele davon aus Trier, wo ich bis Ende 2012 gelebt habe – mit der Frage: Geht es Euch gut? Im Laufe des Tages wird die Lage klarer: Es stellt sich heraus, dass es die Amokfahrt eines psychisch Kranken war. Das Auto ist auf die Außenterrasse des Kiepenkerls – das ist eine traditionsreiche Gaststätte mitten in Münsters Innenstadt – gefahren. Es gibt – mit dem Amokfahrer – fünf Tote und mehr als 20 Verletzte.

Zeitsprung: Es ist Dienstag, der 1. Dezember 2020. Diesmal sitze ich im Homeoffice, als wieder im Sekundentakt Nachrichten auf meinem Handy landen: Bei einer Amokfahrt durch die Trierer Innenstadt gibt es Tote und Verletzte. Ich bin fassungslos: Jetzt auch in Trier. Ich schreibe den Freunden: Geht es Euch gut?

Zurück nach Münster: Hier ist das Gedenken an die Opfer der Amokfahrt weiter lebendig. Die öffentliche Gedenkfeier im vergangenen Jahr fiel Corona zum Opfer. Doch die Erinnerung bleibt: Eine einfache Metallplatte mit dem Schriftzug „Im Gedenken an die Opfer des 7. April 2018“ ist beim Kiepenkerl ins Pflaster eingelassen worden. Solche Erinnerungsorte sind wichtig; die einfache Metallplatte verhindert aber einen „Sensations-Tourismus“.

Noch wichtiger aber für den Umgang der Münsteraner mit der Amokfahrt ist ihre Haltung, die sie bei dieser, aber auch bei anderen Katastrophen der Vergangenheit zeigten und zeigen. Diese Haltung wurde bereits am Tag der Amokfahrt deutlich: Münster trauerte nicht nur, sondern Münster half praktisch und unmittelbar. Die Uniklinik rief noch am Abend der Amokfahrt zu Blutspenden für die Verletzten auf. Es kamen spontan so viele Münsteraner, dass gar nicht allen Blut abgenommen werden konnte. Solidarität wird in Münster groß geschrieben. Sie zeigte sich am Tag nach der Amokfahrt besonders beim ökumenischen Gottesdienst im überfüllten Dom. In den ersten Reihen saßen die Mitarbeitenden des Kiepenkerl. „Warum?“ Diese Frage stellte Bischof Felix Genn, der früher Weihbischof im Bistum Trier war, in den Mittelpunkt seiner Predigt. „Warum? – Ein Schrei des Schmerzes, der Hilflosigkeit, der Wut, der Trauer“, sagte der Bischof und hatte keine schnelle Antwort, insbesondere auch nicht für die Angehörigen der Opfer. Was er ihnen nur sagen konnte: „Lassen Sie sich auch in Ihrem schweren Leid von dieser großartigen Solidarität stützen und tragen.“ Von der Blutspende wie vom Gottesdienst ging das eindeutige Signal aus: Münster lässt die Betroffenen nicht allein.

Überraschend war für viele in Münster dann die Nachricht, dass der Kiepenkerl schon vier Tage nach der Amokfahrt den Innenbereich des Restaurants wieder öffnete. Ein Jahr später, beim Gedenkgottesdienst in Münsters Stadtkirche St. Lamberti, nannte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul den vielleicht entscheidenden Grund: „Wir lassen uns die Plätze unseres Lebens nicht durch die Tat eines Einzelnen entreißen.“ Und in diesem Sinn war Münster schon bald nach der Amokfahrt wieder die „heitere, junge und friedvolle Stadt“, als die sie Oberbürgermeister Markus Lewe am Tag der Amokfahrt gekennzeichnet hatte. Die Amokfahrt bleibt eine Wunde in dieser Heiterkeit und Friedfertigkeit. Aber Solidarität, öffentliche Trauer und das Wachhalten der Erinnerung – das ist der Weg, mit dem die Münsteraner mit der Amokfahrt umgegangen sind und umgehen. Und vor allem: Die Opfer werden nicht vergessen.

Dr. Stephan Kronenburg stammt aus Hermeskeil und hat von 1998 bis 2012 für das Bistum Trier gearbeitet, zuletzt als Leiter des Arbeitsbereichs „Externe Kommunikation“. Seit 2013 lebt er mit seiner Familie in Münster und arbeitet als Sprecher für den dortigen Bischof Felix Genn.

 Stephan Kronenburg, gebürtiger Hermeskeiler, lebt heute in Münster.
Stephan Kronenburg, gebürtiger Hermeskeiler, lebt heute in Münster. Foto: Achim Pohl

Wieso wir eine Serie mit dem Blick auf andere Städte starten, in denen es ebenfalls unfassbare Taten gab, erläutert Chefredakteur Thomas Roth hier.