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Angeber-Porta, Apostel-Grab, Altbach-Verrohrung

Angeber-Porta, Apostel-Grab, Altbach-Verrohrung

Wer sich als "Trier-Süder" bezeichnet, der outet sich als Zugezogener. Verwurzelte Südstadt-Bewohner sind Barbelser, Mattheiser oder Medardser. Denn der Stadtteil Trier-Süd ist - wie Trier-Nord - ein kommunalpolitisches Kunstkonstrukt, hervorgegangen aus mehreren Vororten und viel Agrarlandschaft drumherum.

Trier-Süd. Anno 1049: Papst Leo IX. kommt! Um dem hohen Gast einen gebührenden Einzug zu ermöglichen, haben die Trierer eine Brücke über den Altbach erbaut, Pons Leonis (Löwenbrücke) genannt. Bei der Überquerung der Brücke am 6. September scheut das Pferd des Papstes und wirft ihn ab. Leo bleibt unverletzt, aber der Überlieferung nach wird ihm "schwarz vor Augen", und er hat eine Vision …
Der Inhalt ist nicht überliefert. Aber dem Oberhirten wäre wohl schwarz vor Augen geworden, wenn er gesehen hätte, wie sich der Ort der Bachüberquerung knapp 1000 Jahre später präsentiert: dichte Bebauung, nebenan ein Basislager für Müllabfuhr und städtische Baufahrzeuge, in unmittelbarer Nähe rattern lautstark Güterzüge und täglich Tausende Autos vorbei. Und der Altbach - verschwunden. Der fließt seit dem späten 19. Jahrhundert unterirdisch Richtung Mosel. Nur Straßenschilder (Löwenbrückener Straße, Leoplatz) erinnern an 1049. Der Papstbesuch ist nur eines von vielen hochkarätigen historischen Highlights auf dem Gebiet des heutigen Trier-Süd. Die ersten Akzente setzen die Römer im zweiten Jahrhundert mit einem gewaltigen Bauprogramm. Spitzenprodukte: die Barbarathermen, lange Zeit das größte antike Wellnesszentrum außerhalb Roms, und eine 6,4 Kilometer lange Stadtmauer mit vier gewaltigen Torburgen. Nur eine davon ist erhalten geblieben: das Nordtor Porta Nigra. Ihr Gegenstück im Süden, die Porta Media, stand an der heutigen Kreuzung Saar-/Töpferstraße und war von ähnlichem Kaliber. 35,40 Meter breit, 22,30 Meter tief und fast 30 Meter hoch, aber dennoch kein Zwilling: Die beiden Türme sprangen im Gegensatz zur Nord-Porta nicht halbkreisförmig vor, sondern bildeten einen geraden Abschluss mit der Stadtmauer. Die Befestigungsanlage entstand mitten im tiefsten Frieden. Archäologe Klaus-Peter Goethert (68) spricht von einer "luxuriösen Angebermauer mit Protztoren. Edel, teuer, repräsentativ - und zur Zeit der Erbauung ziemlich überflüssig. Ein reines Prestigeprojekt." Dass es die trierischen Römer mit der Wehrhaftigkeit anfangs nicht allzu ernst meinten, hat Landesmuseums-Archäologe Hans Lehner (1865-1938) vor rund 120 Jahren festgestellt: Im Zuge der Untersuchungen an Fundament resten der Porta Media stieß er auf eine ursprünglich 40 Meter breite Aussparung im Mauerring. Goethert: "Das war der Standort großer Töpferanlagen, die man nicht aufgeben oder umsiedeln wollte."
Erst im dritten Jahrhundert, als es tatsächlich brenzlig für das römische Trier wird, kommt der Lückenschluss. Und zwar ziemlich hastig, wie die flickschusterartige Ausführung der Maurerarbeiten erahnen lässt.
Wie nördlich der Porta Nigra erstreckt sich zur Römerzeit südlich der Porta Media ein riesiger Friedhof. Und wie im Norden (Maximin, Paulin) entsteht im Süden über den Gräbern der als Heilige verehrten frühchristlichen Trierer Bischöfe Eucharius und Valerius eine Kirche, und es lassen sich Mönche nieder.
Kirchenpatron ist zunächst Eucharius, doch der bekommt im Hochmittelalter übermächtige Konkurrenz. 1127 werden beim Bau des heutigen Gotteshauses die Gebeine des Apostels Matthias wiederentdeckt. Sie sollen bereits im vierten Jahrhundert im Auftrag von Kaiser Konstantins Mutter Helena nach Trier gekommen sein. Zum einzigen Apostelgrab nördlich der Alpen setzt ein Pilgerstrom ein, der auch fast 900 Jahre später noch anhält. Jährlich kommen fast 150 Wallfahrergruppen und Bruderschaften nach St. Matthias.Eingemeindungen 1888 und 1912


Das um Abtei und Kirche entstandene gleichnamige Dorf gehört erst seit 1912 zu Trier, gemeinsam eingemeindet mit dem Nachbarort St. Medard. Die Bewohner von Barbeln (nach dem mittelalterlichen Dominikanerinnenkloster St. Barbara am Moselufer) und Löwenbrücken sind bereits seit 1888 Städter - und von der expandierenden Stadt förmlich überrollt worden. Dem Bauboom fallen die dörflichen Strukturen zum Opfer, wo vorher Ackerbau und Viehzucht betrieben wurden, stampfen geschäftstüchtige Bauunternehmer ein komplett neues Viertel aus dem Boden. Der Lokalpatriotismus überlebt. Der Förderverein der Grundschule St. Barbara heißt "Barbelser Pänz". Und einen Kilometer weiter südlich heißt es in Ureinwohner-Kreisen: "Einmal Mattheiser, immer Mattheiser - zumindest im Herzen."Extra

St. Medard (Madart) auf dem Trierer Gerichtsbild von 1589. Es zeigt Orte und Klöster, die damals der Trierer Gerichtsbarkeit unterstellt waren. Foto: Stadtmuseum Simeonstift
Im Gegensatz zu heute eine wahre Verkehrsidylle: Die Saarstraße um 1900 in Blickrichtung Südallee/Neustraße. Foto: Stadtarchiv Trier/Ansichtskartensammlung August Hertmanni
Frisch erbaut: Kloster/Krankenhaus und Kirche Herz Jesu im Jahr 1900. Foto: Stadtarchiv Trier/Sammlung Ferdinand Laven
Hier wohnten Schiffer und Fischer: Das St.-Barbara-Ufer um 1900. Foto: Stadtarchiv Trier/Sammlung Wilhelm Deuser

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